Podiumsdiskussion Sachsens Kultur in der Corona-Krise: Kaum Publikum und finanzielle Härtetests

Die Corona-Krise ist vor allem für die Kulturbranche eine harte Belastungsprobe. Viele Einrichtungen sind zwar wieder geöffnet, aber Abstandsregelungen lassen nur wenig Publikum zu, viele Formate sind nach wie vor nicht möglich. Ulrich Khuon (Präsident des Deutschen Bühnenvereins), Christoph Dittrich (Präsident der Sächsischen Kulturstiftung), Anne Pallas (Geschäftsführerin des Landesverbandes Soziokultur Sachsen), Marion Ackermann (Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, SKD) und Jörg Bochow (Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden) diskutierten am 1. September über die Zukunft der Kultur in Sachsen, der noch einige Herausforderungen bevorstehen.

Marion Ackermann steht vor der ausgeraubten und nun ausgestellten Vitrine im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss in Dresden. 4 min
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Der Aufschrei blieb aus bei dieser Dresdner Diskussion um einen kulturellen Neubeginn nach vermeintlich überstandener Corona-Krise. Vor dem Kulturzentrum "Scheune" in der Neustadt forderten auch nicht die sogenannten "Stummen Künstler" ihre Kunstausübung vor Publikum und ein zumindest existenzerhaltendes Honorar ein. Den 100 Minuten Diskussion war schon anzumerken, dass die Sächsische Akademie der Künste überwiegend namhafte Gäste aus etablierten und staatlich geförderten Großeinrichtungen eingeladen hatte.

Planen ohne Sicherheiten

Die haben sich selbstverständlich auch umstellen müssen. "Man braucht eigentlich einen neuen Führungsstil, man muss sich einstellten auf permanente Veränderung, man hat keine Sicherheit mehr", beschreibt die Generaldirektorin der SKD, Marion Ackermann, die Situation.

Vom Besuchereinbruch und den Einnahmeverlusten von eineinhalb Millionen Euro – bei einem staatlichen Zuschuss von mehr als 20 Millionen – erholt man sich erst langsam wieder. Das Staatsschauspiel Dresden aber startet am 4. September in die neue Spielzeit mit einer Serie von neun Premieren. Man habe das gesamte Programm für den Herbst umgeändert, erklärt Chefdramaturg Jörg Bochow: "Es wird mehr solistisch agiert, auch bei Dialogen."

Mit Fantasie und Anpassungsvermögen überstehen wir die Kulturkrise schon irgendwie, so der Tenor. Ernüchterung trug Anne Pallas, Geschäftsführerin des sächsischen Landesverbandes Soziokultur, in die nette Runde. Nur ein Viertel des Publikums bedeute zu wenig Einnahmen:

Für einige Einrichtungen heißt das sogar: Wenn wir zu hätten, wäre es wirtschaftlicher!

Anne Pallas, Sächsischer Landesverband Soziokultur

Diskussion der Sächsischen Akademie der Künste im Kulturzentrum Scheune in Dresden, v.l.n.r. Christoph Dittrich, Anne Pallas, Marion Ackermann, Ulrich Khuon, Jörg Bochow
Diskussion der Sächsischen Akademie der Künste im Kulturzentrum Scheune in Dresden, v.l.n.r. Christoph Dittrich, Anne Pallas, Marion Ackermann, Ulrich Khuon, Jörg Bochow Bildrechte: Klaus Michael

Hochkultur und freie Szene: Konkurrenz oder Symbiose?

Wie das heimtückische Virus auch viele latent schlummernde Probleme bloßgelegt hat, war man so schnell bei einer alten Vor-Corona-Debatte: Das Verhältnis von Hochkultur und freier Szene, insbesondere Asymmetrien in der Förderung betreffend. Ulrich Khuon vom Deutschen Bühnenverein kann die Vorwürfe des Ausspielens von Sozialem gegen die Kunst schon lange nicht mehr hören. Sein Chemnitzer Kollege Christoph Dittrich, zugleich Präsident der Kulturstiftung Sachsen, beschwichtigte in seiner ausgleichenden Art: "Es gibt diese Konkurrenz nicht. Wenn uns die Corona-Krise irgendwas gelehrt hat, ist es dieses unglaublich symbiotische Verhältnis der kompletten Kulturbranche."

Aus dem Publikum riss der skurrile Künstler Reinhard Zabka vom Radebeuler Lügenmuseum das ebenso alte Thema des Konservatismus und der Platzhirsche in der Kulturförderung an. Anne Pallas von der Soziokultur stimmte teilweise zu. Es sei sehr schwer, jemanden aus einer Förderung rauszuschmeißen, und deswegen sei es auch so schwer, neue Projekte zu fördern.

Digitale Kreativität

Sind die Künste durch erzwungene digitale Ersatzformen zu neuer Kreativität inspiriert worden? Ja, wenn wirklich eine neue Online-Ästhetik entwickelt wurde. Aber die Einstufung als Notbehelf überwog. Christoph Dittrich, Generalintendant der Theater in Chemnitz, sieht die digitalen Inhalte als Bereicherung und Zusatzangebot: "Es wird niemals in der Lage sein, die eigentliche Kunst zu ersetzen."

Herausforderungen setzen Ideen frei, das zumindest kann man den Corona-Erfahrungen abgewinnen. Aber die Sorgen überwogen auch bei denen, die existenziell nichts zu befürchten haben. Zum Beispiel die Warnung vor einem Verlust an Internationalität und vor Rückfalltendenzen in Regionalität, was nicht als Attacke auf Wanderer im deutschen Wald und Ostseeurlauber gemeint war.

Dass mit den überall bevorstehenden Haushaltsverhandlungen der eigentliche finanzielle Härtetest noch bevorsteht, ahnte zumindest Marion Ackermann von den Dresdner Kunstsammlungen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. September 2020 | 07:10 Uhr