Rückblick 1945 Das kurze Freiheitsbegehren der Dresdner Künstlergruppe "der ruf"

Im November 1945 wagte die Künstlergruppe "der ruf" in Dresden einen Neubeginn. In einer Ausstellung zeigten sie ihr Schaffen, das ohne politische Indoktrination entstand. Nach der Hölle der Nazi-Diktatur sollte die Kunst wieder frei sein. Doch schon schnell wurden sie wieder gestoppt.

Maler Hermann Glöckner in seinem Atelier in Dresden, 1984
"der ruf"-Gründungsmitglied Hermann Glöckner 1984 in seinem Atelier in Dresden Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Die Dresdener Künstlergruppe "der ruf" wollte einen Neuanfang machen, nach 12 Jahren Naziherrschaft sollte endlich wieder Kunst ohne politischen Einfluss entstehen. Mit diesem Anspruch entstand auch ihre erste Ausstellung. Doch der Künstlergruppe sollte ein frühes Ende beschieden sein.

Gründung 1945

Der Maler und Fotograph Edmund Kesting verfasst diese Zeilen schon 1926:                   

Wir rufen alle, die sich finden wollen.
Wir rufen alle, die den anderen Menschen finden wollen.
Wir rufen alle, denen die Kunst das Leben ist
Wir rufen alle, die das Leben in sich suchen.

Knapp zwei Jahrzehnte später inspirieren sie ihn zur Namensgebung einer Künstlergruppe: Neun Maler, Graphiker und Bühnenbildner schließen sich im Sommer 1945 zur Künstlergruppe "der ruf" zusammen. Initiatoren sind Edmund Kesting, ein von Kurt Schwitters beeinflusster Maler und Fotograf, der unter den Nazis Mal- und Ausstellungsverbot hatte und der als "entartet" diffamierte Konstruktivist Hermann Glöckner.

Eine Restauratorin überprüft mit einer Brillenlupe das Bild Herwarth Walden von Edmund Kesting
Das Bild "Herwarth Walden" von Edmund Kesting wird von einer Restauratorin begutachtet Bildrechte: dpa

Neue Wege gehen

Im Ausstellungskatalog von "der ruf" heißt es: "Wir wollen unseren Teil zur kulturellen Erneuerung beitragen. Wir erwarten von dieser Ausstellung Anregung: für uns durch die Kritik, für die anderen durch unsere Arbeiten. Wir suchen den neuen Weg und wissen, je konsequenter wir mit der Irrlehre der letzten 12 Jahre brechen, desto eher werden wir dem Ziele näher kommen." Gleichzeitig erteilen die Künstler jeglichen Dogmen eine Absage: "Wir wollen keine vielversprechenden aber einseitigen subjektiven Manifeste und Ismen wie nach 1918. Wir wollen keine einengenden kunstfremden Doktrinen mehr wie nach 1933 … Ein neuer menschlicher und auch glaubenstiefer Geist muss von innen her jedes neue Kunstwerk durchstrahlen."

Blick auf die vom Künstler Hermann Glöckner konzipierte Säule mit dem Titel "Spektralanalyse" im Recknagel-Bau auf dem Campus der Technischen Universität.
Säule "Spektralanalyse" von Hermann Glöckner auf dem Campus der Technischen Universität Dresden Bildrechte: dpa

Viele Künstlergruppen entstehen

"der ruf" ist nicht die einzige Künstlergruppe, die in den Nachkriegsjahren entsteht. In Dresden gibt es außerdem noch "Das Ufer", in Halle gründen Maler "Die Fähre", in Freiberg entsteht die "Kaue". Auch gibt es Versuche, alte Zusammenschlüsse wieder zu reaktivieren, wie die ASSO, die "Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler".

Ihre Hoffnungen richteten die Künstler vornehmlich auf drei Aspekte: das Zusammenführen früherer Weggefährten, den Aufbau des kulturellen Lebens und die Etablierung gemeinschaftlicher Wirkungsmöglichkeiten.

Petra Jacoby in "Kollektivierung der Phantasie?"

Petra Jacoby, Verfasserin des Buches "Kollektivierung der Phantasie?" beschreibt auch, wie schrittweise die Möglichkeiten der Maler eingeengt und sie in staatliche Strukturen gepresst werden: "War bereits 1947 von staatlicher Seite aus begonnen worden, die Künstlerschaft zu sichten ... wurden 1948 konkrete Überprüfungsrichtlinien aufgestellt, um vor allem frei gewählte Gruppenbildungen und alle Bestrebungen, die auf freischaffende künstlerische Tätigkeit hinweisen, zu unterbinden. Künstlerisches Schaffen ohne staatliche Anbindung wurde nun als Ausnahme deklariert. Jeder Künstler, der dieser dennoch nachgehen wollte, musste sich einer Prüfung vor dem zuständigen Kulturamt und der Gewerkschaft unterziehen."

Zwei Männer betrachten das Bild Auferstehung des Malers Edmund Kesting
"Auferstehung" von Edmund Kesting, davor dessen Sohn Konstantin Kesting (l.) und Werner Schmidt, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Bildrechte: dpa

Schnelles Ende

Für den "ruf" kommt nach drei Jahren das Aus. Und seine berühmtesten Protagonisten Edmund Kesting und Hermann Glöckner erleben ein Déjà-vu. Wie in der Nazizeit gelten nun ihre Werke als unerwünscht.

Weitere Künstler

In langen Gesprächen öffnet sich der Künstler erstmals seit vielen Jahren der Kamera und gibt Auskunft über seinen Zugang zur Kunst, seine Welt und seine vom frühen Verlust der Eltern geprägte Vergangenheit.
In langen Gesprächen öffnet sich der Künstler erstmals seit vielen Jahren der Kamera und gibt Auskunft über seinen Zugang zur Kunst, seine Welt und seine vom frühen Verlust der Eltern geprägte Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Alexander Rott

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2020 | 06:40 Uhr