ARD-Themenwoche #WieLeben Kunst und Corona: Leipzigerin Olga Vostretsova macht die Pause zur Poesie

Die Corona-Krise fordert besonders von der Kunst Einfallsreichtum. Wie reagieren Künstlerinnen und Künstler auf die neuen, schwierigen Bedingungen? Die in Russland geborene und seit 2013 in Leipzig arbeitende Kuratorin und Kunstvermittlerin Olga Vostretsova hat den Stillstand auf die Bühne gebracht.

Das Projekt "Pause" im Rahmen des Programms "Wish you were here" der Schaubühne Lindenfels 5 min
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Die schweren Bedingungen in der Corona-Krise erfordern besonders von Künstlerinnen und Künstlern kreative neue Ideen. Die Leipziger Kunstvermittlerin Olga Vostretsova hat den Stillstand auf die Bühne gebracht.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 18.11.2020 06:00Uhr 04:49 min

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Die Kunst der Gegenwart hat schon lange vor Corona mit mancher traditionellen Vorstellung gebrochen. Das Schöne, das Wahre, das Gute, kurz: das Erhabene, das war einmal und ist nicht mehr. Heute nehmen die Künstlerinnen die Geschwindigkeit der neuen Medien auf, sie tauchen auf und verschwinden wieder, hinterlassen Spuren und Bilder, setzen eher auf Bewegung als auf museale Ewigkeit. Als Olga Vostretsova im Jahr 2013 mit ihrer Kollegin Kristina Semenowa ihr erstes künstlerisches Projekt in Leipzig startete, spiegelte sie damit eine Situation, die von großen Umbrüchen auch in der Stadt Leipzig erzählt. Im Wagner-Jahr fanden sich die beiden Künstlerinnen auf dem Richard-Wagner-Platz zwischen neu gepflanzten Linden wieder, die gegen Insekten weit angestrichen waren: "Wir haben uns gefühlt wie in einem Birkenwald, nur die schwarzen Striche fehlten, und wir haben gedacht, vielleicht müssen wir schwarze Striche raufzeichnen. Wir haben dann Farbe gekauft und lange gewartet, bis wir dann tatsächlich den Mut gefasst haben, wir haben das ja nicht angemeldet und brauchten einen speziellen Moment, und als der kam, sind wir mit den Fahrrädern zur Büchse gefahren", erzählt Vostretsova.

Internationale Kunst in der Pandemie

Porträt von Olga Vostretsova
Olga Vostretsova Bildrechte: Olga Vostretsova

Noch heute, sieben Jahre später, sind die Spuren dieser russisch-deutschen "Verheimatung" am Brühl-Kaufhaus, genannt "Blechbüchse", zu sehen. Seitdem haben Olga Vostretsova und Kristina Semenova mit ihrem Kunstverein Büro für kulturelle Übersetzungen immer wieder Künstlerinnen und Künstler vor allem aus osteuropäischen Ländern nach Leipzig geholt. Sie entwickeln Ideen, organisieren Ausstellungen, suchen Partner für gemeinsame Publikationen. Die derzeitige Situation macht alles schwieriger; gerade hatte Olga Vostretsova den Arbeitsaufenthalt einer Gruppe argentinischer Kunstschaffender in Leipzig organisiert – der nun vorerst online stattfindet. Und dennoch, ihren Lebensplan umschmeißen wird Olga Vostretsova wegen Corona nicht – weil sie gar keinen Lebensplan hat: "In meiner Heimat Russland in meinen Freundes- und Bekanntenkreis sind viele infiziert, in meiner Heimatstadt Nowosibirsk meine ganze Familie", berichtet Vostretsova. Deshalb mache sie sich Sorgen um Russland. Die Russen und Russinnen selbst seien allerdings ziemlich entspannt. "Das merke ich auch bei mir, dass man vielleicht mehr fatalistisch ausgerichtet ist, dass man denkt: wenn es kommt, dann kommt es."

Den Stillstand auf die Bühne bringen

Vielleicht ist es tatsächlich diese fatalistische Weltsicht, aus der heraus Olga Vostretsova in einer Performance gemeinsam mit der Künstlerin Angelika Waniek sehr schnell schon auf den ersten Lockdown reagiert hatte. An drei Nachmittagen im Mai haben sie an der Schaubühne Lindenfels so etwas wie ein Tagebuch des Wartens aufgeführt. Viele Menschen haben sich daran beteiligt und in einem Online-Kalender erzählt, was ihnen gerade fehlt, welches ihrer Vorhaben gerade wegen des Lockdowns pausieren muss: "Da gibt es ganz verschiedene Einträge, z.B. die Olympischen Spiele pausieren oder der Besuch bei den Großeltern in Süddeutschland. Also private und offizielle Sachen", erklärt Vostretsova. "Dazu haben wir drei minimale Bewegungen entwickelt, die die Pause symbolisieren sollten. Und dazu haben wir vorgelesen. Und ich hatte auch meinen persönlichen Beitrag, dass die 9. Mai-Sieges-Parade in Russland pausiert."

Das Projekt "Pause" im Rahmen des Programms "Wish you were here" der Schaubühne Lindenfels
Angelika Waniek und Olga Vostretsova mit ihrem Projekt "Pause" im Rahmen des Programms "Wish you were here" der Schaubühne Lindenfels Bildrechte: Liebschuh

Keine deutsche Dichterin hätte es sich schöner ausdenken können! Es ist der russische Akzent, eine ungewollte kleine Verschiebung, die das Wort PAUSIEREN bei Olga Vostretsova in das Wort POESIEREN verwandelt. Die Pause kann zur Poesie werden, die Pause verliert ihren Schrecken, indem sie gefüllt wird mit: Geschichten vom Warten. Eine Art Trost und Gemeinschaft, wie sie manchmal nur die Kunst leisten kann.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2020 | 07:10 Uhr