Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Die Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe werden schwer zu finden sein Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Einbruch in Dresden Nach dem Kunstraub im Grünen Gewölbe: Wer tut sowas – und warum?

Nach dem Kunstraub im Grünen Gewölbe in Dresden bleibt die Frage nach den Hintergründen: Wieso stiehlt man etwas, das man nirgendwo verkaufen kann und was ohne Zusammenhang und Markt doch eigentlich wertlos wäre? Stefan Koldehoff, Kunstmarkt- und Kunstraub-Experte und Autor von "Aktenzeichen Kunst. Die spektakulärsten Kunstdiebstähle der Welt" gibt Antworten.

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Die Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe werden schwer zu finden sein Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

MDR KULTUR: Welche Dimension hat dieser Diebstahl? Wie groß ist der Verlust? Monika Grütters meinte, die Kulturnation sei mitten ins Herz getroffen. Das klingt dick und vielleicht auch ein bisschen pathetisch. Wie würden Sie das als Kunstkenner beschreiben?

Stefan Koldehoff: Was die kulturelle Bedeutung dieses Schatzes angeht, hat sie insofern recht, dass es unwiederbringliche Stücke sind. Das ist nichts, was man austauschen oder ersetzen könnte. Daher verstehe ich, dass Frau Grütters da sehr hoch greift. "Einige Schmuckgarnituren" klingt zunächst einmal wenig, da denkt man: Die kriegt man doch in jedem Juweliergeschäft. Das ist aber nicht der Fall. Es sind wirklich historische Stücke aus Edelsteinen, die aus der ganzen Welt für den sächsischen Hof zusammengesucht wurden, zum Teil bis aus Indien, damit man diese Ensembles herstellen konnte. Das lässt sich also tatsächlich nicht rekonstruieren. Und es sagt viel aus über den kulturellen Geschmack der damaligen Zeit, aber auch über den Machtanspruch, der sich in sowas manifestiert hat.

Wenn der Einbruch ins Grüne Gewölbe eine Filmidee wäre und man sie als Experten gefragt hätte: Ist das realistisch? Was hätten Sie gesagt?

Vor drei, vier Jahren hätte ich Ihnen geantwortet: Nee, das ist völlig veraltet, das ist Quatsch, sowas muss man nicht drehen. Und das aus zwei Gründen: Das Grüne Gewölbe ist noch gar nicht so lange wieder eröffnet. Als wir das damals besichtigt haben bei der Wiedereröffnung, ist natürlich auch immer auf die Alarmanlagen, auf die Sicherungen, auf den State of the Art hingewiesen worden. Es schien technisch nicht möglich. Das zweite ist: Das kann eigentlich nur eine Auftrags-Geschichte gewesen sein. Wer sonst geht zielgerichtet in ein hochgesichertes Museum, umgeht die Sicherheitsanlagen, läuft ganz bewusst in einen bestimmten Raum, zerstört eine bestimmte Vitrine und holt bestimmte Stücke raus? Heutzutage könnte es Auftragstäter durchaus wiedergeben. Der Kunstmarkt hat sich sehr stark verschoben. Er ist nicht mehr auf Europa und Amerika zentriert, sondern es hat sich viel verschoben in Richtung China, in Richtung Russland. Auch Südamerika spielt eine Rolle und in Indien wird viel gehandelt. Und die Frage, ob es da nicht tatsächlich Mitglieder des organisierten Verbrechens gibt, die mitbekommen haben, wie viel für Kunst und Kulturgüter gezahlt wird und die möglicherweise bereit sind, sowas als Zahlungsmittel oder auch nur als Prestigeobjekte anzunehmen, würde ich heute nicht mehr so sicher verneinen.

Das klingt ein bisschen verschwörungstheoretisch: Der Kunstmarkt hat sich verschoben und es gibt also dubiose Figuren in China oder in Russland. Haben Sie dafür Beispiele oder Indizien?

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Eines der gestohlenen Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Es gibt verschiedene Beispiele von Kunstraub aus den vergangenen Jahren. Da kann man an den Überfall auf die Kunsthalle in Rotterdam erinnern oder an die Sammlung Bührle in Zürich. Da war es plötzlich nicht mehr so, dass die Täter heimlich versucht haben, Sachen zu bekommen, sondern bei vollem Tageslicht – in  Zürich mit abgesägten Schrotflinten – in ein öffentliches Museum gegangen sind, Bilder von der Wand gerissen haben, ohne Rücksicht auf Verluste und Personenschäden, und damit abgehauen sind. Hinterher stellte sich heraus, dass das Mitglieder von serbischen Banden gewesen sind, die ehemalige Soldaten, hoch ausgebildet, aber arbeitslos waren, und die sich jetzt auf andere Art und Weise ihr Geld verdient haben. Da hat sich also auch durch politische Entwicklungen in Europa viel getan. Und was die Abnehmer angeht: Da verschiebt sich– genau wie in anderen Bereichen der Welt, ob nun Wirtschaft oder gesellschaftliche Entwicklung – der Schwerpunkt. Es ist, nicht mehr allein nur noch Europa oder die Vereinigten Staaten, in denen Kunst und Kulturgüter geschätzt werden. Auch hier hat sich der Markt globalisiert.

Es gibt die These, dass es nur um den Materialwert des Ganzen gehen würde, also um die Steine, um das Metall, um das Gold, um das Silber. Wie schätzen Sie das ein?

Ich halte das jedenfalls nicht für unwahrscheinlich, denn man kann die Stücke so nicht weiterverkaufen. Die Polizei hat nicht ohne Grund inzwischen die Bilder veröffentlicht. Das wird zumindest kein seriöser Händler mehr annehmen. In dem Fall der riesigen Goldmünze, die aus dem Bode Museum in Berlin gestohlen worden ist, geht man inzwischen davon aus, dass es nur um den Materialwert ging und dass die längst zerteilt und eingeschmolzen worden ist. Ähnliches muss man nun befürchten, wenn die Rede von einem Prunkschwert ist, das mit über 700 Diamanten und Brillanten besetzt ist: dass die möglicherweise aus ihren Halterungen herausgelöst werden, dass das Metall zerstört wird und dass es nur noch darum geht, Diamanten und Edelsteinen weiterzuverkaufen. Die kann man inzwischen zwar längst mit Lasern markieren, wenn man neue Diamanten kauft. Das ist aber damals zur Zeit vom Friedrich August II. sicherlich noch nicht der Fall gewesen.

Wie hoch ist bei den spektakulärsten Kunstdiebstählen der Welt eigentlich die Aufklärungsquote?

Relativ hoch, wenn probiert wird, die Stücke eins zu eins wieder zu verkaufen oder die Museen zu erpressen, indem man sagt, wir geben euch das Zeug zurück, wenn wir Geld dafür bekommen. Da gibt es einen relativ hohe Aufklärungsquote, ansonsten ist sie eher gering: Unter zehn Prozent.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. November 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2019, 19:43 Uhr

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