Der neue Konzertsaal im Dresdner Kulturpalast Der gebaute Klang

Dreieinhalb Jahre lang wurde der Kulturpalast in Dresden umgebaut. Das neue Haus besticht vor allem durch eine beeindruckende Akustik. Wie aus "zu lang, zu breit, zu flach" "überwältigend" wurde, erklärt MDR KULTUR-Redakteur André Sittner.

Eigentlich könne er dazu nichts sagen, meint der Primarius der Dresdner Philharmonie Wolfgang Hentrich auf die Frage nach seinen ersten Eindrücken vom neuen Konzertsaal im Dresdner Kulturpalast. Auf den offenbar erschrockenen Gesichtsausdruck des Fragestellers schiebt er nach: Eigentlich müsse er jetzt seine Geige rausholen, um seine Gefühle auf ihr zu intonieren. Mit Worten ließe sich der erste Eindruck nicht beschreiben. Und dann kommt doch noch: überwältigend!

Die Musikstadt Dresden hat ihren ersten klassischen Konzertsaal seit - ja, seit wann überhaupt? Das Gewerbehaus war auch eine Zweckentfremdung und über die Qualitäten des alten Kulturpalastsaals verliert man besser keine Worte mehr. Zu lang, zu breit, zu flach - der Raum verschluckte den Orchesterklang gleichsam.

Die Akustik

Nun also alles neu, wirklich neu - kein Wiedereinzug, sondern ein Erstbezug, wie Chefdirigent Michael Sanderling betont. Entschieden hat man sich für einen im Hexagon angeordneten sogenannten "Weinbergsaal", das heißt das Publikum wird terrassenförmig um das Orchesterpodium gruppiert. Der erste Eindruck: Trotz gut 1.700 Plätzen ungewöhnlich kompakt, kein Platz ist weiter als 35 Meter vom Orchester weg - so stellt man Nähe her.  Ideal ist das Weinbergkonzept für die Akustik allerdings nicht, erklärt Prof. Ercan Altinsoy von der TU Dresden, Experte für Akustik und Haptik, der mit seinen Studenten regelmäßig Konzertsäle akustisch vermisst.

Ideal sei nach wie vor der simple Schuhkarton, wie im legendären Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Beim Weinberg kann sich der Klang nicht so gleichmäßig verteilen und es brauche allerhand Tricks. Damit allerdings kennt sich das Akustikbüro Peutz aus Holland bestens aus. Alles wurde am Modell erprobt, erklärt Akustikerin Margriet Lauterbach und doch war man überrascht, wie gut es letztlich gelungen sei.

Ein intimer Konzertraum

Auf optischen Zierrat wurde dabei weitgehend verzichtet, sieht man mal von der wellenförmig geschwungenen Decke ab, deren Design sich im Prospekt der neuen Orgel fortsetzt. Die allerdings wird erst im Spätsommer geweiht. Der Blick aus dem Zuschauerraum fällt auf ein sehr viel kompakter gewordenes Podium, die Musiker sitzen nun enger zusammen. Gut für den Klang, befinden Michael Sanderling und Wolfgang Hentrich - früher saß man gern raumgreifend, da war Platz für die große Geste - für das Zusammenspiel war´s nicht so gut.

Nun also enger beieinander, und insgesamt, so Hentrich, sei der neue Saal im positiven Sinne "kuscheliger", oder wie Intendantin Frauke Roth es formuliert: intimer. Das ist gut für den Klang und war auch notwendig, um den Saal von Schwingungen zu entkoppeln, erläutert Axel Walther, Geschäftsführer der Kommunalen Immobilien Dresden und sozusagen oberster Bauaufseher und zeigt auf die Randmauern des alten Saals ein ganzes Stück weiter draussen.

Anregungen in der ganzen Welt gesucht

Für den Klang wurde der Saal also schmal gehalten und das Dach angehoben. Der ehemalige Lastzugzwischenboden machte es möglich. Der Lohn: ideale 2,2 Sekunden Nachhall - Bestwert. Da ist auch die Intimität richtig und überhaupt: so mögen´s die Dresdner, heißt es. Und damit die Philharmonie ihren neuen Saal mag, wurde nicht einfach nur nach akustischen Gesichtspunkten schön gebaut, sondern man hat das Orchester von Anfang an mit einbezogen.

So reisten Akustiker und Musiker mit einer Kriteriumsliste durch Europa und die Welt, schauten und hörten vor allem in die besten Säle hinein und notierten das, was man sich für Dresden wünschen würde. Und der Euphorie beim Orchester zufolge scheint das aufgegangen zu sein. Am Ende sagt dann Wolfgang Hentrich noch was: Die Dresdner Philharmonie hat jetzt endlich ein richtiges Zuhause!

Über dieses Thema berichtet der MDR KULTUR auch: im Radio: MDR KULTUR Werkstatt: Der gebaute Klang | 25.04.2017 | 22:00 Uhr
im Fernsehen: Sachsenspiegel | 24.04.2017 | 19:00 Uhr

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