Interview mit MDR-Intendantin Gemeinsames Kulturangebot für ARD, ZDF und Deutschlandradio

Ein gemeinsames Kulturangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks soll unter Federführung des Mitteldeutschen Rundfunks entstehen. Der derzeitige ARD-Vorsitzende Tom Buhrow verspricht, das neue Kulturangebot soll eine vielfältige digitale Heimat für Kulturbegeisterte werden. Konzerte, Ausstellungen, Kulturerfahrungen aller Art aus den einzelnen Sendegebieten werden gebündelt, mit dem Ziel, die Inhalte für Menschen in ganz Deutschland besser auffindbar und zugänglicher zu machen. Wie es dazu kam und was zu erwarten ist, dazu ist MDR-Intendantin Karola Wille im Gespräch.

Prof. Dr. Karola Wille
MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen

MDR KULTUR: Was bedeutet ein gemeinsames Kulturangebot für ARD, ZDF und Deutschlandradio für den MDR?

Karola Wille: Also zunächst freuen wir uns alle beim Mitteldeutschen Rundfunk, dass es gelungen ist, eine weitere Gemeinschaftseinrichtung der ARD hier in den Osten Deutschlands anzusiedeln. Weil bisher gibt es davon hier nur wenige – genauer gesagt eine. Es gibt den Kinderkanal in Thüringen. Und es gibt fast 50 Gemeinschaftseinrichtungen, wo ARD, ZDF und Deutschlandradio teilweise mit solche gemeinschaftlichen Angebote entwickelt haben. Und jetzt kriegen wir eine neue hinzu in unser Sendegebiet beim MDR. Und das ist eine tolle Entscheidung. Das stärkt ganz klar das Engagement und die Präsenz von ARD und ZDF und Deutschlandradio hier in den ostdeutschen Bundesländern.

Prof. Dr. Karola Wille - MDR-Intendantin 7 min
Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen
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Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen

Ich finde, das ist ein gutes Zeichen in der jetzigen Zeit. Wir sind ja im 30. Jahr der Deutschen Einheit und insofern macht der ARD-Vorsitzende ein Stück das wahr, was er am Beginn seines ARD-Vorsitzes angekündigt hatte: Ich will die ARD etwas ostdeutscher machen. Und das wird jetzt passieren.

Diese digitale ARD-Kulturzentrale in Ostdeutschland ist also ein besonderes politisches, weil auch medienpolitisches Signal.

Wir diskutieren das ja schon lange, das ist nicht erst in diesen Monaten entstanden. Was nicht ganz glücklich zusammen gekommen ist: die Überlegung gibt es seit einigen Jahren. Und jetzt haben wir uns durchgerungen, jetzt haben wir tatsächlich – auch noch mit ZDF und Deutschlandradio gemeinsam – die Entscheidung getroffen. Und, wie gesagt, darüber freuen wir uns sehr.

Was ist die Intention dahinter? Warum legt sich die ARD diese Art digitale Kulturplattform zu? Was ist das Angebot?

Es soll ja ein digitales Kulturangebot werden und soll uns in dieser digitalen Welt, mit dieser unheimlichen Fülle an Kulturangeboten und dem Reichtum, der ja auch in den einzelnen ARD-Anstalten immer wieder zu Tage gefördert wird – das soll noch besser sichtbar werden. Es soll noch bundesweiter sichtbar werden. Wir glauben, dass Kultur nicht nur regional ist, sondern, im Gegenteil, dass die Kulturereignisse immer wieder eine bundesweite Ausstrahlung haben. Dass sie ein Stück identitätsstiftend wirken, dass sie den Menschen auch ein Stück Mut machen. Dass gerade Kultur geeignet ist, Menschen zusammenzubringen, sich miteinander zu freuen, miteinander zu diskutieren. Und das wollen wir versuchen, indem wir diese Dinge der einzelnen Rundfunkanstalten zusammenführen, bündeln.

Aber das alleine soll es dann nicht sein, sondern wir wollen darüber hinaus auch neue Inhalte schaffen: kreative Kulturangebote, neue Formate, ein Stück mehr Interaktion. Also Kulturerlebnisse in einer digitalen Welt schaffen, die besonders berühren können.

