Der Bitterfelder Kulturpalast, aufgenommen am 13.10.2004
Der Bitterfelder Kulturpalast wurde schon einmal gerettet und 2004 wiedereröffnet. Bildrechte: dpa

Kulturpalast Bitterfeld Der letzte Akt?

In ihm wurde der sogenannte "Bitterfelder Weg" entwickelt, der die Kultur der DDR prägen sollte: Der Kulturpalast in Bitterfeld. Doch seit Jahren steht das kulturhistorische Denkmal leer, und die Kosten, um das Gebäude zu erhalten, werden dem Eigentümer zu hoch. Daher soll nun die Abrissbirne anrücken - wenn sich nicht doch noch ein tragbares Rettungskonzept findet.

von Florian Leue, MDR KULTUR-Autor

Der Bitterfelder Kulturpalast, aufgenommen am 13.10.2004
Der Bitterfelder Kulturpalast wurde schon einmal gerettet und 2004 wiedereröffnet. Bildrechte: dpa

In diesem Jahr würde der Kulturpalast von Bitterfeld 64 Jahre alt werden. Doch ob es dazu noch kommen wird, kann im Moment niemand sagen. Die letzte Veranstaltung in dem traditionsreichen Gebäude fand im Jahr 2015 statt. Danach diente der Kulturpalast nur noch als Herberge einzelner Vereine. Aber mit dem Auszug des Kunstvereins "Jugendkunstschule Bitterfeld Kreativ" im vergangenen Jahr, verließ die letzte Mietpartei das Objekt. Seitdem steht das Gebäude leer. Und verursacht Kosten.

Erhaltungskosten als unzumutbare Belastung?

Rund 200.000 Euro müssen nach Angaben der Gelsenwasser AG pro Jahr aufgewendet werden, um den Kulturpalast zu erhalten. Zu viel für den derzeitigen Eigentümer. Daher tobt schon seit längerer Zeit ein Streit darum, was mit dem Gebäude in Bitterfeld passieren soll. Aufgrund der hohen Kosten hat der Eigentümer Unterlagen beim Landesverwaltungsamt eingereicht, um das Objekt abreißen zu lassen – obwohl es als Kulturdenkmal gelistet wird und damit unter besonderem Schutz steht. Wenn jedoch der Erhalt eines Kulturdenkmals den Verpflichteten "unzumutbar belastet", dann könne ein Abriss trotzdem genehmigt werden. Ginge es nach Bürgermeister Armin Schenk, wäre das aber nur die "Ultima Ratio":

Das ist nicht das, was die Stadt wünscht.

Armin Schenk, Oberbürgermeister Bitterfeld-Wolfen

Geburtsort des "Bitterfelder Weges"

Sollte es zum Abriss kommen, dann würde Bitterfeld ein kulturhistorisches Wahrzeichen verlieren. Eingeweiht am 13. Oktober 1954, wird der damalige "Kulturpalast Wilhelm Pieck" auch heute noch vor allem mit dem sogenannten "Bitterfelder Weg" in Verbindung gebracht. Dabei handelte es sich um kulturpolitische Entscheidungen, die während zweier Konferenzen in den Jahren 1959 und 1964 im Kulturpalast getroffen wurden. Das ausgegebene Ziel war, dass den Arbeitern der DDR ein leichterer Zugang zur Kunst verschafft wird. Dafür wurden Künstler und Schriftsteller gezielt in Fabriken eingesetzt, um die künstlerische Laientätigkeit der Arbeiter zu unterstützen.

Der große Saal des Kulturpalastes Bitterfeld mit mehreren Stuhlreihen und geöffneten Türen im Hintergrund.
Der Saal des Bitterfelder Kulturpalastes von innen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit seinem Saal, der insgesamt 1.000 Besuchern Platz bietet, gehörte der Kulturpalast zu einer der größten Bühnen, die in der DDR zu finden war. Nach der Wende erlebte das Objekt ein ständiges Auf und Ab. Im Jahr 1992 wechselte das Haus in die kommunale Trägerschaft. Sanierungsarbeiten waren dringend notwendig, wurden aber immer wieder verschoben. Bis das Haus im Jahr 2002 das erste Mal vor dem Aus stand.

