Wolfgang Mattheuer, Requiem für Victor Jara, 1973 Öl auf Presspappe, 70 x 83 cm
Wolfgang Mattheuer, Requiem für Victor Jara, 1973
Öl auf Presspappe, 70 x 83 cm
Bildrechte: PUNCTUM/Bertram Kober

Ausstellung Hat Kunst revolutionäre Kraft?

Kunst kann einfach nur schön sein oder zu Diskussionen anregen. Aber hat die Kunst auch revolutionäres Potenzial? Kann sie bestehende Machtverhältnisse stürzen oder dazu beitragen? Dieser Frage geht eine neue Ausstellung im Lindenau-Museum Altenburg nach. Sie beschäftigt sich dafür mit den Jahren um 1918 und 1968. MDR KULTUR-Autorin Mareike Wiemann stellt die Schau mit dem Titel "Die einzig revolutionäre Kraft" vor.

Wolfgang Mattheuer, Requiem für Victor Jara, 1973 Öl auf Presspappe, 70 x 83 cm
Wolfgang Mattheuer, Requiem für Victor Jara, 1973
Öl auf Presspappe, 70 x 83 cm
Bildrechte: PUNCTUM/Bertram Kober

Am Anfang sind da Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das Paar entschwebt am Eingang der Ausstellung auf einer schwarz-weißen Lithografie gen Himmel, einem Stern entgegen: Eine Reaktion des Künstlers Conrad Felixmüller auf die Ermordung der beiden sozialistischen Vorkämpfer vor hundert Jahren. Felixmüller kehrte damals traumatisiert aus dem Krieg zurück, politisierte sich und trat in die kommunistische Partei ein. Ein fast schon typischer Werdegang für einen Künstler jener Zeit, meint Benjamin Rux, Kustos für Gemälde und Grafik am Lindenau-Museum.

Elisabeth Voigt, Der kleine Trommler, 1926
Elisabeth Voigt, Der kleine Trommler, 1926 Bildrechte: Lindenau-Museum Altenburg/PUNCTUM/Bertram Kober

Die Künstler fühlen sich nun also berufen, an einer neuen Gesellschaft, am neuen Menschen mitzubauen. Also nicht nur Maler zu sein, sondern auch Gesellschaftsgestalter, Architekt der Gesellschaft. Das ist eine Idee, die in der Zeit ganz groß ist.

Benjamin Rux, Kustos für Gemälde und Grafik am Lindenau-Museum

Felixmüller veröffentlichte seine Werke in den Zeitschriften "Sturm" und "Aktion", er und Kollegen begannen so, Kunst und Politik auf radikale Art zu verbinden. Diese schlicht gehaltenen, auf Vervielfältigung angelegten Werke dominieren nun den ersten Raum der Sonderschau "Die einzig revolutionäre Kraft".

Mit einem Schritt von 1918 zu 1968

Joseph Beuys, Demokratie ist lustig, 1973
Joseph Beuys, Demokratie ist lustig, 1973 Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2018, Lindenau-Museum Altenburg

In einem zweiten Raum dagegen, der die Jahre um 1968 aufgreift, geht es künstlerisch diverser zu. Natürlich bekommt Joseph Beuys seinen Platz, und auch Plakate von Klaus Staeck sind zu sehen. Den Fokus legen die Ausstellungsmacher aber auf die ostdeutschen Künstler. Kurator Rux deutet auf eine Reihe von Frauenporträts: "Mit Penck haben wir einen Künstler, der ganz verrückte Sachen gemacht hat, die damals wirklich neu waren. Er hat zum Beispiel einen Ausstellungskatalog von den Dresdner Museen genommen und Ausstellungsporträts einfach verfremdet."

Abseits des offiziellen Kunstverständnisses der DDR

Wo steckt das eigene revolutionäre Potenzial, wenn doch die Revolution sowieso schon von oben verordnet wird? Mit dieser Frage mussten sich Künstler in der DDR immer wieder auseinandersetzen. Sie fanden Antworten einerseits über die Motive - etwa wenn sie Panzer zeichneten, die den Prager Frühling niederschlugen. Oder sie probierten sich aus in Happenings oder Performances - in neuen Formen abseits des offiziellen Kunstverständnisses.

Bereits in der Vorbereitung dieser Ausstellung ist uns noch mal bewusst geworden, dass die Jahre um 1918 und 1968, wo ja so vieles möglich schien, tatsächlich auch die fruchtbarsten Jahre in der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts waren.

Benjamin Rux, Kustos für Gemälde und Grafik am Lindenau-Museum
Volker Stelzmann, Demonstration, 1973 Tusche und Tinte auf Papier, 47,8 x 38 cm
Volker Stelzmann, Demonstration, 1973
Tusche und Tinte auf Papier, 47,8 x 38 cm
Bildrechte: PUNCTUM/Bertram Kober

Da wurden neue Dinge ausprobiert, wie Fluxus oder Happening. "Die Kunst erfährt einen unheimlichen Freiheitszugewinn", führt Rux aus. Fruchtbare Jahre, in denen, angetrieben durch den Zeitgeist, gute Kunst entstand. Hat Kunst denn aber auch das Potenzial, Umstürze anzuschüren, wie im Ausstellungstitel vollmundig behauptet? Roland Krischke, Direktor des Lindenau-Museums, lächelt: "Der Titel ist nicht von uns, sondern ein Zitat von Joseph Beuys. Aber was kann ein Kunstmuseum Schöneres haben als einen solchen Satz? Dass der Inhalt oder die Aussage des Museums eben die Revolution ist. Weil wir als Museum mit dem Alten, Vergangenen, Abgelegten in Verbindung gebracht werden. Aber das ist eben nicht so!"

Auch wenn die Ausstellungsstücke in Altenburg schon 50 oder 100 Jahre alt sind - in ihren Anliegen und Forderungen sind sie hochaktuell, wenn es um Demokratie, Frieden oder immer wieder um die Freiheit geht. Schade nur, dass die Denkansätze der Künstler in drei kleinen Räumen jeweils nur kurz angerissen werden können. Sehenswert ist die Schau in Altenburg dennoch auf jeden Fall.

Conrad Felixmüller, Aufruf (Es lebe die Weltrevolution), 1920
Conrad Felixmüller, Aufruf (Es lebe die Weltrevolution), 1920 Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2018, Lindenau-Museum Altenburg
Das Lindenau-Museum
Bildrechte: dpa

Informationen zur Ausstellung Die einzig revolutionäre Kraft. Kunst und Revolution 1918 und 1968

Vom 20. September 2018 bis 13. Januar 2019 im Lindenau-Museum Altenburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 12:00-18:00 Uhr | Samstag, Sonntag, Feiertage: 10:00-18:00 Uhr

Gezeigt werden u. a. Arbeiten von Conrad Felixmüller, George Grosz, Elisabeth Voigt, Klaus Staeck, Carlfriedrich Claus, Wolfgang Mattheuer, A. R. Penck, Volker Stelzmann, den Wiener Aktionisten, Jonathan Meese und Joseph Beuys, dem ein Satz zugeschrieben wird, der dieser Ausstellung den Titel gegeben hat: "Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2018, 04:00 Uhr

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