Maler Neo Rauch sitzt in einer Ausstellung auf einer Bank und schaut zur Kamera.
Der Maler Neo Rauch sitzt in einer Ausstellung auf einer Bank Bildrechte: imago/Felix Abraham

Kunststreit Was steckt hinter der Attacke auf Neo Rauch?

Nach der heftigen Debatte um die Jahressaustellung gibt es in Leipzig einen neuen Kunststreit – dieses Mal mit erheblich prominenterem Personal. Ausgangspunkt war ein Artikel des in Leipzig lebenden Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich. Der hatte im Mai in der Wochenzeitung "Die Zeit" dem Leipziger Maler Neo Rauch vorgeworfen, er würde mit "Motiven" eines sogenannten "rechten Denkens" arbeiten. Gestern hat sich Neo Rauch dazu geäußert – ebenfalls in der Zeit. Allerdings nicht mit einem Artikel, sondern mit einem Gemälde. Andreas Höll, Kunstredakteur bei MDR KULTUR, mit einer Betrachtung.

Maler Neo Rauch sitzt in einer Ausstellung auf einer Bank und schaut zur Kamera.
Der Maler Neo Rauch sitzt in einer Ausstellung auf einer Bank Bildrechte: imago/Felix Abraham

MDR KULTUR: Was ist auf dem Gemälde "Der Anbräuner" dargestellt?

Andreas Höll: Neo Rauch ist bekannt für seine höchst komplexen Bildwelten – doch dieses Mal ist das Bild ziemlich eindeutig und polemisch: Es heißt "Der Anbräuner". Diese aggressive Karikatur zeigt einen Maler, der auf einem Nachttopf sitzt und zugleich mit seinen Exkrementen eine Figur auf eine Leinwand zeichnet. Diese Figur zeigt wiederum den Hitlergruß, und darunter stehen die Initialen W.U. Hinter W.U. verbirgt sich ganz offensichtlich der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der den Leipziger Künstler in seinem Zeit-Artikel scharf attackiert hat.

Was wirft der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dem Maler vor?

Andreas Höll
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Der Titel des Artikels von Wolfgang Ullrich heißt "Auf dunkler Scholle". Darin vertritt er die These, dass heute, wie er schreibt, "rechts gesinnte Künstler als letzte Verteidiger der Kunstfreiheit auftreten" würden. Er stellt Neo Rauch in eine Reihe mit einem weithin unbekannten Maler: Sebastian Hennig. Hennig studierte in den 90er-Jahren an der Dresdner Kunstakademie und hat sich dort - laut Ullrich - als dumpfer Chauvinist und nationalistischer Kulturverächter geoutet, indem er gegen "Picasso-Freaks unter den Professoren" wetterte und die "Franzosenwirtschaft an der Kunsthochschule".

Dieser Sebastian Hennig ist zudem für Pegida aktiv und hat z. B. auch den Rechtsaußen von der AfD, Björn Höcke, für ein Buch interviewt. In den 90er-Jahren ist Sebastian Hennig übrigens zum Islam konvertiert. Und dieser neubekehrte Muslim und Picasso-Verächter wird jetzt von Wolfgang Ullrich in einem Atemzug mit Neo Rauch genannt. Das scheint mir schon deshalb problematisch, weil Neo Rauch niemals ein politischer Aktivist war. Er hat sich vielmehr immer wieder kritisch zum Zeitgeschehen geäußert, ohne dabei Partei zu ergreifen für eine bestimmte politische Gruppierung.

Wolfgang Ullrich stellt Neo Rauch auf eine Ebene mit einem Pegida-Aktivisten und AfD-Sympathisanten aus Dresden. Bezieht er sich da auch auf politische Äußerungen des Malers?

