MDR KULTUR | Kulturpartner Durchblick e.V. & Sächsisches Psychiatriemuseum

Der Durchblick e.V. ist eine Leipziger Psychiatriebetroffeneninitiative. Der Selbsthilfeverein wurde 1990 gegründet und ist aus der Bürgerbewegung der DDR und einem Kunstzirkel auf einer geschlossenen psychiatrischen Station hervorgegangen. Der Durchblick e.V. hat sein Domizil in einer Stadtvilla in der Mainzer Straße 7 in Leipzig. Erster Anlaufpunkt ist die Kontakt- und Beratungsstelle. Hier erhalten Menschen in psychischen Krisen Unterstützung u.a. bei der Bewältigung von gesundheitlichen, sozialen und bürokratischen Problemen. Ein Schwerpunkt ist die Peer-Beratung durch psychiatrieerfahrene Mitarbeiter und Mitglieder.

Das Haus bietet künstlerisch-kreative Angebote (Kunstgruppe, Siebdruck, Steinwerk, Keramik, Literatur), Gesprächskreise, eine Galerie und ist Träger des Sächsischen Psychiatriemuseums.

Gebäude des Sächsischen Psychiatriemuseums
Das Domizil des Vereins Durchblick e.V. und des Sächsischen Psychiatriemuseums in der Mainzer Straße 7 in Leipzig. Bildrechte: Durchblick e.V./Sächsisches Psychiatriemuseum

Vertretung von Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen

Als Vertretung von Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen setzt sich der Durchblick e.V. auf verschiedenen Ebenen für die Belange der Betroffenen ein. Ziel ist es, innerhalb des psychiatrischen Versorgungssystems eine Verbesserung der Situation von Menschen mit psychischen Krisen zu erreichen. Dazu gehören die Mitarbeit in Gremien wie dem Psychiatriebeirat der Stadt Leipzig und die Organisation von trialogischen Veranstaltungen. Beim Psychoseminar (in Kooperation mit dem Gesundheitsamt der Stadt Leipzig) und dem Medikamenten-Trialog kommen Patienten, Angehörige und Mitarbeitende der Psychiatrie auf Augenhöhe ins Gespräch. Durch den Austausch von Erfahrungen und das Einanderzuhören entsteht Verständnis für die Perspektive des anderen. Über die Patientenfürsprecher, die in Leipzig vom Verein koordiniert werden, kann bei Konflikten im stationären Bereich geholfen werden.

Gegen Stigmatisierung

Neben der Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren im psychiatrischen Versorgungssystem entwickelt der Verein alternative Angebote. So können Menschen in psychischen Krisen beispielsweise das Angebot des Notwohnens nutzen und damit Hilfe bei drohender oder akuter Wohnungsnot erhalten. 

Menschen mit psychischen Krisen machen häufig die Erfahrung von Stigmatisierung. Ein Grund für diese Ausgrenzung ist das in der Gesellschaft fehlende Wissen über und Verständnis für psychische Erkrankungen. Mit unserer politischen, fachlichen und künstlerischen Arbeit möchten wir die Öffentlichkeit informieren und durch direkte Kontakte Begegnungen ermöglichen und zum Abbau von Vorurteilen beitragen.

Das Sächsische Psychiatriemuseum

Das Sächsische Psychiatriemuseum wurde im Jahr 2001 als Projekt des Durchblick e.V. eröffnet und befindet sich in der ersten Etage des Hauses Mainzer Straße 7. Das Museum stellt die Psychiatriegeschichte als Teil der Kultur- und Sozialgeschichte und aus der Perspektive der Betroffenen dar. Einen Schwerpunkt bilden die Biografien von Psychiatriepatienten, u.a. die Lebensgeschichte der sächsischen Mundartdichter Lene Voigt, des Juristen Daniel Paul Schreber und des Erfinders Karl Hans Jahnke. Ihre und viele andere Biografien machen deutlich, dass  unterschiedliche Lebensumstände Menschen in psychische Krisen führen können und Diagnosen und andere Zuschreibungen nur wenig über das individuelle Schicksal aussagen.

Ausstellung "Ein Haus voller Bilder" im Sächsischen Psychiatriemuseum
Ein Blick in den Galerieraum. Bildrechte: Durchblick e.V./Sächsisches Psychiatriemuseum

Weiter werden in der Dauerausstellung "IRR-SINN. Einblicke in die sächsische Psychiatriegeschichte" die Entwicklung psychiatrischer Institutionen und die Behandlungsmethoden thematisiert. Psychiatrisierung und Zwangsmittel (Zwangsjacken und Fixierungen) waren und sind häufig ein Ausdruck der Begrenztheit der Psychiatrie und der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz für "Verrücktheit" und "Anderssein". Auch der heute übliche Einsatz von Medikamenten wird kritisch hinterfragt.

Ausstellung widmet sich der Psychiatrie in der DDR

Zu den historischen Eckpfeilern der Ausstellung gehört die Gründung der Heil- und Pflegeanstalten seit Anfang des 19. Jahrhunderts (Heilanstalt Pirna-Sonnenstein), die einen Fortschritt gegenüber der Verwahrung der "Geisteskranken" in den Zuchthäusern und Korrektions- und Verwahranstalten bedeuteten. Doch auch diese Institutionen dienten zunehmend der Ausgrenzung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich rassenhygienische und eugenische Theorien durch und boten den Nährboden für die Vernichtung von Menschen mit psychischen und anderen als erblich angesehenen Erkrankungen im Nationalsozialismus. In der ehemaligen Musteranstalt Pirna-Sonnenstein wurde eine der Tötungsanstalten des NS-"Euthanasie"-Programms eingerichtet.

Blick in die Dauerausstellung des Sächsischen Psychiatriemuseums
Blick in die Dauerausstellung des Sächsischen Psychiatriemuseums Bildrechte: Durchblick e.V./Sächsisches Psychiatriemuseum

Ein spezieller Ausstellungsraum ist der Psychiatrie in der DDR gewidmet. Neben dem vielfach diskutierten Thema des politischen Missbrauchs der Psychiatrie bemühen wir uns um eine differenzierte Darstellung dieses Kapitels der Psychiatriegeschichte, zu der die teilweise menschenunwürdige Unterbringung insbesondere in den Langzeitbereichen der Großkrankenhäuser, aber auch die Reformansätze (Rodewischer Thesen, Leipziger Modell der gemeindenahen Versorgung) und die informelle Hilfe zur Selbsthilfe (Leipziger Schizeria) gehören.    

Das Sächsische Psychiatriemuseum organisiert regelmäßig Sonderausstellungen, Veranstaltungen und psychiatriegeschichtliche Stadtrundgänge.

Mehr Informationen Durchblick e.V. /
Sächsisches Psychiatriemuseum

Anschrift:
Mainzer Straße 7, 04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonnabend: 13 bis 18 Uhr

Mehr Museen in Sachsen

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei