Szene mit Tommaso Randazzo (König Gonzaga), Katerina Hebelkova (Gertrude), Ina Yoshikawa (Königin Giovanna), Pierre-Yves Pruvot (Claudius), Magnus Piontek (Polonius), Cosmin Ifrim (Laertes) – v.l.
"Hamlet" an der Oper Chemnitz: mit Tommaso Randazzo als König Gonzaga und Katerina Hebelkova als Gertrude Bildrechte: Foto: Nasser Hashemi

Premierenkritik Oper Chemnitz überzeugt mit fast vergessenem "Hamlet"

William Shakespeare hat mit seinen Dramen das Musiktheater sehr inspiriert, man denke an König Lear, Macbeth oder Othello. Aber ausgerechnet sein Klassiker "Hamlet" auf der Opernbühne? Das Opernhaus Chemnitz hat ein fast vergessenes Stück Musiktheater ausgegraben und bringt "Hamlet" von Franco Faccio als deutsche Erstaufführung auf die Bühne. Eine echte Entdeckung, meint unser Kritiker.

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Musikkritiker

Szene mit Tommaso Randazzo (König Gonzaga), Katerina Hebelkova (Gertrude), Ina Yoshikawa (Königin Giovanna), Pierre-Yves Pruvot (Claudius), Magnus Piontek (Polonius), Cosmin Ifrim (Laertes) – v.l.
"Hamlet" an der Oper Chemnitz: mit Tommaso Randazzo als König Gonzaga und Katerina Hebelkova als Gertrude Bildrechte: Foto: Nasser Hashemi

Richard Wagner sagte: "Hamlet geht den Musiker nichts an“ - Opernkomponisten hat dieser Stoff von Shakespeare nur wenig gereizt, er war wohl zu perfekt. Ambroise Thomas hat sich eins daran gewagt und zuletzt der junge Komponist Timo Jouko Herrmann, der für die Oper Dortmund "Hamlet - Sein oder Nichtsein" komponiert hat. Komponist der in Chemnitz gezeigten "Hamlet"-Oper war Franco Faccio, ein Zeitgenosse von Verdi. Seinen "Hamlet" - original "Amleto" - hat er 1865 in Genua herausgebracht und dann nach Mailand umsetzen wollen. In der dortigen Premiere war Mario Tiberini im Titelpart allerdings indisponiert - es blieb bei einer einzigen, durchgefallenen, Aufführung. Franco Faccio soll nie wieder eine Note geschrieben haben.

In den USA wiederentdeckt

Fast 150 Jahre lang blieb Faccios "Hamlet" vergessen, erst 2014 ist das Werk in den USA wiederentdeckt und zwei Jahre darauf bei der Bregenzer Festspielen inszeniert worden. Chemnitz hat diese Inszenierung von Olivier Tambosi nun als deutsche Erstaufführung übernommen, allein das ist eine Leistung. Die Oper ist sehr nah am bekannten Shakespeare-Stoff, leichte Änderungen gibt es nur im Personal und in einigen szenischen Abfolgen. Das Libretto hat Arrigo Boito geschrieben, den wir als Komponisten von "Mefistofele" und vor allem als Verdis Hausautoren kennen.

Gustavo Peña (Hamlet), Katerina Hebelkova (Gertrude), Pierre-Yves Pruvot (Claudius)
Gustavo Peña als Hamlet, Katerina Hebelkova als Gertrude und Pierre-Yves Pruvot als Claudius in "Hamlet" an der Oper Chemnitz. Bildrechte: Nasser Hashemi

Franco Faccio hat dazu eine dramatische Musik komponiert, die mal an Verdi und Leoncavallo erinnert, Verismo und Belcanto zitiert, aber keinen so richtig einprägsamen Ohrwurm hat. Doch die Musik trägt großen Reichtum in sich und wird von der Robert-Schumann-Philharmonie unter Gerrit Prießnitz auch sehr opulent zum Klingen gebracht. Mitunter leider zu Lasten der Sängerinnen und Sänger, die sich nur schwer gegen das volle Orchester durchsetzen können.

Hauptpartien brilliant besetzt

Die Chemnitzer Besetzung zur Premiere war, zumindest in den tragenden Partien, ganz große Klasse. Gustavo Peña als Hamlet war ein schneidiger Tenor, voller Energie. Gleichauf mit ihm Katerina Hebelkova als Königin Mutter, eine Stimme vor Strahlkraft und Eleganz. Die junge Sopranistin Tatiana Larina als Ophelia spielt ihre Liebe und dann die Verzweiflung wundervoll, auch Pierre-Yves Pruvot als mörderischer König Claudius hat überzeugt und wie die anderen immer mal wieder für Szenenapplaus gesorgt. Bedauerlicherweise waren einige der anderen Nebenpartien, von insgesamt gut einem Dutzend, eher durchwachsen besetzt. Kein einheitliches Niveau. Überzeugend aber, wie immer, der Opernchor des Hauses.

Widersprüche in der szenischen Umsetzung

Szene mit Tatiana Larina (Ophelia - liegend), Gustavo Peña (Hamlet), Katerina Hebelkova (Gertrude), Noé Colín (Priester) – v.l.
Szene aus "Hamlet" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Foto: Nasser Hashemi

Regisseur Olivier brachte die "Hamlet"-Oper auf die Chemnitzer Bühne. Der aus Paris stammende Österreicher und sein Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann haben für zahlreiche Widersprüche gesorgt. Da war das Bühnenportal mit dem roten Vorhang wie in einer Revue von Glühlampen umgeben, das spiegelte sich dann sogar noch im Hintergrund. Funktioniert hat das als Spiel im Spiel, wenn Hamlet die Mordszene an seinem Vater von einer Sängertruppe vorführen lässt. Bei den Auftritten des Geistes vom ermordeten König wirkt das fragwürdig - wir werden geblendet von grellem Licht, und davor stapft ein dicker Mann unterm Blechhelm, will, dass er gesühnt wird. Da entsteht dann so etwas wie unfreiwillige Komik.

Mit den Kostümen von Gesine Völlm werden aber sehr schöne Bilder geschaffen, Rot und Schwarz dominieren, überall blicken große Augen hervor, auf dem Stoff drapiert - und Hamlet, ganz in Schwarz, kann vom trauernden Sohn über den Wüterich, den Liebenden, den Verzweifelten und den Rächer so ziemlich alles aufbieten. Sogar eine Spur von Witz und Ironie.

Von ansteckender Emotionalität

Der Chemnitzer "Hamlet" ist eine Empfehlung: Über die Unwägbarkeiten wäre zu diskutieren, doch die Emotionalität dürfte anstecken, die Besetzung der Hauptpartien überzeugt, ebenso das Orchester - und wann hat man schon mal die Gelegenheit, ein fast vergessenes Stück Musiktheater neu zu entdecken? Die Chemnitzer Oper hat eine Pionierttat geleistet, das ist ihr hoch anzurechnen und sollte genutzt werden.

Über die Aufführung "Hamlet" an der Oper Chemnitz
Oper von Franco Faccio, Libretto von Arrigo Boito

Premiere am 3. November 2018

Weitere Termine:
18. November 2018, 15 Uhr
8. Dezember 2018, 19 Uhr
18. Januar 2019, 19 Uhr
17. März 2019, 15 Uhr
29. März 2019, 19 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. November 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. November 2018, 13:14 Uhr

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