Thomas Braungardt, Markus Lerch, Bettina Schmidt, Dirk Lange, Julian Kluge
Mit einer reduzierten Bühne und hervorragenden Darstellern beeindruckt die neue Kleist-Inszenierung. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Theater Kleists "Hermannsschlacht" überzeugt am Schauspiel Leipzig

Heinrich von Kleists Stück über die Schlacht im Teutoburger Wald vor über 2.000 Jahren erlebt in Leipzig gerade eine moderne Inszenierung. Am Tag der deutschen Einheit hatte es in Leipzig Premiere, unser Kritiker Matthias Schmidt war im Schauspielhaus dabei und gerät ein bisschen ins Schwärmen.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Thomas Braungardt, Markus Lerch, Bettina Schmidt, Dirk Lange, Julian Kluge
Mit einer reduzierten Bühne und hervorragenden Darstellern beeindruckt die neue Kleist-Inszenierung. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Hermann, der Cherusker und sein Sieg über die Römer in der Schlacht im Teutoburger Wald, davon handelt Heinrich von Kleists Drama "Die Hermannsschlacht". Heute wird es nicht mehr oft gespielt, was sicher mit seiner Interpretation als patriotisches Drama im 20. Jahrhundert zusammenhängt. Vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus wurde es politisch instrumentalisiert. Wenn das Stück dann doch einmal gespielt wird, ist das meist ein besonderes Theatererlebnis. Eine Inszenierung von Claus Peymann 1982 ist inzwischen Theatergeschichte. Der Stoff ist ein Mythos geworden, die alten Germanen, der deutsche Wald, und auch die Figur der Thusnelda, die Hermann schon bei Peymann immer "mein Thusschen" nennt, ist sehr gut angelegt. Dieses Stück, mit dem Kleist mehr Bezüge zu Napoleon herstellte als zu einem deutschen Nationalismus ist vielseitiges Theatermaterial.

Fürst Hermann im modernen Slim-Fit-Anzug

Reduziert und mit einfachen Mitteln kommt nun die Leipziger Inszenierung daher. Die Bühne ist eine zum Zuschauerraum geneigte Ebene, nur fünf Schauspieler spielen darauf. Es gibt keine martialischen Krieger zu sehen, stattdessen einen Hermann im modernen Slim-Fit-Anzug mit Krawatte und eine Thusnelda im goldenen Kleid. Hermann begrüßt das Publikum in den ersten Reihen per Handschlag, verteilt kleine Schnäpse und Bierflaschen, und schildert uns Zuschauern, die er als germanische Stämme anspricht und mit den kleinen Gaben einwickelt, die militärische Lage. Eine absolut überzeugende Idee, zugleich diese Kleist-Sätze mit ihrem strengen Rhythmus zu erleben und viele unterhaltsame Regieeinfälle. So wechselt Hermann, wirklich sehr cool gespielt von Dirk Lange, in die Rollen der anderen germanischen Fürsten, spricht in ihren Dialekten, auf Schwäbisch und Norddeutsch. Das ist urkomisch. Viel gelacht wird auch, als er und Thusnelda dem römischen Gesandten Deutsch beibringen. Der betont alles auf der falschen Silbe, auf den ersten Blick ist alles sehr unterhaltsam.

Dirk Lange, Bettina Schmidt (hinten), Thomas Braungardt (hinten)
Ein germanischer Fürst im Slim-Fit-Anzug – nicht nur äußerlich lässt sich Hermann ins Heute transportieren. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Auf den zweiten Blick ist Hermann ein Populist. Und skrupellos dazu. Er redet die Leute schwindlig, er arbeitet mit Fake News und ziemlich fiesen Methoden. So jubelt er, um die Germanen zu einen, den Römern Kriegsverbrechen unter, die in Wahrheit er selbst in Auftrag gegeben hat. Vielleicht ist das ja, ohne dass es Regisseur Dušan David Pařízek groß herausstellt, die Ebene, die man am ehesten als einen Zeitbezug zum Heute verstehen kann.