Neo Rauch "Der Anbräuner"
"Der Anbräuner" - mit diesem Bild reagierte Neo Rauch auf Wolfgang Ullrichs Ausführungen. Bildrechte: Uwe Walter

Ja. Wolfgang Ullrich zitiert z. B. Äußerungen von Neo Rauch, wo dieser wortgewaltig gegen die Political Correctness zu Felde zieht und von einer "Bagage der Blockwarte, der Gesinnungsschnüffler und Politkommissare" spricht. Doch dann kommt Ullrich zu einer weiteren Äußerung im Handelsblatt, dort hat Neo Rauch einen weitaus provokantere Meinung artikuliert: Er verglich den Schriftsteller Uwe Tellkamp mit einem "Wiedergänger Stauffenbergs". Das würde bedeuten, dass wir heute in einer Art Nazi-Diktatur leben, die Tellkamp als Widerstandskämpfer bekämpfen muss.

Das ist in der Tat eine ebenso abwegige wie absurde Formulierung, und davon hat sich Neo Rauch auch mittlerweile klar distanziert, er habe sich nicht präzise genug ausgedrückt, sagt er. Er wollte vielmehr damit andeuten, dass Tellkamp von seinem Charakter her die Zivilcourage gehabt hätte, eine Bombe in Hitlers Hauptquartier zu platzieren. Es sei ihm keinesfalls darum gegangen, die demokratisch verfasste Bundesrepublik mit der Nazi-Diktatur zu vergleichen.

Doch wie beurteilt der Kunsthistoriker die Bilder von Neo Rauch? Sieht er auch da "Motive rechten Denkens?"

Was Neo Rauchs Bilder betrifft, zeigt sich Wolfgang Ullrich ambivalent. Auf der einen Seite verweist er auf die Titel, die Neo Rauch seinen Bildern gegeben hat, wie z. B. "Vaters Acker" oder "Fremde." Diese Titel könnten durchaus eine politische Deutung nahelegen, schreibt er. Zum andern meint selbst der Kritiker Ullrich, es wäre zu einfach, Rauchs Gemälde "als Illustration seiner politischen Überzeugungen" zu lesen. Dennoch trägt sein Artikel die Überschrift "Auf dunkler Scholle", und das suggeriert durchaus eine Nähe zur Blut-und-Boden-Ästhetik der Nazis. Doch wenn man sich die Bilder von Neo Rauch anschaut, dann sind das für meine Begriffe überhaupt keine völkischen Heimat-Idyllen. Es handelt sich vielmehr um rätselhafte Dystopien und apokalyptische Szenarien, die wirklich nichts zu schaffen haben mit einem nazistischen Blut-und Boden-Kult.

Wolfgang Ullrich lebt seit einigen Jahren in Leipzig. Was steckt denn hinter dieser scharfen Attacke gegen Neo Rauch?

Das ist für mich schwer zu sagen. Was man jedoch festhalten kann, das ist die Tatsache, dass er sich schon seit vielen Jahren an dem Leipziger Maler und dessen Werk reibt. Im Kunstmagazin Art hat er ihn z. B. als Salonmaler bezeichnet und seine Gemälde als Ausdruck eines schwülstigen Historismus gedeutet.

2016 hat er sich auch kunstsoziologisch an Neo Rauch abgearbeitet, in seinem Buch "Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust". Da erscheint Neo Rauch als so genannter "Siegerkünstler", der wie Georg Baselitz oder Damien Hirst ein wichtiger Akteur und Profiteur der neofeudalen Machtstrukturen in der heutigen Kunstwelt sei.

Jetzt stellt ihn Wolfgang Ullrich auf eine Ebene mit so genannten "rechts gesinnten" Künstlern. Das ist beileibe kein harmloser Vorwurf in politisch aufgewühlten Zeiten, denn rechts suggeriert sofort die Nähe zu Rechtsextremismus und Verfassungsfeindlichkeit, und oftmals werden so auch Menschen attackiert, die konservative Positionen vertreten.

Neo Rauch wiederum hat jetzt auf diese Attacke reagiert mit einem überaus polemischen Gemälde, und darüber hinaus verzichtet er auf jeden weiteren Kommentar. Aber man darf sicher sein, dass die Debatte weitergeht: Darüber, was angeblich rechte Kunst ist und was rechte Künstler sind.

Das Interview mit Andreas Höll führte Thomas Bille für MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Juni 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2019, 08:40 Uhr

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