Kultur Strukturwandel in der Lausitz: Mehr Chance als Verlust

Was kommt nach der Kohle in der Lausitz? Und was kann und muss die Kultur bei diesem Strukturwandelprozess leisten? MDR KULTUR war in Bautzen und hat mit Kulturschaffenden gesprochen, darunter Intendant Lutz Hillmann vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen, Ola Staszel vom Neiße Filmfestival und der Domowina. Sie sagen, der Wandel sollte als Chance verstanden werden.

Bergleute demonstrieren vor Beginn der 1. Lausitz-Konferenz Strukturwandel und Energiewende und tragen auf ihrem Rücken den Slogan "Blackout Lausitz nicht auf unsern Rücken".
Die Lausitz ist besonders hart vom Kohle- und Strukturwandel betroffen. Bildrechte: dpa

"Ohne eine ideelle und kulturelle Begleitung wird der Strukturwandel nicht gelingen." Das sagt der Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, Lutz Hillmann, im Gespräch mit MDR Kultur. Nach außen könne man ohne Kultur nicht die nötigen Mittel auftreiben und auch nach innen bleibe das Selbstbewusstsein der Region ohne Kultur auf der Strecke. Er fordert daher finanzielle Mittel, die die kulturelle Begleitung des Strukturwandels ermöglichen. "Das brauchen wir jetzt dringend und schnellstens."

Hillmann beklagt, dass da bislang nichts in Sicht sei. "Und das ist das, was mich regelrecht ärgert. Wann soll das losgehen? Wann soll das sein? Wir müssen daran jetzt arbeiten. Wir müssen das jetzt vorbereiten", so der in Bischofswerda geborene Theatermann. Dabei seien klare Ausschreibungen ein Weg, wo Künstler aufgefordert sind, sich überhaupt mit dem Thema "Strukturwandel" auseinanderzusetzen.

Optimismus und Selbstbewusstsein

Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen.
Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen. Bildrechte: imago images / lausitznews.de

Klar sei für ihn, dass eine Bedingung für das Gelingen des Wandels ist, dass die Menschen sich optimistisch und selbstbewusst nach innen und nach außen zeigen. Das könne auch dabei helfen, Investoren anzuziehen. "Dann ist das eine andere Gegend, die nicht gleich von vornherein eine 'Loser-Landschaft' ist, sondern eine, wo man sagen kann: Ja, hier kann ja was passieren“, so Hillmann weiter.

Kultur und Strukturwandel

Bei der Vermittlung eines selbstbewussten Umgangs mit der Region, könne auch das Wirken von Kulturschaffenden ansetzen, sagt er. Indem sie neue Räume schaffen und die alten zu etwas Neuem entwickeln, wären die Künstler in der Lage den notwendigen inneren und äußeren Wandel mit Musik, Film, Theater und auch bildender Kunst zu begleiten. Beispielsweise durch Projekte wie die Lausitz-Triennale. Eine Art Kunstfestival analog zur Ruhrtriennale, das Menschen in die Lausitz bringen soll, die sonst vielleicht nicht den Weg dorthin gefunden hätten.

Kultur als Wirtschaftsfaktor

Leiterin des Neiße Filmfestivals Ola Staszel
Die Leiterin des Neiße-Filmfestivals, Ola Staszel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Haltung Hillmanns pflichtet die Leiterin des Neiße Filmfestivals, Ola Staszel, bei. Gleichzeitig dürfe man, wenn man über die Rolle von Kultur nachdenkt, aber nicht vergessen, dass die Kultur selbst auch ein Wirtschaftsfaktor ist, so Staszel. "Gerade im Filmbereich, also Filmwirtschaft. Da könnte man viele neue Perspektiven, vor allem für junge Leute schaffen." Unter dem Titel "Films for Future" wird ihr Festival bereits in diesem Jahr kulturell den Kohleausstieg aufgreifen. Die Filme könnten zum Austausch über die Probleme der Region anregen, sagt sie. Wenn mehr Kultur betrieben wird, würde auch der Tourismus wachsen und so mehr Menschen die Region kennenlernen.

Die Sorben und der Strukturwandel

Die Lausitz ist in jedem Fall auch eine sorbische Region. David Statnik ist der Vertreter der Domowina, der Lausitzer Sorben. Er fordert, dass man den Menschen trotz Kohleausstieg die Chance geben müsse, ihre Identität einerseits zu erhalten, aber andererseits auch einen Teil dieser Identität weiterzuentwickeln.

Wir müssen die Lausitz zu allererst als ein Ganzes verstehen. Sowohl territorial, als auch kulturell, als auch von den Identitäten her.

David Statnik, Vertreter der Domowina

Den Verlust als Chance verstehen

Mit einem neuen Selbstbild der Lausitz könne es funktionieren, dass "eine Region, die sich geschichtlich als eine Braunkohleregion sieht, in Zukunft auch sagt: ich bin was anderes." Gleichwohl gibt er zu bedenken, dass viele Sorben dem Strukturwandel mit Skepsis und Angst entgegen blicken. Oftmals sei es so, dass die Menschen eher den Verlust wahrnehmen würden als die Chancen, die sich daraus entwickeln können. Hinzu komme, dass einige bereits mit der Wende eine Strukturveränderung erlebt hätten. Er weist darauf hin, dass nur durch das Zusammenspiel von wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren der Strukturwandel gelingen kann.

Zapust in Cottbus/Chóśebuz
Die Sorben legen Wert auf den Erhalt und die Pflege ihrer kultureller Praktiken. Bildrechte: Thomas Kläber

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Februar 2020 | 08:40 Uhr

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