Hervorragende Besetzung

Thusnelda wird von Bettina Schmidt gespielt, und alleine Bettina Schmidt ist es wert, sich diesen Abend anzuschauen. Sie spielt im Grunde eine ziemlich moderne Frau. Als der römische Gesandte Ventidius ihr zu nahe kommt, sagt sie ihm deutlich: Ich habe nein gesagt. Kleine Anspielung, versteht man wunderbar. Kurz darauf aber hat sie offenbar doch Lust auf ihn, der sie heftig umwirbt. Sie kommt mit ihm und offenem Kleid auf die Bühne – da war wohl was zwischen den beiden. Kurzum, sie nimmt sich, was sie mag, einmal wird auch zu dritt geknutscht. In ihren Intrigen ist sie ihrem Mann ebenbürtig. Manchmal spielt sie ihm aber auch das Thusschen vor. Sie ist eine starke, oder besser: eine freie Frau.

Bettina Schmidt, Dirk Lange
Allein für Bettina Schmidt als Thusnelda lohnt es, sich die Aufführung anzusehen, meint unser Kritiker Matthias Schmidt. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Die unsichtbare Schlacht

Ebenso überzeugend und sparsam wird die Schlacht im Teutoburger Wald auf die Bühne gebracht. Hier wird nicht gekämpft. Auf der geneigten Ebene senken sich nur ein paar Flächen ab, es entstehen Senken und Löcher, und darin strauchelt der römische Feldherr Varus. Das ist sehr interessant, weil die Schlacht ja eigentlich nicht im Teutoburger Wald, sondern rund 100 km nördlich in Kalkriese bei Osnabrück stattgefunden hat. Und dort gibt es im Museum ein Modell der Schlacht-Landschaft, an dem man erkennen kann, wie den Germanen der Sieg gelungen ist. Die mächtigen römischen Kohorten wurden nämlich durch die sich verengende Landschaft gezwungen, sich aufzulösen, sich zu vereinzeln. Ob nun bewusst oder unbewusst – die Bühnenlösung erinnert an dieses Modell. Man versteht diese Schlacht, ohne sie wirklich zu sehen. Die ebenfalls vom Regisseur Pařízek stammende Bühne ist einfach, aber wunderbar.

Der deutsche Held gewinnt

Doch am Ende steckt die Inszenierung in einem Dilemma: Der fiese Hermann, den man nun wirklich nicht als Vorbild verstehen kann, gewinnt die Schlacht. Natürlich wird man ihn jetzt genau so sehen, wie man ihn eigentlich nicht haben will: als einen deutschen Helden. Das will die Regie unbedingt brechen und fügt, als der Schlussapplaus längst begonnen hat, noch einen Epilog an. Verschiedenste Texte reihen sich aneinander: Propaganda-Zitate wie "ab 5:45 Uhr wird zurückgeschossen", die Zeilen aus der Nationalhymne, die wir aus guten Grund nicht mehr singen, Zitate aus Schillers "Wallenstein" und vieles anderes. Man überspitzt das Kriegerische und das Nationale so weit, bis man es nicht mehr ernst nehmen kann. Zum ersten Mal an diesem knapp zweistündigen Abend begegnet einem das Stück ein wenig belehrend. Ich hätte das nicht gebraucht, um den Abend als das zu verstehen, was er bis dahin war: eine moderne, eine sehr gelungene Interpretation eines Kleist-Textes.

Dirk Lange, Markus Lerch
Trotz des belehrenden Schluss-Epilogs findet unser Kritiker die Inszenierung gelungen. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Informationen zur Aufführung "Die Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek

Kostüme: Kamila Polívková
Dramaturgie: Matthias Döpke
Licht: Veit-Rüdiger Griess

Besetzung:
Dirk Lange als Hermann, Fürst der Cherusker;
Bettina Schmidt als Thusnelda, seine Gemahlin;
Julian Kluge als Eginhardt, sein Rat;
Markus Lerch als Quintilius Varus, römischer Feldherr;
Thomas Braungardt als Ventidius, Legat von Rom

Nächste Termine: Sa, 19.10. 19:30 - 21:30
Sa, 16.11. 19:30 - 21:30
Sa, 30.11. 19:30 - 21:30
Fr, 27.12. 19:30 - 21:30
So, 12.01. 16:00 - 18:00
So, 02.02. 19:30 - 21:30

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Oktober 2019 | 10:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2019, 15:38 Uhr

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