Bernard Schultze und Carlfriedrich Claus
Carlfriedrich Claus (links) und Bernard Schultze verband eine Freundschaft, die Grenzen überschritt Bildrechte: dpa

Kunstsammlungen Chemnitz Chemnitz zeigt Künstlerfreundschaft zwischen Ost und West

Ohne Künstlerfreundschaften und den dazugehörigen Gedankenaustausch wären viele Kunstwerke nicht entstanden. Eine faszinierende und fruchtsame Freundschaft verband beispielsweise die Künstler Carlfriedrich Claus und Bernard Schultze. Claus lebte in Annaberg und stand mit dem in der BRD lebenden Schultze im Briefkontakt. Getrennt wurden sie durch die Mauer. Wie sehr sich ihre Freundschaft künstlerisch und intellektuell auswirkte, beleuchtet eine Ausstellung in Chemnitz.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR-Kunstexpertin

Bernard Schultze und Carlfriedrich Claus
Carlfriedrich Claus (links) und Bernard Schultze verband eine Freundschaft, die Grenzen überschritt Bildrechte: dpa

Einer deutsch-deutschen Künstlerfreundschaft widmen die Kunstsammlungen Chemnitz bis zum 27. Oktober eine Ausstellung. Gezeigt wird die Verbindung von Carlfriedrich Claus mit Bernard Schultze. Claus lebte in der DDR, Schultze in der BRD, zwischen ihnen stand die innerdeutsche Mauer. Beide waren sie Künstler. Während Schultze jedoch bereits zu Lebzeiten als deutscher Informel-Papst anerkannt war, führte Claus in Annaberg ein isoliertes Künstlerleben in Armut.

Besondere Freundschaft

Der aufrechte, unbequeme Kommunist Claus wurde in der DDR nicht offiziell als der Künstler anerkannt, der er war, der nicht gegenständlich sondern an der Auflösung der Form arbeitete. Seine Briefreundschaft zu Bernard Schultze, dem bedeutendsten westdeutschen Akteur der abstrakten Kunstrichtung Informel sollte nicht bis zum Fall der Mauer halten, aber immerhin über 20 Jahre.

Carlfriedrich Claus: Studium der Verstandestätigkeit, III: Übergang. Beginnende Selbstvermittlung, 1966, Feder, Tusche schwarz, farbig, beidseitig auf Transparentpapier, 20,9 x 29,1 cm
Carlfriedrich Claus: Studium der Verstandestätigkeit, III: Übergang. Beginnende Selbstvermittlung, 1966, Feder, Tusche schwarz, farbig, beidseitig auf Transparentpapier, 20,9 x 29,1 cm Bildrechte: Stiftung Carlfriedrich Claus-Archiv; VG Bild-Kunst; Foto László Tóth

Im September 1956 nahm sie ihren fruchtbringenden Anfang, jedoch schlich sich ein Missklang in die Beziehung, der letztlich zu ihrem Ende führte, den die Kuratorin der Chemnitzer Ausstellung, Brigitta Milde, so beschreibt: "Carlfriedrich Claus hatte Vorbehalte gegenüber der fantastischen Karriere, die Bernard Schultze gemacht hat. Bernard Schultze war ja mehrfach auf der Dokumenta vertreten, war in großartigen Galerien und Carlfriedrich Claus glaubte, dass das nur zu haben sei mit einem angepassteren Leben, indem man sich in die bürgerliche Gesellschaft integriert. Und das hat er ihm zum Vorwurf gemacht." Schultze indessen erwies sich über die Jahre als generöser Freund, schickte Lebensmittelpakete als es Claus schlecht ging.

Bernard Schultze: Anakreon-Zitat, 1988, Öl auf Leinwand, 140 x 200 cm, Kunstpalast, Düsseldorf, Stiftung Sammlung Kemp
Bernard Schultze: Anakreon-Zitat, 1988, Öl auf Leinwand, 140 x 200 cm, Kunstpalast, Düsseldorf, Stiftung Sammlung Kemp Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ähnliche Kunstansätze

Im ersten Saal der Chemnitzer Ausstellung sind Arbeiten von beiden gegenübergestellt. Es wird deutlich, wie sehr die Künstler ähnliche formale Ansätze bewegten.

