Olaf Zimmermann im Interview Kulturrat: "Es ist ein Lockdown total für den Kulturbereich"

Im November sollen die Kultureinrichtungen im Teil-Lockdown Corona-bedingt erneut schließen. Dann heißt es für einen Monat wieder: Keine Kinos, keine Theater, keine Konzerte, keine Museen und keine Ausstellungen haben geöffnet. Was bedeutet der sogenannte "Lockdown light" für die Kultur? Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat sieht die Kulturbranche als Kollateralschaden und warnt vor kultureller Entwöhnung.

Olaf Zimmermann, Geschaeftsfuehrer Deutscher Kulturrat. 8 min
Bildrechte: imago images / Reiner Zensen

Im November sollen die Kultureinrichtungen im begrenzten Lockdown erneut schließen. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat sieht die Kulturbranche als Kollateralschaden und warnt vor kultureller Entwöhnung.

MDR KULTUR - Das Radio Do 29.10.2020 06:00Uhr 08:17 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

MDR KULTUR: Ein erneuter Lockdown ist beschlossene Sache. Bund und Länder haben sich hier verständigt. Lockdown light wird das genannt. Was halten Sie davon?

Es ist kein Lockdown light. Es ist ein Lockdown total für den Kulturbereich.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Olaf Zimmermann: Wir haben gehofft, dass die vielen Maßnahmen, die wir eingesetzt haben, die Hygienekonzepte, die wir entwickelt haben, das Ausdünnen des Publikums in einer brutalen Art und Weise, dass das ausreichen würde und dass die Politik das auch anerkennen würde. Wir wussten aber schon seit einigen Tagen, dass das aller Voraussicht nach auf uns zukommt und jetzt ist es passiert. Es ist eine fundamentale Einschränkung. Viele aus dem Kulturbereich sind aus dem ersten Lockdown noch gar nicht richtig rausgekommen. Für die großen Kultureinrichtungen kommt der zweite Lockdown. Der hat erhebliche Auswirkungen auf die Künstlerinnen und Künstler, sie haben keine Auftrittsmöglichkeiten, keine Möglichkeiten, ihre Projekte umsetzen zu können. Es ist eine dramatische Situation.

Vor allen Dingen wirklich schwer zu vermitteln. Sie hatten das schon angedeutet. Es wurden Pandemie-Regeln befolgt. Es wurden Pandemie-Konzepte aufgestellt. Nachweislich gibt es geringste Infektionszahlen bei Kulturveranstaltungen. Till Brönner hat ein interessantes Statement bei Facebook losgelassen, er meint: "Irgendwie machen wir was falsch als Kulturschaffende. Offensichtlich haben wir keine vernünftige Lobby. Wir machen alles richtig. Wir befolgen alle Regeln. Und dann kriegen wir wieder eins in die Knie." Was macht denn der Kulturrat falsch, Herr Zimmermann? Sind Sie keine gute Lobby?

Ich hoffe schon, dass wir uns zumindest Mühe geben und haben ja doch in den letzten Monaten einiges erreicht, wenn Sie das Eine-Milliarde-Programm zur Unterstützung von Kultur ansehen, das es ohne den Deutschen Kulturrat nicht geben würde. Ich möchte auch an Till Brönner appellieren, dass so bekannte Künstlerinnen und Künstler wie er sich öfter in die erste Reihe in den politischen Auseinandersetzungen stellen, dann könnten wir vielleicht auch mehr erreichen.

Aber ich glaube es geht gar nicht in erster Linie um den Kulturbereich, beim Lockdown jetzt. Wir sind ein Kollateralschaden, um anderes zu erreichen.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Die Bundeskanzlerin hat das gestern auch in der Pressekonferenz gesagt: Das öffentliche Leben soll lahm gelegt werden. Es sollen weniger Menschen in den Bussen und Bahnen sein. Offensichtlich sieht die Politik keine andere Möglichkeit als zum Beispiel den Kulturbereich zu schließen, um damit das öffentliche Leben auszudünnen, damit die Menschen das andere, was dann gefährlich ist, z.B. offensichtlich eng gestellt in Bussen und Bahnen zu fahren, dass sie das dann unterlassen. Das heißt, wir sind der Kollateralschaden, den man benutzt, um anderes in der Gesellschaft zu erreichen. Ich finde das zutiefst bedauerlich, aber ich sehe auch im Moment nicht, wie wir das einfach abwenden können, außer jetzt dafür zu sorgen – und das machen wir schon intensiv – dass der Schaden begrenzt wird. Dass diejenigen, die jetzt zu machen müssen, für einen Monat zumindest einigermaßen finanziell entschädigt werden.