Und das werden wir verlinkt tun mit ZDF und Deutschlandradio. Dort gibt es ja auch eine ganze Reihe von Kulturinhalten zu finden. Und das ist das Ziel, das ganze vernetzt sichtbarer, transparenter zu machen und innovativer, indem man also auch ganz neue Angebote mit hinzufügt.

Und letzter, ganz wichtiger Punkt: Wir haben ja ganz viele Kulturpartnerschaften und ich glaube, auch hier dieses Netzwerk zusammenzuführen und zu stärken und miteinander im Gespräch zu bleiben, bundesweit im Gespräch zu bleiben, das ist das, was wir wollen. Wir haben ja gerade in den letzten Wochen gezeigt, in der Corona-Zeit, was möglich ist und was an kreativen Formaten entstanden ist. Vielleicht erinnern sich die Hörerinnen und Hörer noch an die Übertragung der Johannes-Passion aus der Leipziger Thomaskirche, wo wir die Menschen weltweit berührt haben. Und das war, finde ich, etwas ganz besonderes. Und ich denke, davon brauchen wir mehr in dieser Zeit.

Ich versuche mir das gerade vorzustellen. Ich habe diese Plattform, das digitale Kulturangebot der ARD, das alle Informationen und Angebote bündelt?

Wie das konkret aussehen wird, das steht noch nicht fest. Es gibt jetzt eine kleine Gruppe unter Federführung des Mitteldeutschen Rundfunks, gemeinsam mit den ZDF-Kollegen, mit ARD- und Deutschlandradio-Kolleginnen und -Kollegen. Genau das werden die jetzt entwickeln. Ich würde nicht unbedingt von einer Plattform sprechen, sondern wir werden diese originären Inhalte oder auch die anderen Inhalte auch stärker in die Audiothek der ARD bringen. Wir werden sie in die Mediathek bringen, um den Kulturbereich in der Mediathek zu stärken. Ob es dann eine App gibt oder ob es dann tatsächlich eine eigene Plattformwelt gibt, das ist genau das, was die Kolleginnen und Kollegen in den nächsten Monaten jetzt zusammen entwickeln werden. Ziel ist, das im Herbst vorzulegen in diesem Jahr. Und starten soll das – deswegen heißt das nicht "Kulturplattform" sondern "digitales, vernetztes Kulturangebot von ARD, ZDF, Deutschlandradio" – zu Beginn 2021.

Der Bayerische Rundfunk wird das Ganze nicht mit tragen, er schert sozusagen aus. Ist das ein Schönheitsfehler an dem Projekt?

Ich bedaure das schon, dass der Bayerische Rundfunk nicht dabei ist. Er hat ja andere Vorstellungen, was eine solche Gemeinschaftseinrichtung anbelangt. Und er hat grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedenken, weil in der Politik so stark die Diskussion gerade geführt wird und die Beitragserhöhung ja ansteht. Und er sagt, das kann man nicht zusammenführen. Und deswegen hatte er grundsätzliche Bedenken gegen diese Entscheidung und ist in der Tat dann jetzt nicht mit dabei. Wir teilen diese Bedenken nicht, und wir sind alle in der ARD, gemeinsam mit ZDF und Deutschlandradio überzeugt, dass es ein super Zeichen, gerade jetzt, ist.

Da diese digitale Kulturplattform beim MDR angesiedelt sein wird, hat das ja sehr vielfältige Kulturangebot gerade in Mitteldeutschland dabei eine Rolle gespielt?

Die Idee kommt ja von uns, kommt vom Mitteldeutschen Rundfunk. Und in der Tat steht dahinter auch der Gedanke, dass kaum eine Region in Europa solch eine Vielfalt und solche Dichte von Kunst und Kultur zu bieten hat. Und deswegen wollen wir genau das nutzen als Ausgangspunkt. Es ist für uns so ein wunderbarer Ort, wo man dann eben diese Brücken schlagen kann, wo man verbinden kann, wo man neugierig machen kann. Und genau deshalb ist die Idee auch hier entstanden. Und ich freue mich, dass die Idee von den anderen geteilt wird und dass wir damit natürlich aus Mitteldeutschland heraus auch ein Zeichen setzen können.

Das Interview hat Alexander Mayer für MDR KULTUR geführt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Mai 2020 | 16:10 Uhr

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