"Die Vielen" steht auf einer glänzenden Fahne.
"Die Vielen" auf der zum Symbol gewordenen glänzenden Fahne Bildrechte: dpa

Gesellschaftliches Engagement Wie die Kultur-Initiative "Die Vielen" in Mitteldeutschland wirkt

Am 9. November 2018 unterzeichneten 140 Berliner Kulturinstitutionen in Berlin die erste "Erklärung der Vielen". Der Grund: Die Institutionen sehen die Kunst- und Kulturfreiheit bedroht. Nicht nur Theater und Opernhäuser gehörten zu den Erstunterzeichnenden, auch Einrichtungen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Akademie der Künste oder die Berliner Festspiele machen mit. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt folgten ebenfalls Erklärungen. Mittlerweile gibt es rund 2.500 Unterzeichner. Was hat sich seitdem getan und wie geht es weiter?

von Ann-Kathrin Canjé, MDR KULTUR

"Die Vielen" steht auf einer glänzenden Fahne.
"Die Vielen" auf der zum Symbol gewordenen glänzenden Fahne Bildrechte: dpa

Als Berliner Kulturschaffende die ihrer Meinung nach immer stärker bedrohte Freiheit der Kunst- und Kulturlandschaft wahrnahmen, riefen sie 2018 mit der Initiative "Die Vielen" eine Art Gegenbewegung ins Leben. Bis heute haben sich ihr bundesweit 2.500 Kulturinstitutionen in mehr als 30 Regionen angeschlossen und eigene Erklärungen veröffentlicht.

Shermin Langhoff und Holger Bergmann bei einer Pressekonferenz
Shermin Langhoff (Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters) und Holger Bergmann (Geschäftsführer Fonds Darstellende Künste) bei einer Pressekonferenz zur Gründung der Initiative 2018 Bildrechte: dpa

Erkennungszeichen der "Vielen" sind goldene Rettungsdecken, die bei Demonstrationen auf den Straßen schimmern, auf Webseiten und Plakaten zu sehen sind und die mittlerweile in vielen deutschen Kulturinstitutionen hängen. Sie sind ein positives, glänzendes Zeichen, das gleichzeitig auch an die Rettungsdecken der geflüchteten Menschen erinnert, die nach Europa gekommen sind.

Die Künstlerin Philine Rinnert war von Anfang an bei den "Vielen" dabei und verweist auf die große Bandbreite der beteiligten Institutionen, aus der sich die Verschiedenheit und die Offenheit der einzelnen Menschen schließen lässt.

Von einer kleinen Galerie bis zur Staatsoper in einer Stadt und dann nochmal deutschlandweit gesehen ist das wirklich ein sehr, sehr großes Spektrum.

Künstlerin Philine Rinnert über Vielfalt der Initiative "Die Vielen"

Da "Die Vielen" sich als Plattform und nicht als politischer "Top-Down-Betrieb" begreifen, betonen sie, dass jede Einrichtung für sich spricht.

Einer der Kernpunkte: Solidarität

Wichtig sind ihnen drei Ebenen, wie der derzeitige Vorsitzende der Initiative, Holger Bergmann, erklärt: "Das eine ist, dass man keine Plattform bildet für rechtsextreme und rechtsnationale Positionen. Dann ist die zweite Ebene natürlich, dass man die Institutionen selber befragt, um die eigenen Bedingungen: Gibt es institutionellen Rassismus im Haus? Sind wir eigentlich ausgerichtet auf eine diverser werdende Gesellschaft? Aber auch: Wie sieht es denn mit unseren politischen Einstellungen aus? Wofür sind wir eigentlich da als Kunst- und Kulturbetrieb? Ist das eigentlich allen klar von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis zum Publikum? Und die dritte Ebene, ist die der Solidarität untereinander."

Demonstration
Auch in Wien hat die Initiative mittlerweile Fuß gefasst Bildrechte: Die Vielen e.V

Die Unterzeichnenden verpflichten sich zu gegenseitiger Solidarität mit Kultureinrichtungen und Akteur*innen der Künste, die durch Hetze und Schmähungen unter Druck gesetzt werden.

Punkt 11 der Berliner Erklärung der Vielen

Unter Druck: Das Theater in Freiberg

Unter Druck gesetzt wurde in der letzten Spielzeit beispielsweise das Mittelsächsische Theater in Freiberg. Es habe nicht die gebotene Neutralität bei einer Buchvorstellung gezeigt und das kurz vor der Europawahl, so der Vorwurf. Ein AfD-Stadtrat witterte indirekten Wahlkampf. Das Theater sah die Freiheit der Kunst und somit auch sich selbst bedroht.

Demonstranten halten Plakat mit der Aufschrift "Wir alle sind die Vielen"
"Die Vielen" in Stuttgart Bildrechte: imago images / Ralph Peters

Josepha Maschke vom Theater der jungen Welt in Leipzig hat die sächsische Erklärung der Vielen mitverantwortet und steht derzeit mit der Theaterleitung in Freiberg in Kontakt, um gemeinsame Aktionen und Treffen mit den Vielen dort zu veranstalten. Dabei soll gemeinsam mit den Akteuren vor Ort gehandelt und entschieden werden und "nicht, dass die Menschen aus der Großstadt kommen, sagen, sie wissen es besser – und dann gehen sie wieder."

Wichtige Fragen sind dabei aus Sicht von Maschke: "Was ist vor Ort? Welche Akteure gibt es? Wie kann man die unterstützen, wenn sie um unsere Unterstützung bitten." Diese Solidarität ist ihr wichtig: "Weil wir wahrnehmen, dass es immer mehr Angriffe auf die Kunstfreiheit gibt auch in Sachsen. Durch Bedrohungen, durch Störungen, durch gezielte parlamentarische Anfragen und weil wir deshalb glauben, dass der Solidaritätsgedanke mit solchen Einrichtungen ganz wichtig ist."

Auch Halle und Dresden haben sich angeschlossen

Nicht nur einzelne Regionen und Bundesländer haben sich den "Vielen" angeschlossen, auch Städte wie Dresden und Halle haben Erklärungen verfasst und sich mit den Bühnen ihrer Stadt zusammengeschlossen. So berichtet Katja Podzimski von den Bühnen Halle, dass ihre Spielstätte auch schon Gegenstand von AfD-Landtagsbeiträgen war. In ihrer Stadt gibt es zudem ein Haus der rechtsextremen Identitären Bewegung, wenige hundert Meter von den Spielstätten entfernt. Die Teilnahme bei der Initiative "Die Vielen" ergab sich auch daraus.

'Die Vielen' schwappte zu uns und dann war relativ schnell klar, dass wir auch eine Hallesche Erklärung auf die Beine stellen wollen. Man sieht auch draußen ein Banner hängen, wo wir einfach auch nochmal nach außen ein Statement abgeben wollen.

Katja Podzimski, Bühnen Halle

Bundesweite Zusammenkunft im November

Die Beispiele aus Halle und Leipzig zeigen, wie die Initiative der Vielen Früchte trägt. Im November wird es eine bundesweite Zusammenkunft, den "Ratschlag der Vielen" in Nürnberg geben. Dort sollen Aktionstage für den 8. und 9. Mai 2020 zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und damit der Befreiung vom Faschismus geplant werden.

"Wozu das Theater?" - MDR KULTUR fragt, mitteldeutsche Intendantinnen und Intendanten antworten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 04:00 Uhr

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