Hanno Rauterberg
Hanno Rauterberg, stellvertretender Feuilletonchef der Wochenzeitung "Die Zeit" und Autor des Buches "Wie frei ist die Kunst? - Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus". Bildrechte: IMAGO

Interview mit Buchautor Hanno Rauterberg Nach dem Fall Axel Krause: Wie frei ist die Kunst?

Eine Leipziger Galerie trennt sich aus politischen Gründen von Künstler Axel Krause. Auf Facebook hatte er AfD-nahe Beiträge geteilt. Andernorts werden Skulpturen vernichtet, im Rahmen der #MeToo-Debatte Arbeiten etwa von Woody Allen ausradiert, ein Gomringer-Gedicht an einer Hauswand aufgrund von Sexismusvorwürfen übermalt. Droht das Ende der Kunstfreiheit? MDR KULTUR spricht mit dem Kulturjournalisten und Autoren des Buches "Wie frei ist die Kunst?", Hanno Rauterberg.

Hanno Rauterberg
Hanno Rauterberg, stellvertretender Feuilletonchef der Wochenzeitung "Die Zeit" und Autor des Buches "Wie frei ist die Kunst? - Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus". Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Axel Krause ist ein Maler mit einer sehr eigenen Handschrift. Er ist ein ehemaliger Kommilitone von Neo Rauch, also ebenfalls ein Vertreter der Neuen Leipziger Schule. 2005 bis 2018 war er unter Vertrag bei der Galerie Kleindienst in der Leipziger Baumwollspinnerei. Die Zusammenarbeit wurde nun von Seiten der Galeriebesitzer beendet, weil er AfD-nahe Posts bei Facebook veröffentlicht hatte. Zeigen sich hier Grenzen der Kunstfreiheit?

Hanno Rauterberg: In gewisser Weise schon, insofern, als nicht mehr unterschieden wird zwischen dem, was ein Künstler sagt, ob bei Facebook oder wo auch immer, und dem Werk. Man könnte ja sagen: Das Werk spricht für sich. Und das wissen auch die Galeristen und Sammler, dass, wenn die Künstler gestorben sind, die Bilder noch da sein werden und dass sie ihre Eigenlogik haben - und eben gute Werke sind, die Bestand haben oder Werke, die dann doch nicht so tragend sind in ihrer Qualität. Aber diese Unterscheidung wird oft nicht mehr gemacht. Und nicht nur in diesem einen Fall. Denken Sie zum Beispiel Regisseur Woody Allen, der immer noch bezichtigt wird, 1992 seine Stieftochter vergewaltigt zu haben als sie sieben Jahre alt war. Obwohl das so lange her ist, taucht der Fall immer wieder auf und hat Konsequenzen: Ein Theater in Connecticut, USA, hat eines seiner Stücke abgesetzt, weil sie sagten, das können wir nicht mehr tragen, wenn der Mann solche Vergehen begangen hat. Das kann man in gewisser Weise auch verstehen, [...] ich möchte trotzdem dafür plädieren: Das eine ist das Werk und das andere ist die Künstlerpersönlichkeit, und das muss nichts miteinander zu tun haben. Die Galerie hat ja auch nie gesagt, dass die Bilder möglicherweise problematische Aussagen hätten und dass sie mit diesen Aussagen nicht mehr zurechtkommen.

Die Konflikte sind entstanden, weil die Galerie offenbar Diskussionen führen musste, aufgrund der AfD-freundlichen Facebook-Posts von Axel Krause. Ist es das Problem, dass Krause eine sehr rechte Position vertritt und Künstler gefälligst links zu sein haben oder mindestens liberal?

Wie frei ist die Kunst? von Hanno Rauterberg
"Wie frei ist die Kunst?" von Hanno Rauterberg ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Ja, ich glaube, es ist tatsächlich für das Kulturmillieu insgesamt so, dass man sich eher links fühlt. Vielleicht auch aus guten Gründen - weil in der Aufklärung der liberale Gedanke der Kunstfreiheit überhaupt entstanden ist. Ohne die Französische Revolution gäbe es das nicht. Die ganze moderne Kunst ist geprägt von der Vorstellung, dass Künstler eigentlich eine Außenseiterposition beziehen, eine aufklärerische Position beziehen und dem Künstler, oder sagen wir dem genormten Volk, dem formierten Volk etwas entgegensetzen, eben ein freiheitliches Leben. Und dass sie da für Entgrenzung zu sorgen haben, Entgrenzung in vielerlei Hinsicht: Unsere Vorstellung vom guten Leben infrage stellen sollen. Aber gerade diese Entgrenzung, und das merkt man jetzt, ist auch die Krise des Liberalismus. Diese Entgrenzung macht vielen zu schaffen. Einmal auf einer nationalstaatlichen Ebene, da kennen wir das, da ist die AfD dafür bekannt, neue Grenzen einzufordern, Grenzkontrollen, möglicherweise sogar Schüsse an der Grenze, das kam ja auch mal auf. Und auf eine andere Art und Weise gibt es in dem kulturellen Milieu, im kosmopolitischen Milieu den Versuch, eine andere Art von Eingrenzung, nämlich eine Art moralische Eingrenzung, zu sagen, bestimmte Dinge lassen wir nicht mehr zu, und die Kunst soll sie auch nicht mehr thematisieren. Zum Beispiel musste im letzten Jahr eine Ausstellung im Guggenheim-Museum geschlossen werden, nur weil dort zwei Künstler thematisiert hatten, dass es Hundekämpfe gibt - und es gibt sie ja auch wirklich in manchen Teilen der Welt - aber das sollte jetzt in der Kunst bitteschön nicht mehr auftauchen, und das erinnert mich tatsächlich an diesen sozialistischen Realismus, wo Arbeiter auch immer mit einem gewissen Lächeln auf den Lippen zum Dienst antreten sollten.