Ich weiß ja nicht, wie das jetzt dann tatsächlich läuft. Aber wenn es stimmt, dass man dann 75 Prozent von den Umsätzen im November 2019 bekommt, dann heißt das ja für Kultureinrichtungen möglicherweise der beste Monat im Jahr.

Zumindest der beste Monat in diesem Jahr. Wir sind im Moment in den Gesprächen mit der Politik, wie das genau gehandhabt wird. Es gibt im Moment diesen Vergleich: Monat November 2019 mit dem Monat November 2020. Es kann für viele der genau richtige Ansatz sein. Und es soll ja auch sehr unbürokratisch ablaufen. Aber wir haben viele Künstlerinnen und Künstler, die ganz unregelmäßig Einkommen haben. Die haben im Oktober ein hohes Einkommen, dafür haben sie im November überhaupt kein Einkommen und im Dezember wieder ein Einkommen. Das gehört zur Lebenswirklichkeit dazu. Das heißt, wir müssen auch für diejenigen etwas finden, die genau in dem Vorjahresmonat ein geringes Einkommen haben, aber trotzdem eigentlich im gesamten Jahr ein höheres Einkommen gehabt haben, damit man das in Verbindung setzen kann. Da verhandeln wir im Moment mit der Politik.

Haben Sie denn da, Herr Zimmermann, große Hoffnung, dass es mehr werden wird als Arbeitslosengeld II?

Das liegt natürlich an den Einkommensverhältnissen, die es vorher gegeben hat. Ich glaube, dass Corona nicht das einzige Problem ist, was wir haben, sondern dass es viele Probleme in unseren Bereichen sichtbar gemacht hat. Wenn also Künstlerinnen und Künstler im Jahr ungefähr 16.000 Euro verdienen, dann verdienen sie auch bisher schon so wenig, dass sie fast nicht über die Runden kommen konnten. Und dann kommt Corona, und dann kommt die Katastrophe.

Wir müssen auch diese Corona-Krise als Anlass nehmen, noch einmal tiefer in unsere Bereiche hineinzugucken, um zu einer besseren finanziellen Ausstattung gerade der Kulturschaffenden zu kommen. So kann das nicht weitergehen. Jede Form von kleinstem Ausfall eines Honorars führt sofort in eine Krise.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Und das ist ja auch mit eines unserer großen Probleme, dass unsere Bereiche schneller in Not geraten sind als andere Bereiche und eben jetzt auch noch nicht einmal aus der Not herauskommen können.

Gucken wir noch mal zum Abschluss auf die Situation der Kultureinrichtungen: Die waren erstmal zu. Und dann hat man versucht, das Publikum wieder zu gewinnen, mit begrenzten Möglichkeiten, weil nur ein Bruchteil der Plätze überhaupt besetzt werden durfte. Die Besucher sind sowieso ziemlich zurückhaltend, weil man sich fragt: Ist das schon in Ordnung? Dann hat man sich wieder ein bisschen rangetastet. Jetzt wieder vier Wochen Pause, was bedeutet das? Kann das zu einem langfristigen Schaden und zu einer Störung dieser kulturellen Öffentlichkeit führen?

Absolut. Wir stehen hier einer wirklich großen Gefahrensituation gegenüber. Man kann sich auch entwöhnen von der Kultur. Man kann sich auch entwöhnen davon, bestimmte Einrichtungen zu besuchen. Wir müssen gemeinsam – das ist also Aufgabe aller im Kulturbereich, aber auch natürlich des Journalismus – dafür sorgen, dass wir uns nicht entwöhnen, sondern dass auch in dieser Krise – selbst wenn jetzt die Theater wieder geschlossen werden müssen, wenn die Konzerte nicht stattfinden können – wir auch weiterhin versuchen, zu zeigen: Das ist da und das ist auch wichtig. Ich glaube, die Menschen brauchen das.

Wir haben im Moment eine Stimmung in der Bevölkerung, die gegen den Besuch von Kultureinrichtungen gerichtet ist. Und deswegen ist es so bedauerlich, dass wir jetzt nicht langsam uns wieder entwickeln können, sondern jetzt wieder alles zumachen müssen.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Mehr zu Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2020 | 07:10 Uhr