Romeo und Julia
Anita Suzanne Gregory als Julia und Leonardo Germani als Romeo Bildrechte: Hagen König

Premiere Tanztheater Radebeul holt "Romeo und Julia" in die raue Gegenwart

Carlos Matos, künstlerischer Direktor der Tanzcompany der Landesbühnen Sachsen, stellt sich mit seiner kleinen Company einer großen Herausforderung. Er verortet Shakespeares tragischen Stoff "Romeo und Julia" mit seinen tödlichen Konflikten verfeindeter Gruppen zeitgemäß und aktuell. Das Tanztheater zur Musik von Sergej Prokofjew feierte in Radebeul Premiere.

von Boris Michael Gruhl, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Romeo und Julia
Anita Suzanne Gregory als Julia und Leonardo Germani als Romeo Bildrechte: Hagen König

Shakespeares Drama "Romeo und Julia" gehört zu den meistgespielten Stücken des Theaters. Spätestens seit der russischen Erstaufführung in der Fassung und Choreografie von Leonid Lawrowski von 1940, gehört auch die Ballettversion mit der Musik von Sergej Prokofjew, als eines der erfolgreichsten Ballette des 20. Jahrhunderts dazu - immer wieder neu einstudiert, neu interpretiert und eine Herausforderung für Ballette und Tanzkompanien. Am Samstag feierte an den Landesbühnen Sachsen, in Radebeul, eine Tanztheaterversion zu Prokofiews Musik von Carlos Matos und Wencke Kriemer de Matos Premiere. Sie verortet die Geschichte in der Gegenwart.

In kriegerischer Szenerie

Romeo und Julia
Tanztheater "Romeo und Julia" in Radebeul Bildrechte: Hagen König

Die choreografische Inszenierung spielt in der Ausstattung von Stefan Wiel in einer Stadt nach dem Krieg, so das Programmheft. Diese Stadt, so lässt sich erkennen, eine Art Gasse wie eine Schlucht, ist total vom Krieg zerstört. Es kommen einem die Bilder der Nachrichten in den Sinn, in denen es um den Krieg in Syrien geht. Zu Beginn gibt es in aller Düsternis so etwas wie ein Hoffnungszeichen: Benvolio, einer der Freunde Romeos, versucht - im besten Sinne des Wortes - als Künstler Hoffnung zu versprühen mit einem Bild friedlicher Visionen, auf dem grauen Gestein der Trümmer dieser zerstörten Stadt. Aber sofort wird die Vision der Kunst zerstört, im Streit rivalisierender Gruppen, also Romeos aus dem Clan der Montagues und seiner Freunde, mit Tybalt von den Capulets. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Maskenfest als groteske Party

Das Maskenfest, bei dem sich Romeo und Julia begegnen und verlieben, ist hier eine gespenstische Party. Julias Mutter, Lady Capulet, getanzt von Camilla Bizzi, aufgedreht und von rastloser Hysterie getrieben, veranstaltet dieses Maskenfest, sie hat ja auch einen Bräutigam für ihre Tochter bestimmt. Diese Party, zu der wummernde Disco-Sounds eingespielt werden, hat etwas grelles, surreales. Alle tragen Clownsmasken, es wird ein grotesker Totentanz. Das tragische Ende klingt schon an, alle sind dabei, auch Lorenzo, der Pater, hier als Humanist bezeichnet, der durch die heimliche Trauung Versöhnung stiften will, der Julia den Schlaftrunk verabreicht, dem aber die tödlichen Folgen durch das Missverständnis Romeos total entgleiten. Zudem bestimmt auch die hier zugespielte Musik den unaufhaltsamen Gang einer Handlung, die sich von ihren Protagonisten nicht mehr bestimmen lässt.

Romeo und Julia
Romeo und Julia begegnen sich beim Maskenfest. Bildrechte: Hagen König

Die zusätzlichen Disco-Sounds wären verzichtbar gewesen, Prokofjews Musik hat eigentlich alle Facetten. Einen besondere Akzent setzt die Zuspielung einer kammermusikalischen Variante der berühmten Balkonszene, oder wenn die Hochzeitsnacht auch kraft der Musik alptraumartig zum Spiel mit einem großen weißen Tuch, also einem Leichentuch, wird. Ob allerdings die tontechnische, recht unterschiedliche Qualität, einem dramaturgischen Konzept entspricht, hat sich nicht erschlossen. Und natürlich denkt man immer mal wieder, wie es wohl wäre, wenn hier Prokofjews grandiose Musik von einem Orchester gespielt würde und sich somit noch intensivere und direktere Dialoge zwischen dem Tanz und dem Klang ergeben könnten.

Existenzielle Momente im Tanz

Romeo und Julia
Die Sterbeszene aus "Romeo und Julia" Bildrechte: Hagen König

Anita Suzanne Gregory tanzt die Julia, Leonardo Germani den Romeo, außerdem seien Aurora Fradella als Julias Freundin Anne und Oleksandr Khudimov als Romeos Freund Mercutio stellvertretend für das zehnköpfige Ensemble genannt. Es gibt immer wieder schönste Szenen in hoffnungsvollem, auch regelrecht verspieltem Übermut, so etwas wie Licht in der finsteren Gasse der Ruinenstadt. Es sind aber gerade bei Romeo und Julia, bei Mercutio in der berühmten Sterbeszene, die existenziellen Momente, dann wird der Tanz expressiv, ganz körperlich, schutzlos und direkt und in beindruckender Weise berührend, das macht betroffen, weil alles so entsetzlich ist, so aussichtslos. Und weil auch nicht, wie ursprünglich bei Shakespeare und Prokofjew vorgesehen, die Versöhnung der Feinde im Epilog folgt.

Aber weil auch diese Interpretation mit ihren aktuellen Zeitbezügen dennoch im Shakespeareschen Sinne zeitlos ist, gibt es eine Gruppe verhüllter Gestalten, "Das Schicksal" - nur an IS Symbolik zu denken wäre ein Kurzschluss, an die kommentierende Funktion des Chores in der antiken Tragödie wohl eher. Was auch dafür spräche, dass die optische Aktualisierung dieser Aufführung doch den Sinn haben sollte, darüber hinaus zu weisen. Beim Publikum mit erstaunlich hohem Anteil junger Leute kommt das alles gut an, einem eindrucksvollen Augenblick der Stille folgt begeisterter Applaus.

Zur Aufführung "ROMEO UND JULIA", Tanztheater nach William Shakespeare, Musik von Sergej Prokofjew
Choreografie: Carlos Matos und Wencke Kriemer de Matos
Ausstattung: Stefan Wiel

Premiere am 27.10.2018

Weitere Aufführungen:
31.10.2018, 19:00 Uhr
24.11.2018, 19:30 Uhr
29.11.2018, 19:30 Uhr
26.12.2018, 19:00 Uhr
03.02.2019, 16:00 Uhr
13.02.2019, 10:30 Uhr

Ballettkritik

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2018, 12:31 Uhr

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