Kultur für alle Stadtentwicklung: Wie Kinos und Theater Problemviertel aufwerten

Wo in einer Stadt sind eigentlich die Kulturräume? Und vor allem: warum? Der Standort von Kino, Theater, Bühnen und soziokulturellen Treffpunkten kann sich positiv auf deren Umgebung auswirken – das zeigt zum Beispiel das Ost-Passage Theater an der Eisenbahnstraße in Leipzig, das das Image der Gegend aufgewertet hat. Was die Verortung für die Kulturmacher und für die Stadtentwicklung bedeutet, wurde auf der Filmkunstmesse in Leipzig diskutiert.

Menschen vor einer Bühne im Ost-Passage Theater Leipzig 4 min
Bildrechte: Thomas Grahl

Das Ost-Passage Theater im Leipziger Osten ist seit 2018 Raum für Theatermacherinnen, Kinoliebhaber, Musikerinnen und Musiker. Die Initiative um Daniel Schade und Matthias Schluttig hat jahrelang dafür gekämpft, den historischen Gebäudekomplex zu beleben. Heute ist die Nachbarschaftsbühne fester Bestandteil der Kulturszene rund um die Eisenbahnstraße. Ein Ort der Begegnung für Menschen ganz unterschiedlicher Milieus.

Das Ost-Passage Theater als Nachbarschaftsbühne für alle

Daniel Schade beschreibt, dass das Theater sich schon seit seiner Gründung in einem Spannungsfeld bewegt. "Also das positive Signal: ein Theater an der Eisenbahnstraße. Und ein halbes Jahr später das negative Signal: 'aber wir müssen euch jetzt leider sagen, da müssen wir eine Waffenverbotszone drum herumziehen.'" Daniel Schade hat darin die Stigmatisierung eines ganzen Quartiers gesehen. "Das wurde uns schon sehr deutlich von den Nachbar:innen unterschiedlichster Zielgruppen gespiegelt. Das wurde negativ empfunden. Man fühlt sich einfach abgewertet."

Mittlerweile gibt es Bestrebungen, die dortige Waffenverbotszone aufzulösen. Und auch das Ost-Passage Theater hat durch seinen Standort zum positiven Image des Ortes beigetragen. Die Nachbarschaftsbühne, wie sie sich selbst beschreibt, soll von allen bespielt werden können – gerade in einem so ambivalenten Quartier wie jenem rund um die Eisenbahnstraße in Leipzig. Seit gut einem Jahr wird das Theater auch institutionell gefördert.

Das Kino Cinémathèque als "Kontrapunkt im Einheitsbrei"

Angela Seidel
Angela Seidel vom Kino Cinémathèque in Leipzig Bildrechte: unicato | MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch auf der Bühne der Filmkunstmesse steht die Frage im Raum, welche Wirkung Kulturräume auf ihre unmittelbare Umgebung entfalten können. Besonders in Vierteln, in denen sie einen "Kontrapunkt" bilden, wie es Angela Seidel vom Kino Cinémathèque in Leipzig formuliert. Ihr Kino könnte möglicherweise bald einen neuen Standort im neu entstehenden Quartier westlich des Leipziger Hauptbahnhofs erhalten – und auch dort einen Kontrapunkt bilden.

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Es hat nochmal eine andere Dimension für dieses soziale Spannungsfeld an diesem Ort. Spannungsfeld eben in sozialer Art und da könnte durch das Konzept, das wir da fahren, in Zusammenhang mit diesem Stadtteil eine Entspannung stattfinden." Dabei gehe es um eine deeskalierende Wirkung, so Seidel, die das Viertel aufwerten und "aus dem Schatten ein Stück weit rausführen" solle.

Temporäre Nutzung von leerstehenden Gebäuden

Um Aufwertung geht es auch, wenn in Innenstädten Räume für Kultur geschaffen werden. In Leipzig gibt es zum Beispiel Museen, Theater, Oper rund um den Innenstadtring. Sie sind etabliert und werden institutionell von der Stadt gefördert. Doch durch den zunehmenden Leerstand im Einzelhandel öffnen sich auch neue Räume.

Dr. Skadi Jennicke, Bürgermeisterin für Kultur
Skadi Jennicke (Linke), Kulturbürgermeisterin in Leipzig Bildrechte: imago/PicturePoint

Räume, die aber häufig nur temporär der Kultur zur Verfügung stehen, wie Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke erklärt. "Irgendwann ist diese Funktion der Wiederbelebung erfüllt und der Kulturakteur muss dem Investor weichen. Man muss sich von vornherein klar sein, dass das die gewünschte Entwicklung ist aus Stadtentwicklungssicht, dass eine Zwischennutzung erstmal den Raum öffnet, den Horizont öffnet, Belebung schafft, damit sich dann auch was wirtschaftlich Tragfähiges an der Stelle entwickeln kann." Und Jennicke ergänzt: "Dass das an anderer Stelle ein Konflikt ist, dass wir Kulturakteure da auch ein Stückchen benutzen und letztlich ihnen keine langfristige Perspektive geben – das gehört genauso zur Wahrheit und ist ein Problem."

Strukturwandel in den Innenstädten als Chance sehen

Dieses Problem sieht Dunya Bouchi, die auf der Bühne der Filmkunstmesse gesprochen hat. Sie arbeitet für ein Berliner Architekturforum, das sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Gesellschaft und Stadtplanung gegenseitig beeinflussen. Dunya Bouchi plädiert dafür, den Strukturwandel im Einzelhandel als Chance für die Innenstädte zu begreifen und betont, "dass Innenstädte nicht erweiterte Shoppingcenter sind, sondern Orte, an denen alle möglichen Arten von Leben stattfinden können". Und dabei meint sie auch ausdrücklich kulturelles Leben.

So, wie im Leipziger Osten, wo das Ost-Passage-Theater auf der zweiten Etage einer Supermarktfiliale zu finden ist. Kultur und Einzelhandel an einem Ort scheint also doch machbar – wenn die Idee und der Wille dazu da sind.

Gewölbe im Ost-Passage Theater Leipzig
Das Ost-Passage Theater-Leipzig befindet sich direkt über einem Discounter in der Eisenbahnstraße Bildrechte: Erik Melzer

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2021 | 16:10 Uhr