Carlfriedrich Claus: Allegorische Skizze: Die Umwandlung, die Lesestoff erfährt, 1963/64, Feder, Tusche, Sepia, Schwarz, zweiseitig auf Transparentpapier, 14,7 x 21 cm
Carlfriedrich Claus: Allegorische Skizze: Die Umwandlung, die Lesestoff erfährt, 1963/64, Feder, Tusche, Sepia, Schwarz, zweiseitig auf Transparentpapier, 14,7 x 21 cm Bildrechte: actionpress/

Auratisch wirken die Blätter von Claus und Schultze im kleinen Oberlichtsaal. Titel wie "Gefährlicher Streifzug" oder "Zirkulation im Knochenmark" weisen auf Psychogrammatisches, Wahrnehmungstheoretisches in den Arbeiten hin, die zum Großteil in den 60er-Jahren entstanden. Neben Steiner und der Kabbala hatte sich Claus auch mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt. Letzteres Interessengebiet teilte auch Schultze, teils um seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten, was man Schultzes dunkel-düsteren Arbeiten ansieht:

Gegenüber Carlfriedrich Claus hat Bernard Schultze angedeutet, dass auch die Schreckenserfahrungen des Zweiten Weltkrieges, an dem er als Soldat teilgenommen hat, etwas Unverarbeitetes in ihm war, das zur Darstellung drängte. Carlfriedrich Claus hat in seinen Interpretationen sehr klug und sehr einfühlsam gerade das Dämonische, Unerlöste dieser Bildwerke hervorgehoben.

Brigitta Milde, Kuratorin der Ausstellung

Vielseitige Kunstinteressen

Carlfriedrich Claus: Porträt: Vier Worte, 1961/1962, Farbstifte, grün, rot, gelb auf Papier, 62,5 x 44 cm
Carlfriedrich Claus: Porträt: Vier Worte, 1961/1962, Farbstifte, grün, rot, gelb auf Papier, 62,5 x 44 cm Bildrechte: Stiftung Carlfriedrich Claus-Archiv; VG Bild-Kunst; Foto László Tóth

Claus künstlerisch zu verorten, ist nach wie vor nicht einfach. Die russischen Futuristen mit ihren Schrei- und Gellsprachen waren ihm sehr nah, auch Claus schuf lautmalerische Sprachexperimente. Auch die Surrealisten mochte der Künstler, mit Konkreten Poeten wie Franz Mon schrieb sich Claus ein halbes Leben lang. In Chemnitz zeigen die vielen Arbeiten von Schultze nun, wie nah dessen "Bildnotate" den "Einschreibungen" von Claus sind.

Ausstellungshöhepunkte sind im großen Oberlichtsaal zwei großformatige, sogenannte "Migofs" von Schultze, der Gipfel des deutschen Informel, biomorphe Gebilde mit Farblandschaften. Schultze überführte Malerei in den Sechzigern in die dritte Dimension. Gegen diese Werke wie auch den komplett, mit Schultzes Malerei gefüllten Saal nimmt sich Claus‘ Werk fast bescheiden aus. Umso erstaunlicher ist immer noch, welche Reflexionen Claus mit seinen Künstlerkollegen international teilte.

Die Ausstellung in Chemnitz beleuchtet  intim die Freundschaft der beiden Künstler und erzählt darüber hinaus, im 30. Jahr des Mauerfalls, ein besonderes Kapitel aus der Zeit des Kalten Krieges.

Gäste stehen vor dem ehemaligen Wohnhaus von Carlfriedrich Claus.
Zum 88. Geburtstag des Künstlers würdigte die Stadt Annaberg ihn 2018 mit dem nach ihm benannten Carlfriedrich-Claus-Platz Bildrechte: MDR/Mario Unger

Die Ausstellung Carlfriedrich Claus und Bernard Schultze. Eine deutsch-deutsche Kuenstlerfreundschaft

Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz
25. August bis 27. Oktober 2019

Öffnungszeiten
Montag geschlossen
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11-18 Uhr
Mittwoch 14-21 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 21:34 Uhr

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