30 Jahre Wiedervereinigung Wie die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden wieder glänzen lernten

Dass Dresden trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, dem teilweise entstellenden Wiederaufbau und der Abschottung vom internationalen Kunstgeschehen, seinen Ruf als Kulturstadt nie eingebüßt hat, verdankt sich unter anderem den Staatlichen Kunstsammlungen (SKD), deren Geschichte bis ins Jahr 1560 zurückreicht. Mit dem Ende der DDR veränderte sich die Museumsgruppe. Heute gehören sie neben Berlin und München zu den drei großen Museumsverbünden Deutschlands.

Das Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 5 min
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Der bedeutendste sächsische Museumsverbund hat sich nach 1990 ganz neu erfunden und ist heute weltberühmt. Die Wiedervereinigung wurde für eine Erneuerung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden genutzt.

MDR KULTUR - Das Radio Di 29.09.2020 06:00Uhr 04:56 min

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Die Transformation ist gelungen! Das legen nicht zuletzt die die ansteigenden Besucherzahlen nahe – reichlich 2,6 Millionen Besuche verzeichneten die SKD im vergangenen Jahr. Weiteren Wachstum wird es in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie aber voraussichtlich nicht geben. "Im Moment geht es nicht vorrangig darum, möglichst große Zahlen zu haben, das ist einfach unrealistisch", erklärt Marion Ackermann, die seit November 2016 Generaldirektorin der SKD ist. "Wir sollten uns ganz und gar zu den Menschen hinwenden und nochmal genauer gucken, was wir auch gesellschaftlich tun können. Wie können wir beispielsweise denen helfen, die in der Krise besonders leiden und wie können wir denen etwas geben – den Künstlern und Künstlerinnen etwas von der medialen Aufmerksamkeit abgeben, oder den Kindern und den alten Menschen, die vielleicht besonders unter Einsamkeit und Isolierung gelitten haben, sinnlichen Erfahrungen bieten."

Marion Ackermann steht vor der ausgeraubten und nun ausgestellten Vitrine im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss in Dresden.
Marion Ackermann steht vor der ausgeraubten und nun ausgestellten Vitrine im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss in Dresden. Bildrechte: dpa

Mehr Mitsprache

Die Kunstsammlungen breiten aktuell an so vielen Orten ihre Schätze aus wie wahrscheinlich nie zuvor in ihrer langen Geschichte des Sammelns. Aber auch in DDR-Zeiten waren die Sixtinische Madonna, Caspar David Friedrichs Landschaften, Hermann Glöckners Schwünge in den besten Händen. Zwei von ihnen gehörten zum Beispiel Rainer Grund: 1986 kam er als junger Kunstwissenschaftler nach Dresden. Seit 2002 leitet er das Münzkabinett, eine Universalsammlung von Rang. Er blättert in einem kleinen gelben Taschenkalender des Jahres 1989  und sofort sind die stürmischen Versammlungen dieser Zeit wieder präsent. "Das war wie ein Getriebe von mehreren Zahnrädern. Da war etwas in Bewegung geraten, was nicht mehr aufgehalten werden konnte", erinnert er sich.

Professor Dr. Werner Schmidt
Werner Schmidt, ehemaliger Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Bildrechte: dpa

Es ging damals um mehr Mitspracherecht der Direktoren, Transparenz bei Stasi-Verstrickungen und Kunstverkäufen und den Sanierungsstau. In freier Abstimmung wurde Werner Schmidt, der bisherige Direktor des Kupferstichkabinetts, zum Generaldirektor gewählt. Es gab keinen besseren für diese Zeit des Übergangs, meint Grund: "Werner Schmidt hat sich sehr für den Museumsverbund ins Zeug gelegt und versucht, das Beste herauszuholen. Wenn man bedenkt, dass zu DDR-Zeiten die SKD dem Rat der Stadt Dresden unterstellt waren, musste sich auch da etwas ändern."

Neue Glanzräume

Besucher im Silbervergoldeten Zimmer während der Wiedereröffnung des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss.
Das Grüne Gewölbe bei der Wiedereröffnung Bildrechte: IMAGO

Im Ausland – in Japan oder den USA – glänzten die Dresdner Schätze, aber zu Hause waren  nicht wenige Sammlungen in Nachkriegsprovisorien untergebracht. Das Schloss war zwar schon als Museumskombinat geplant, aber für die zügige Realisierung fehlte in der DDR schlichtweg das Geld. Aber dann ging es – auch mit Mitteln des Bundes – voran. Fast im Jahrestakt folgte Neueröffnung auf Neueröffnung: das Kupferstichkabinett, das Münzkabinett, das Neue Grüne Gewölbe, dann das Historische, die Türkische Cammer, der Riesensaal. Nun folgten die  Paraderäume, "wo jetzt eigentlich das Herz wieder schlägt", meint Dirk Syndram, der 1993 von Bielefeld nach Dresden kam und aktuell Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer ist. "Es fehlt nur noch ein bisschen, das wird mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin verantworten", sagt der heute 65-Jährige. 

Für die Zukunft bereit

2023 soll das Schloss fertig sein. Aber Dirk Syndram hat nicht nur die festlichen Stunden erlebt, sondern auch bittere und bedrohliche. Das Hochwasser von 2002 war so eine Situation: Tausende von Kunstwerken mussten aus unterirdischen und erdnahen Depots geborgen werden: "Es ging los mit dem Tiefdepot in der Gemäldegalerie "Alte Meister" und endete in Pillnitz damit, dass man da gurgelnd die Sphingen links und rechts von der Treppe, die jetzt immer so hoch sind, im Wasser verschwinden sah. Das war schon beängstigend", erinnert sich Syndram. Aber er meint auch, dass es mit viel Mut und Engagement möglich war, das zu bewältigen. Schlimmer war für den Museumsdirektor der 25. November 2019: An diesem Tag drangen Einbrecher in die Räume des Historischen Grünen Gewölbes ein und stahlen Teile der Juwelengarnituren. Ein Jahrhundertdiebstahl – von den Tätern und der Beute fehlt bis heute jede Spur. "Das war undenkbar für mich!", fasst Syndram die Ereignisse zusammen.

Zur Bilanz seit 1990 gehört noch viel mehr: die erfolgreiche Evaluation der geleisteten Forschungsarbeit durch den Wissenschaftsrat, der hohe Rang, den die Provenienzforschung einnimmt, das internationale Renommee, die gerade wieder frisch sanierte Sempergalerie, das ertüchtigte Albertinum mit dem schwebenden Depot – davon können sich alle Besucherinnen und Besucher selbst ein Bild machen. Aber das Eigentliche ist der stete Wandel, den die Mannigfaltigkeit und historische Tiefe der Sammlungen nicht nur ermöglichen, sondern geradezu erfordern. Für die Generaldirektorin Marion Ackermann sind die SKD für die Zukunft gewappnet: "Die Auflösung dieser starren Klassifizierungen ist etwas, was im 21. Jahrhundert das Gebot der Stunde ist. Nur eine solche Sammlung wie die der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen erlaubt es in einer ganz anderen Weise inhaltlich frei und quer zu denken – und das ist hochattraktiv!"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. September 2020 | 06:15 Uhr