Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar
Die Antonia in der Weimarer Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" erinnert an eine Nana-Figur der Künstlerin Niki de Saint Phalle. Bildrechte: Candy Welz

Rezension "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar: Bilderspektakel mit drastischen Momenten

Der Kölner Jacques Offenbach gilt als Erfinder der Operette. Das 200. Jubiläum seiner Geburt feiert das DNT Weimar nun mit seiner Oper "Hoffmanns Erzählungen". Sie basiert auf mehreren Texten des Schriftstellers E.T.A. Hoffmann. Regisseur Christian Weise bringt hier eine kunterbunt-fantasievolle Zauberwelt auf die Bühne. Unser Kritiker empfiehlt den Besuch – trotz der Buhrufe aus dem Publikum.

von Michael Ernst, MDR KULTUR

Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar
Die Antonia in der Weimarer Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" erinnert an eine Nana-Figur der Künstlerin Niki de Saint Phalle. Bildrechte: Candy Welz
Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar 7 min
Bildrechte: Candy Welz
Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar 7 min
Bildrechte: Candy Welz

In der Oper geht es die vergebliche Liebe Hoffmanns zu drei verschiedenen Frauen: Zu Olympia, die sich als künstliche Puppe erweist, zu Antonia, die für diese Liebe ihre Gesangskarriere opfert und daran stirbt, und schließlich die Liebe zu Giulietta, die dem Dichter das Spiegelbild raubt. Der hat durchweg einen Gegenspieler, den teuflischen Lindorf, der diese Frauen begehrt, verführt und betört. Auf Hoffmanns Seite steht allerdings eine Muse, die sich als Niklaus ausgibt und ihn inständig anfleht, sich nicht immerzu in andere, aus ihrer Sicht falsche Frauen zu verlieben.

Drastische Darstellung von Kindesmissbrauch

Das Fantastische an dieser Inzsenierung: Regisseur Christian Weise und seine Ausstatterinnen Paula Wellmann (Bühne) und Lane Schäfer (Kostüme) haben eine kunterbunte Zauberwelt geschaffen, in der alle möglichen Zitate eingebaut werden: Filmfiguren, Comicfiguren, viel bildende Kunst und nicht zuletzt der französische Dichter Arthur Rimbaud mit zahlreichen Texten.

Die Offenbach-Oper wurde dabei schon ziemlich verfremdet. Von Anfang an bekommt Hoffmann hier ein Spiegelbild zugeteilt, eine Art Widerpart – er selbst wird dargestellt mit schwarzem Haar, das stumme Gegenüber ist blond. Das ist durchaus originell, denn die beiden verschiedenen Seiten des Helden zeigen nicht zuletzt dessen Zerrissenheit. Der Olympia-Akt gipfelte allerdings in Buh-Rufen und einem "grausam!" aus dem Publikum, weil die eingesetzte Puppe sinnbildlich für recht drastischen, damit aber auch nahegehenden Kindesmissbrauch stand. Schauspielerisch war das grandios gemacht, wirklich grausam – aber man muss eben bereit sein, sich darauf einzulassen, mitzudenken, sich auch anrühren zu lassen.

Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar
Buh-Rufe gab es in Weimar für die Darstellung von Kindesmissbrauch anhand einer Puppe. Bildrechte: Candy Welz

Die Antonia ist unglaublich korpulent, eine Art Nana-Figur, wie man sie von der Künstlerin Niki de Saint Phalle kennt; ihre Eltern sehen aus wie Überraschungsei-Figuren, auch Hoffmann und sein Spiegel tragen Plastik-Frisuren – trotz aller Alberei geht es aber um Leben und Tod. Das setzt sich im Giulietta-Akt fort, der hier in einem Mix aus Museums- und Gruselkabinett spielt – mit bewegten Gemälden, darunter auch Botticellis "Venus" – und Sado-Maso-Szenen, die gut als Symbol für den Zweikampf von Hoffmann und seinem Rivalen taugen.

Alles in allem werden tolle Bilder geboten, die sehr auf Originalität setzen und meistens auch überzeugen. Sie spielen bestens darüber hinweg, dass hier standbildhaftes Musiktheater gespielt wird. Es wirkt aber trotzdem lebendig und die Geschichten sind glaubhaft, spannend, eben fantastisch erzählt.

Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar
Das Bühnenbild ist beeindruckend. Bildrechte: Candy Welz

Überzeugende Sänger

Auch musikalisch hat diese Operette einiges zu bieten: Eine tolle Kapelle – die Staatskapelle Weimar, einen tollen Opernchor des DNT und tolle Solistinnen und Solisten – allen voran der Kanadier Chris Lysack als Hoffmann, der einen schmetternden Tenor hinlegt, aber während der Premiere leider in den Höhen hörbar an seine Grenzen geriet. Aber das kann natürlich auch am Premierenfieber gelegen haben. Nichts zu spüren davon war bei den drei Damen – Yiva Stenberg als Olympia, Emma Moore als Antonia und Heike Porstein als Giulietta. In dieser Oper gibt es jede Menge Partien, die alle irgendwie Hauptpartien sind, aber an keiner gab es wirklich etwas auszusetzen. Besonders ins Herz geschlossen hat das Publikum die Muse, die von Sayaka Shigeshima wirklich bezaubernd gespielt und sehr überzeugend gesungen worden ist.

Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" am DNT Weimar
Chris Lysack als Hoffmann und sein Spiegelbild, dargestellt von Jan Krauter Bildrechte: Candy Welz

Zum Schluss der Premiere gab es langen Applaus für Chor und Orchester, insbesondere für die musikalische Leitung von Stefan Lano, den ersten Kapellmeister des Hauses, sowie für alle Solistinnen und Solisten. Aber es gab dann auch heftige Buh-Rufe für das Inszenierungsteam, die ziemlich selbstbewusst weggesteckt wurden. Insgesamt kann ich diese Inszenierung unbedingt empfehlen. Man kann seinen Spaß daran haben, man kann sich auseinandersetzen mit den eher problematischen Details, man wird sich reiben an den durchaus provokanten Punkten. Aber insgesamt ist dem DNT ein frischer Blick auf Offenbach und Hoffmann gelungen – ebenso sehens- wie hörenswert.

Mehr Informationen: "Hoffmanns Erzählungen"
Fantastische Oper in fünf Akten
von Jacques Offenbach

am Deutschen Nationaltheater Weimar, Großes Haus

Libretto von Jules Barbier nach dem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré, herausgegeben von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck

Regie: Christian Weise
Mit dem Opernchor des DNT
Es spielt die Staatskapelle Weimar

In deutscher Sprache
Alter ab 16 Jahren

Termine:
12. September 2019, 19:30 Uhr
29. September 2019, 16:00 Uhr
12. Oktober 2019, 19:30 Uhr
25. Oktober 2019, 19:30 Uhr
6. Dezember 2019, 19:30 Uhr
26. Dezemner 2019, 18:00 Uhr
31. Januar 2020, 19:30 Uhr
13. April 2020, 16:00 Uhr

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. September 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2019, 13:33 Uhr

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