Gründung einer Genossenschaft Itze loofts... – Wie in Kromsdorf die Kultur aufs Land kommt

Viele Gaststätten auf dem Land haben in den vergangenen Jahren dicht gemacht. Da lässt aufhorchen, was im kleinen Dörfchen Kromsdorf bei Weimar passiert: Dort haben einige Engagierte das örtliche Schloss in ein "Bürgerschloss" umgewidmet und betreiben eine Gaststätte darin, bieten selbstgebrautes Bier an und stemmen auch noch ein Kulturprogramm. Möglich wurde das, weil sie sich in einer Genossenschaft organisiert haben.

Kulturgenossenschaft Kromsdorf 4 min
Bildrechte: Eberhard Dürselen

An einem Sonntag um 15 Uhr erklingt auf der Terrasse des Kromsdorfer Schlosses eine Geige: Tobias Schöne, Student an der nahe gelegenen Weimarer Musikhochschule, gibt ein kleines Solo-Konzert. Rund 50 Menschen hören ihm zu, sie sitzen lauschig unter hohen Bäumen, essen Kuchen, trinken vor Ort gebrautes Bier oder nippen an einem Wein aus Kromsdorfer Reben. Kultur und kulinarische Genüsse finden hier ziemlich ideal zusammen.

Suche nach der idealen Organisationsform

Kulturgenossenschaft Kromsdorf: Peter Möller
Mitiniator Peter Möller Bildrechte: Eberhard Dürselen

Die Szenerie grenzt fast an ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, wie es hier noch vor ein paar Jahren aussah.

Der damalige Pächter der Schlossgaststätte verdiente sein Geld hauptsächlich mit privaten Veranstaltungen, erinnert sich der Kromsdorfer Peter Möller:

Meist stand vor dem Schlosspark ein Schild: 'Geschlossene Gesellschaft'. Das hat uns ein wenig geärgert. Wir haben so ein schönes Gebäude, einen tollen Park, so kam bei uns die Frage auf: Wieso kann das nicht der Mittelpunkt des sozialen und kulturellen Lebens von Kromsdorf sein?

Peter Möller

Gesagt, getan: Genossenschaft

Fünf Herren an der Zapfanlage
Hier kommt Selbstgebrautes aus der Zapfanlage. Bildrechte: Eberhard Dürselen

Möller und einige weitere Menschen aus dem Dorf fingen an zu überlegen. Sie wollten die Gaststätte selber betreiben und suchten nach einem Alleinstellungsmerkmal, um Publikum anzuziehen. So kamen sie auf die Idee, selbstgebrautes Bier zu verkaufen. Essen sollte es natürlich auch geben – und ein Kulturprogramm. Plötzlich stand das Stichwort "Genossenschaft" im Raum. Denn einerseits brauchte man Helferinnen und Helfer, etwa für den Ausbau der Küche. Und andererseits Startkapital.

"Und weil eben die eingetragene Genossenschaft eine Art Zwitterleben führt, war das für uns die optimale Gesellschaftsform", so Möller. "Die Genossinnen und Genossen machen auf der einen Seite alle aktiv mit, auf der anderen Seite erwerben sie Geschäftsanteile und investieren somit Geld."

Die Genossenschaftsidee

Monopoly 8 min
Bildrechte: imago/Schöning
Hermann Schulze-Delitzsch 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Wurzeln der Genossenschaftsidee liegen in Delitzsch - Tobias Barth taucht in ihre Geschichte ein.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 02.07.2021 18:00Uhr 04:34 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Hier kommt man zusammen: Gleichberechtigt

Kulturgenossenschaft Kromsdorf: Speiseausgabe am Schloss
Speisenausgabe am Schloss Bildrechte: Eberhard Dürselen

Ein Anteil bei der Kultur- und Brauereigenossenschaft Schloß Kromsdorf kostet 250 Euro. Man kann auch mehr kaufen, hat dadurch aber nicht mehr Stimmrechte – arm oder reich, alle sind hier gleich, so das Motto, das in allen Bereichen gilt. Etwa beim Bierbrauen, wie Stefan Großkopf berichtet. Alle paar Wochen trifft er sich mit ein paar anderen Männern, acht Stunden lang arbeiten sie dann an einem Braugang und produzieren 200 Liter Pils oder Festbier:

"Da hat sich wirklich eine wunderbare Truppe gefunden, aus unterschiedlichen sozialen Ebenen. Wie man sich das eigentlich auch wünscht, beim Sportverein oder ähnlichen Angeboten."

Auch wenn das Ganze mit viel Spaß verbunden ist – nicht nur beim Bierbrauen ist der zeitliche Aufwand, den die Genossenschaftsmitglieder investieren, teilweise hoch. In der Schlossgaststätte gibt es zwei festangestellte Mitarbeiterinnen, alles andere wird im Ehrenamt erledigt.

Streiten erwünscht

Publikum im Garten Bildrechte: MDR / Mareike Wiemann

Nicht immer läuft das reibungslos ab, da wo viele mitreden dürfen, wird auch mal ordentlich gestritten. Aktuell gibt es beispielsweise einen Konflikt um verschiedene Nutzungsbedürfnisse: Die einen wollen auf der Schlossterasse Grillen und eine Art Biergarten betreiben, die anderen setzen auf feinsinnige Kulturveranstaltungen – beides zur gleichen Zeit geht natürlich nicht. Peter Möller, der sich im Aufsichtsrat der Genossenschaft engagiert, versucht, konstruktiv damit umzugehen:

Wenn 120 Leute zusammen kommen, dann versteht es sich von selbst, dass es auch Meinungsverschiedenheiten gibt, über die man reden muss. Das Schlimmste ist, wenn sie unausgesprochen bleiben. Und das passiert bei uns nicht, insofern sehe ich das eher positiv als negativ.

Peter Möller

Kultur im Grünen

Violinist Tobias Schöne
Violinist Tobias Schöne Bildrechte: Eberhard Dürselen

Nach einer lauschigen Dreiviertelstunde beendet Violinist Tobias Schöne an diesem Sonntagnachmittag sein Konzert und bekommt ein spätes Mittagessen serviert - denn so läuft das in Kromsdorf, die meist jungen Musizierenden spielen für eine Mahlzeit und Spenden. Auch hier gilt das Prinzip, dass Kultur für alle zugänglich sein soll. Ein echtes Bürgerschloss eben.

Weitere Informationen KulturSchlossKromsdorf: Bürgerschloss und Kulturbrauerei
Platz der Demokratie 47
99510 Ilmtal-Weinstraße, OT Kromsdorf

Klassische Konzerte finden jeden Sonntag um 15 Uhr, Rock- und Popkonzerte jeden zweiten Sonntag um 11 Uhr statt.

Außerdem werden Podiumsdiskussionen, Lesungen und weitere Kulturangebote organisiert.

Der Schlosspark, derzeitiger Buga-Außenstandort, ist ebenfalls einen Besuch wert.

Die Schlossschänke hat derzeit Samstag und Sonntag ab 11 Uhr geöffnet, die ebenfalls von der Genossenschaft betriebene Vinothek Samstag von 10 bis 18 Uhr und Sonntag von 12 bis 17 Uhr.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juli 2021 | 18:05 Uhr

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Kultur

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei