Bildungsprojekte im ländlichen Raum So kommt Kultur zu Kindern und Jugendlichen auf dem Land

Mal ist zu wenig Geld da, mal fällt Kindern und Jugendlichen der Mangel an kulturellen Angeboten gar nicht auf, weil es ja noch das Internet gibt: Es ist nicht einfach, Jugendarbeit auf dem Land zu machen, darin sind sich Kulturvereine einig. Wo liegen die Herausforderungen für Kulturprojekte im ländlichen Raum? MDR KULTUR hat mit der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. in Leipzig gesprochen.

Kinder halten bunt bemalte Kartons vor ihr Gesicht
Kulturvereine haben es oft schwer, Projekte auf dem Land anzubieten. Bildrechte: Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen e.V.

Seit Mai 2019 arbeitet die Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) Sachsen e.V. mit dem Projekt "Kulturstarter" an Oberschulen im ländlichen Leipziger Raum. Es geht um kulturelle Projekte, die von den Schülern vor Ort selbst entwickelt werden sollen. "Man braucht den langen Atem", sagt Christine Range, Geschäftsführerin der LKJ, im Gespräch mit MDR KULTUR.

"Wenn man an die Schule geht und wir sagen, wir haben eine Idee, dann haben die Schulen die Sorge, dass es eine zusätzliche Aufgabe ist, die sie nicht leisten können. Die Schulen möchten nicht so gerne eine zusätzliche Verantwortung übernehmen", stellt Range bei ihrer Arbeit fest. Schließlich hat sie gemeinsam mit ihrem Team aber sechs Schulen finden können, die bei dem Projekt "Kulturstarter" mitmachen. Das sei aber harte Arbeit gewesen.

Nicht nur Graffiti, Schulfeste und Partys

Kinder sitzen an Maltisch
Bodypainting bei der Sommerwerkstatt des LKJ Bildrechte: Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen e.V.

Man müsse gut kommunizieren, um die Belastung für die Schulen sehr überschaubar zu halten. "Von den Schulen erwarten wir keinen finanziellen Beitrag, sondern wir haben den Antrag so gestellt, dass wir jeder Schülergruppe an der Schule 300 Euro bereitstellen können, damit sie ihr eigenes Projekt umsetzen können", so Range weiter.

Die Projekte finden zurzeit in den Klassen 8 und 9 an Oberschulen in Delitzsch, Krostitz, Geithain, Markranstädt und Borna statt. Man habe aber bei der Arbeit feststellen müssen, dass es gerade dort im ländlichen Raum einen Nachholdbedarf gibt, was die kulturelle Bildung anbelangt. "Es gibt eben nicht nur Graffiti, Schulfeste und Partys", sagt Range zu den Projektvorschlägen der Schüler.

Das Ziel des Projekts "Kulturstarter" sei es, den Erfahrungsraum der Schüler zu erweitern. So sei man beispielsweise vor Projektbeginn zum Kinderfilmfestival "Schlingel" nach Chemnitz gefahren, um den Kindern auch eine neue Welt des Films zu eröffnen. Zudem werden die Schüler im Rahmen von Seminaren im Projektmanagement geschult. So sollen sie herausfinden, worauf sie Lust haben.

Überall begrenzte Töpfe und große Nachfrage

Gruppe Kinder steht tanzend auf einer Bühne
Auch Tanzprojekte bietet die LKJ an. Bildrechte: Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen e.V.

Finanziert wird das Projekt vom Sächsischen Ministerium für Kultur und Tourismus. Dort heißt es auf Anfrage von MDR KULTUR, dass man darauf achte, dass "die geförderten Projekte insbesondere im ländlichen Raum des Freistaates Sachsen wirken". Insgesamt werden im Jahr 2020 vom Ministerium 1,5 Millionen Euro für die kulturelle Bildung ausgegeben. Auch Range betont, dass man in Sachsen gerade durch das Kulturraumgesetz sehr gut aufgestellt sei. Gleichwohl gebe es Punkte, die ihre Arbeit schwer machten. "Das sind überall begrenzte Töpfe und es gibt immer eine große Nachfrage von sehr vielen. Es gibt Geld, aber es ist nie eine Vollfinanzierung", beklagt Range.

Das gehe dann zu Lasten von Eltern: "Heute kostet ein Tagessatz in der Jugendherberge 35 Euro. Wenn aber die Förderung vom Land bei maximal 10 Euro liegt, dann weiß man, dass man alleine schon für Übernachtung und Verpflegung 25 Euro an die Eltern übergeben muss", so Range. Hinzu kämen dann noch Kosten für das Projekt selbst. Zudem müsse der Verein über die Projekte auch einen Teil der eigenen Personalkosten mitfinanzieren. Vom Land heiße es dann, dass nicht mehr Geld für die kulturelle Jugendbildung da sei.

"Was man nicht hat, das vermisst man nicht"

"Es ist nicht leicht, Kinder- und Jugendarbeit auf dem Land zu machen. Die stehen nicht Schlange", sagt Range und schlussfolgert: "Was man nicht hat, das vermisst man nicht". Da erhoffe sie sich künftig auch mehr Offenheit von Landräten, Bürgermeistern und Schulen, kulturelle Bildungsprojekte zuzulassen und zu fördern. Dabei spiele auch die Zusammenlegung der Stadträte eine Rolle. "Es polarisiert natürlich, wenn eine Jugendkulturwerkstatt wie in Geithain sagt, wir sind links und sie machen keinen Hehl daraus und der Bürgermeister ist eher konservativ, dann kommt man da nicht zueinander", so Range. Insofern könne der Verein an solchen Punkten ansetzen und den Jugendlichen, "eine moralische und finanzielle Unterstützung" geben.  

Ein positives Beispiel eines kulturellen Bildungsprojekts sei auch in Groitzsch zu finden. Dort konnte der Verein mit Mitteln vom Bund und den Schulen als Partner einen Raum einrichten, der von der LKJ für kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen genutzt wird. Auf Initiative der Kinder habe man beispielsweise Mülleimer besorgt, die von den Kindern künstlerisch gestaltet und dann in der Stadt aufgestellt werden. "Sowas funktioniert, weil Kinder und Jugendliche sehen, dass es im öffentlichen Raum dann auch tatsächlich ankommt", so Range.

Digitalisierung und kulturelle Bildung

Kinder sitzen am Basteltisch und kreieren Skulpturen
In der Skulpturenwerkstatt - haptische Erfahrungen statt Internet Bildrechte: Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen e.V.

"Durch die Digitalisierung und das Internet empfinden Jugendliche den Mangel an kulturellen Bildungsprojekten im ländlichen Raum nicht als Defizit", meint die Geschäftsführerin der LKJ weiter. "Sie sind in ihrer Community digital verbunden mit der Welt". Das sei aber nicht haptisch, sondern auf einer geistigen Ebene.

Bei den Projekten gehe es jedoch häufig um Ideen für die analoge Welt – eben um künstlerisch gestaltete Mülleimer, Graffiti oder auch Modenschauen. Da erkennt Range einen Bedarf seitens der Schüler. "Das ist scheinbar etwas Konservatives, weil alle Welt von Digitalisierung redet, und die Jugendlichen wollen eigentlich was mit den Händen machen". Daraus würden die Kinder dann einen besonderen Stolz ziehen. 

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2020 | 08:40 Uhr

Abonnieren