Kurt Cobain, 1991
Kurt Cobain (20. Februar 1967 – 5. April 1994) Bildrechte: imago/Future Image

25. Todestag Warum Kurt Cobain den Rock'n'Roll hätte beerdigen müssen

Kurt Cobain war Sänger der Grungeband Nirvana, die mit "Smells Like Teen Spirit" eine Hymme für die Grunge-Generation schrieben. Sie versuchten, sich dem Mainstream und der Musikindustrie zu verweigern – und zogen selbige damit aus ihrer Krise. Cobain beendete sein Leben viel zu früh am 5. April 1994. Dabei hätte er noch eine wichtige Aufgabe erledigen müssen: Die tatsächliche Beerdigung des Rock'n'Roll.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
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von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikexperte

Kurt Cobain, 1991
Kurt Cobain (20. Februar 1967 – 5. April 1994) Bildrechte: imago/Future Image

Der Rock’n’Roll hat keine Patientenverfügung. Das macht ihn menschlich, denn wer will schon andauernd über die eigene Sterblichkeit nachdenken, wenn es gut läuft. Aber es läuft ja bekanntlich schon lange nicht mehr gut für den Rock’n’Roll, deshalb wäre eine Patientenverfügung verantwortungsbewusst gewesen. Aber der Rock’n’Roll hat Verantwortung stets abgelehnt. Er hat mit dem Tod geflirtet: live fast, die young. Und er hat das gefährliche Leben propagiert: Drogen, Promiskuität, Kleinkriminalität. Doch hat er auch immer seine besten Protagonisten vorgeschickt, quasi als Opfergaben. Die Besten im Rock’n’Roll mussten sterben, damit der Rock’n’Roll leben kann.

Aktive Rock-Sterbehilfe wäre nötig

Seit vielen Jahren nun wird der Rock’n’Roll künstlich ernährt. Hirntätigkeit ist nicht mehr festzustellen, aber die Musikindustrie wäre schön dumm, ihrem Goldesel die Maschinen abzustellen. Das müsste schon jemand aus der Familie übernehmen – dafür wäre Kurt Cobain der richtige Mann gewesen.

Der Sänger der US-amerikanischen Kult-Rockband «Nirvana», Kurt Cobain, aufgenommen am 02.09.1993 in Los Angeles auf dem Weg zur «MTV-Video Music Award»-Verleihung.
Cobain hätte der Totengräber des Rock'n'Roll sein können – wurde aber nur zum tragischen Posterboy Bildrechte: dpa

"Nevermind" von Nirvana war ein Erdbeben, vielleicht das letzte des Rock’n’Roll. Wenn Kurt Cobain sang: "Here we are now – entertain us", dann wusste er um eine Forderung, die der Rock’n’Roll 1991 schon längst nicht mehr erfüllen konnte. Der pfiff nämlich auf dem letzten Loch, was Kraft und Innovation angeht. Dafür war er als Geschäftsmodell auf dem Zenit.

Nirvana, die eigentlich beim Label Sub Pop unter Vertrag waren, bekamen 287.000 Dollar Vorschuss, für 75.000 Dollar wurde der Multi Geffen mit in den Vertrag genommen. Wir reden von dem Album "Nevermind", das am 11. Januar 1992 Michael Jacksons "Dangerous" von Platz 1 der Charts verdrängte. 50.000 war die Verkaufserwartung – "Nevermind" verkaufte sich jedoch 30 Millionen Mal.

Auch wenn Kurt Cobain den Erfolg nur zwei Jahre aushielt, verdient David Geffen bis heute an Songs, die eigentlich das Aufbegehren gegen den Mainstream feierten und damit den Mainstream neu definierten – und dem damals schon kränkelnden Rock’n’Roll zu neuer Kraft verhalfen.

Selbsthass und Todessehnsucht

Kurt Cobain war ein sensibler Mensch, aber er war auch voller Kalkül. Das beweisen auch seine postum veröffentlichten Tagebücher. "Rape me" war einer der Schlüsselsongs auf dem Nachfolgealbum zum Millionenseller "Nevermind". "In Utero" hieß das Werk und sollte eigentlich "I hate myself and I want to die" heißen.

Cobains Selbsthass und Todessehnsucht findet sich an nicht wenigen Stellen der Tagebücher, die Aufforderung zum Kampf gegen die Gefräßigen, der ungebrochene Wille des erfolgreichen Aufbegehrenden allerdings dominiert die Texte. Schwierig jedoch wurde es für Cobain, als der Ruhm versuchte, ihn zum Repetiergewehr der Revolutionsmaschine zu machen, zu der man die entsprechenden Hosen, Turnschuhe und Mützen herstellen konnte.

Wie wäre es weitergelaufen?

Man könnte Cobains Tod als Notbremse interpretieren, wenn man sich vergegenwärtigt, welchen Tragödien er damit aus dem Weg gegangen ist: einem endlosen Scheidungs- und Sorgerechtsstreit mit Courtney Love, diesem Beifang des Wahnsinns. Außerdem Entzugskliniken, Verhaftungen, abgesagte Tourneen.

Dave Grohl 2018
Ex-Nirvana Dave Grohl Rock'n'Rollert noch immer Bildrechte: IMAGO/Manngold

Dann wäre – noch schlimmer – die Läuterung gekommen. Cobain verkauft seinen Livestyle an Pete Doherty und wird zum Erfolgsmodel des Ex-Junkies. Mit Barbra Streisand und Celine Dion tritt er abwechselnd in Las Vegas auf, bekommt mit "Utero Idol" seine eigene Casting-Show für ungeborene zukünftige Superstars. Denn wie schrieb Kurt in seinen Tagebüchern, frei nach Gill Scott Heron: "Die nächste Revolution wird im Fernsehen übertragen"!

"All Apologies" wird die amerikanische Nationalhymne, der Nirvana-Kopfschusssmiley ersetzt die Sterne der Flagge. In seiner Antrittsrede als neuer amerikanischer Präsident sagt Cobain: "Make America smell like teen spirit again!"

Das größte Desaster für die Musikindustrie jedoch: das Scheitern als Lebensmodell kommt aus der Mode und damit wird der Welt klar: Rock’n’Roll is dead. Kurt hätte ihn endgültig beerdigen können. Stattdessen verlängert Ex-Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl erfolgreich mit seiner Überband "Foo Fighters" den Mythos. Und die Schrotflinte Typ "Kurt" verkauft sich wie geschnitten Brot.

Es geht immer weiter 

Amy Winehouse war nach Cobain die letzte, die die Chance gehabt hätte, das Leiden des Rock’n’Roll abzukürzen. Stattdessen hat sie ihr eigenes Leiden abgekürzt. Deshalb ist Britney Spears wichtiger als Amy Winehouse. Und so wird es ewig weitergehen.

Erwarten Sie nichts! Es sei denn Justin Bieber erholt sich und macht einfach immer weiter, bis das Grauen ein Ende hat. Solange aber bleiben die Geräte an. Wie gesagt: Der Rock’n’Roll hat keine Patientenverfügung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 04:00 Uhr

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