In Berlin hatten ja hochfortschrittliche Kräfte an der Alice-Salomon-Hochschule beschlossen, dass der Verdacht des Sexismus ausreichen muss, um dieses Gomringer-Gedicht, das sich an einer Hauswand der Hochschule befand, übermalt werden sollte.

Es waren ja erst einmal nur ganz wenige Studierende, die haben einige Briefe aufgesetzt - und das ist typisch für die vielen Kulturkämpfe, die wir im Moment erleben: Dass Einzelne im Netz eine Petition formulieren und sehr schnell sehr großen Zuspruch erleben und das dann eine EIgendynamik gewinnt. In Berlin war es jetzt so, dass ganz viele Gremien sich am Ende damit befasst haben und es tatsächlich ein demokratischer Beschluss war, dieses Gedicht im Herbst zu übermalen. Das nannte dann die Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen "Akt der Kulturbarberei". So weit würde ich nicht gehen, denn das Gedicht ist ja nicht per se verboten, man darf es weiterhin lesen, es wird auch weiterhin gedruckt. Aber interessant ist das, was sich darin ausdrückt: Dass alles, was wir an Kunst um uns haben, was uns in den Theatern, im Kino, in den Museen an Kunst begegnet, jetzt nicht mehr eine aufstörende Wirkung haben soll, eine uns beunruhigende Wirkung, weil das war ja lange die Aufgabe der Avantgarde: dass sie uns in irgendeiner Weise durchrüttelt, dass wir die Welt neu sehen lernen - das war immer der Anspruch. Sondern dass wir jetzt eher eine pazifizierende Wirkung haben sollen, dass wir uns beruhigen sollen. Und das nächste Gedicht, das dann demnächst auf dieser Hauswand aufgetragen wird, soll tatsächlich ausdrücklich - so heißt es in diesen Statuten - soll behinderte Menschen nicht verstören, auch nicht farbige Menschen usw. Also keine Minderheit und keine Gruppe der Gesellschaft soll sich in irgendeiner Weise belästigt fühlen. Das ist natürlich das Ende der Kunst insofern, dass sie unfrei wird und unfreiwillig langweilig wird.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ethik Ästhetik schlägt.

Das ist eine Entwicklung, die wir in vielen Teilen einer bestimmten Kunstszene auch erleben: dass ethische Fragen immer wichtiger werden. Denken Sie an die Documenta im letzten Jahr, wo ganz klar war, dass bestimmte Künstler nicht deshalb eingeladen wurden, weil ihr Werk so bezwingend und so evident gut wäre, sondern weil sie als Menschen bestimmte Kriterien erfüllen. Also, dass sie indigener Herkunft sind, wie es immer heißt, das heißt, dass sie eine möglicherweise sogar verfolgte Volksgruppe indianischer Herkunft in Kanada beispielsweise vertreten und deshalb bestimmte Dinge dort ausstellen. Es war auch das Werk einer Künstlerin zu sehen, die einmal ein Künstler war und noch dazu einen schweren Unfall hatte, sodass sie keine Arme hatte. Da hätte man auch gesagt: Die Werke dieser Künstlerin sind eigentlich nicht ausstellenswert, aber ihr Schicksal. Und das ist etwas, das wir immer stärker erleben: Dass die Hautfarbe entscheidet, die Herkunft entscheidet, also das biologische, die Genfrage immer wichtiger wird. Und das in einem sicher eher progressiv verstehenden Milieu, damit Argumente auf den Tisch kommen, die genauso gut von der identitären Bewegung, also den national-rechtsextremen Denkern auch vorgetragen werden, die sagen: Also wer zu uns gehört, muss am Ende über die Frage des Blutes entschieden werden. Ganz seltsame Verschiebungen oder Querfronten, die sich da plötzlich auftun und die am Ende dazu beitragen, die Freiheit der Kunst massiv einzuschränken.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch: "Wie frei ist die Kunst? - Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus" von Hanno Rauterberg, erschienen im August 2018 im Suhrkamp-Verlag, Taschenbuch, 141 Seiten, 14 Euro, auch als eBook erhältlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 15. August 2018 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. August 2018, 10:26 Uhr