Mann mit Brille (Oberbürgermeister von Bitterfeld-Wolfen Armin Schenk) steht vor dem Kulturpalast Bitterfeld.
Armin Schenk (CDU), Oberbürgermeister von Bitterfeld-Wolfen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das ist ein großes Bauwerk. Eine Landmarke. Es ist etwas, was die Stadt städtebaulich prägt.

Armin Schenk, Oberbürgermeister Bitterfeld-Wolfen

Gerettet und doch verloren

Die Rettung kam in Person von Jürgen Preiss-Daimler, Unternehmer und Betreiber des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen. Er investierte in den Kulturpalast und ließ die Sicherheits- und Brandschutztechnik sanieren. Somit konnte das Haus im Jahr 2004 wiedereröffnen. Zehn Jahre später übernahm der jetzige Eigentümer, die Gelsenwasser AG, den Chemiepark samt Kulturpalast. Doch die Besucherzahlen gingen immer weiter zurück. Aus wirtschaftlicher Sicht lohnte sich der Betrieb des Gebäudes nicht mehr. Und da kein Käufer für den Kulturpalast gefunden wurde, droht jetzt der Abriss.

Außenansicht des Kulturpalastes in Bitterfeld.
Im Kulturpalast, der damals den Namen 'Wilhelm Pieck' trug, wurden zahlreiche DDR-Fernsehsendungen produziert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Widerstand aus der Bevölkerung

Doch in der Bevölkerung regte sich Widerstand. Bei einer Unterschriftenaktion zur Rettung des Gebäudes wurden im Oktober 2016 mehr als 2.000 Unterschriften gesammelt. Um den Abriss doch noch zu verhindern, präsentierte der Vorstand der Bitterfelder Wohnstättengenossenschaft, Matthias Schindler, eine neue Idee: Wenn es nach ihm geht, solle der Ort eine Arbeitsstätte für auswärtige Künstler sein. Aufgrund der guten Anbindung und Lage könne sich der Kulturpalast Bitterfeld als Atelier und Werkstatt für Kreative verschiedenster Kunstrichtungen etablieren. Diese Idee unterstützt auch Stephan Schirrmeister, der für einen künstlerischen Weiterbetrieb des Kulturpalastes kämpft:

Stephan Schirrmeister von HausHalten Halle e.V. sitzt auf einem Stuhl.
Stephan Schirrmeister, Vorstand HausHalten Halle e.V. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich kenne Choreographen aus Leipzig und Berlin, die Interesse hätten an der Bespielung dieses Hauses.

Stephan Schirrmeister, Vorstand HausHalten Halle e.V.

Schirrmeister sitzt im Vorstand des Vereins "HausHalten" aus Halle. Sein Ziel ist der Erhalt leerstehender Baudenkmäler - wie eben des Kulturpalastes in Bitterfeld. In Schirrmeisters Augen bietet das Haus Potenzial, um Publikum und Künstler aus den Regionen Halle, Leipzig und Berlin anzulocken. Vor allem der noch verhältnismäßig gute Zustand des Kulturpalastes lässt ihn kopfschüttelnd zurück, wenn er an einen Abriss des Gebäudes denkt.

Ich gehe davon aus, dass der Kulturpalast, so wie er jetzt ist, die nächsten fünf bis zehn Jahre betrieben werden kann.

Stephan Schirrmeister, Vorstand HausHalten Halle e.V.

Bürgermeister will kämpfen

Auch Oberbürgermeister Armin Schenk ist sich der traditionsreichen Geschichte des Gebäudes bewusst. Allerdings geht die Stadt von Investitionen in Höhe von 20 Millionen Euro aus, um das Gebäude weiterhin nutzen zu können. Kosten, die Bitterfeld momentan nicht auftreiben könne. Einen Abriss sieht Schenk nur als letzte Möglichkeit, wenn eine sinnvolle Weiternutzung nicht zu gewährleisten ist. Aber auch er will für das Wahrzeichen Bitterfelds weiterkämpfen:

Sie können sich sicher sein, dass ich alles versuchen werde, eine städtebauliche positive Lösung zu erhalten.

Armin Schenk, Oberbürgermeister Bitterfeld-Wolfen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 25. Januar 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2018, 00:00 Uhr

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