Szenenbild "Zum Großadmiral" am Theater Annaberg-Buchholz
Premiere am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz: "Zum Großadmiral" von Albert Lortzing Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Opernkritik "Zum Großadmiral" Beglückende Entdeckung: Lortzings "Kneipenoper" in Annaberg-Buchholz

Albert Lortzing, der "Spielopernweltmeister", ist heute bestenfalls bekannt mit "Zar und Zimmermann" oder "Der Wildschütz". Seine Oper "Zum Großadmiral" jedoch war lange vergessen. In Wien geschrieben, 1847 in Leipzig uraufgeführt, trägt diese Oper den Geist der Revolution: Es geht um Flucht aus steifer Gesellschaft, "Menschen der unvorstellbaren Sorte", wie man sie in der Hafenkneipe "Zum Großadmiral" antrifft. Erstmals nach fast 170 Jahren, gab es das komplette Werk wieder am Theater in Annaberg-Buchholz, das bekannt ist für Ausgrabungen vergessener Werke.

von MDR KULTUR-Opernkritiker Boris Michael Gruhl

Szenenbild "Zum Großadmiral" am Theater Annaberg-Buchholz
Premiere am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz: "Zum Großadmiral" von Albert Lortzing Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Auch wenn man nicht davon ausgehen kann, dass sich künftig die Theater um dieses Werk reißen werden, war "Zum Großadmiral" eine beglückende Entdeckung. Das Publikum feierte die Premiere des höchst engagierten Ensembles in Annaberg-Buchholz, in der Inszenierung des Intendanten Ingolf Huhn unter der musikalischen Leitung von Naoshi Takahashi, auf der Bühne von Tilo Staudte mit den Kostümen von Brigitte Golbs.

Ein Prinz in der Hafenkneipe

Die Inszenierung führt zunächst an den englischen Hof im 17. Jahrhundert, alles ist hier streng geregelt, hier herrscht höfische Etikette im kostümierten Zwang. Das ist alles nichts für den vom Tenor Jason Lee gespielten Thronerben Heinrich, in seinen "Jugendwonnetagen", in denen er darauf aus ist, wie er singt: "Lust auf Lust" sich zu erjagen. Und ausgerechnet an seinem Geburtstag muss er mit einer politisch zu interpretierenden Finte seine Gattin enttäuschen: schöner Doppelsinn des Wortes, er muss wegen politischer Verpflichtungen zum "Großadmiral".

Szenenbild "Zum Großadmiral" am Theater Annaberg-Buchholz
"Zum Großadmiral": Der englische Prinz Heinrich mischt sich unters Volk Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Gemeint ist die Hafenkneipe "Zum Großadmiral" – des ehemaligen Kaperkapitäns Copp Movbrai mit so flottem wie ehrlichen Ton auf der Zunge, im Takt des ehrlichen, ungezügelten Herzschlags: tolle Leistung, Spiel und Gesang, von Lázló Varga! Hier fühlt sich der Prinz ganz frei von allen moralischen Floskeln und muss erfahren, was Volkes Stimme so ganz ungeschminkt von ihm in seiner künftigen politischen Funktion erwartet. Da sind allerdings noch etliche Türen offen, hoffentlich auch die Ohren des Prinzen. Auch ein Page nutzt die Freiheit der Kneipe, um in der Verkleidung als Gesangslehrer seiner ganz und gar nicht höfischen Verehrten mit schönsten Tönen das Herz zu erweichen: sehr stimmig in dieser Hosenrolle, die Sopranistin Madelaine Vogt.

Je besser gelogen, desto schöner gesungen

Heinrichs Gattin, Bettina Grothkpof, als Catharina von Frankreich, als einzige in melancholischer Tragik charakterisierte Figur des insgesamt doch eher tragikomischen Spiels, hat mit dem Grafen von Rochester einen Plan gemacht: Den Prinzen soll er in eine solche Situation bringen, dass ihm gar nichts übrig bleibt, als sich wieder in höfische Formen einzufinden. Endgültig ist hier aber gar nichts, im großen Finale des dritten Aktes befinden wir uns wieder in der kühlen Pracht des Hofes, die zuvor vom Bühnenbildner bestens versteckt werden konnte unter dem theatralen Ambiente der Hafenkneipe: "Holde Eintracht stellt sich ein", singen sie alle. Dass dies eine Lüge ist, wissen sie alle, aber je besser gelogen wird in der Oper, desto schöner wird gesungen und gespielt, und da ist der Lortzing eben ein Meister, ein Spielopernweltmeister.

Szenenbild "Zum Großadmiral" am Theater Annaberg-Buchholz
Hafenkneipe vs. Hofzeremoniell: "Zum Großadmiral" Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Da muss man in dieser nur auf den ersten Blick traditionell erscheinenden Inszenierung gar keine Zeigefinger der Erklärung heben: Die Risse hinter den glatten Fassaden muss man gar nicht sehen um wahrzunehmen, wie sehr diese Ordnungen gefährdet sind, wie groß aber die Sehnsüchte der Menschen sind, neue zu finden. Das vernimmt man in Lortzings Klängen, denen man sich schwerlich entziehen kann.

Lortzing war ein Mozart-Verehrer

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"Zum Großadmiral" am Theater Annaberg-Buchholz Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Albert Lortzing, der ja seine Libretti selbst schrieb, hat sein Handwerk verstanden. Wie sehr er Mozart verehrte, hört man in der wunderbar dahineilenden Ouvertüre. Dass ihm der revolutionäre Geist des italienischen Belcanto, vor allem im komischen Stil Rossinis, auch nicht fremd war, hört man in manchen der herrlichen Ensembleszenen mit recht hohen Ansprüchen an die Solisten und den Chor. Natürlich stellen die Arien, auch in der Form eines Strophenliedes, eine Besonderheit dar, folgen sie doch oft dem gesprochenen Dialog und schaffen es, kraft der Melodik weite Räume der Fantasien und Sehnsüchte zu öffnen, wie es das gesprochene Wort allein nicht vermag.

Lortzings Oper ist ein Spiel mit den Möglichkeiten: Was wäre wenn? Wenn niemand, gleich wer er ist, woher er kommt, ganz unverkleidet, den Geist und die Frische des Windes, der aus bestem Seemannsgarn gesponnene Visionen in der ganz unmilitanten Kneipe "Zum Großadmiral" genießen könnte.  

Angaben zum Stück "Zum Großadmiral" – Komische Oper von Albert Lortzing
Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz

Musikalische Leitung: GMD Naoshi Takahashi
Inszenierung: Ingolf Huhn
Bühne: Tilo Staudte
Kostüme: Brigitte Golbs
Choreographie: Sigrun Kressmann
Chöre: Jens Olaf Buhrow

Premiere: 28. April 2019
Weitere Aufführungen: 8. / 12. / 19. Mai 2019

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. April 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 13:22 Uhr

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