Vor 130 Jahren geboren Warum Tucholsky zum Kanon der deutschen Literatur gehört

Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel waren nur einige der Pseudonyme, unter den Tucholsky für die linksliberale Wochenzeitschrift "Die Weltbühne" schrieb. Tucholsky fand als Dichter, Rezensent, politischer Kommentator immer wieder griffige Formulierungen, um die Revanchegefühle der Deutschen zu benennen und dagegen anzuschreiben. Zugleich konnte Tucholsky, etwa mit "Bilderbuch für Verliebte" oder "Schloß Gripsholm", feinste Alltags- und Liebesgeschichten entwerfen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten resignierte Tucholsky – dieses Deutschland, vor dem er wieder und wieder gewarnt hatte, war nicht mehr das seine. 1935 starb er im schwedischen Göteborg. Sein Biograf Rolf Hosfeld stellt ihn vor.

Undatiertes Archivbild des Schriftstellers Kurt Tucholsky.
Kurt Tucholsky schrieb politische Texte, aber auch Liebesgeschichten Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Rolf Hosfeld, Sie haben die Kurt-Tucholsky-Biografie: "Tucholsky – ein deutsches Leben" geschrieben. Bleiben wir gleich bei dem von Ihnen gewählten Titel: Tucholsky stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie und er entdeckt schon als junger Mann seine Liebe zur Literatur – und hier auch zur Satire. Von welchen deutschen Verhältnissen wird Tucholsky geformt, wie entwickeln sich spätere Feind-Bilder, zu wem fühlt er sich als junger Mann hingezogen?

Rolf Hosfeld: Zunächst mal: Ich denke, Tucholsky gehört nach wie vor zum Kanon der deutschen Literatur. Man wird kaum jemanden finden, der so leicht mit der deutschen Sprache umgeht wie er. Leichtigkeit bedeutet aber in der Wilhelminischen Zeit auch, dass man sich in einem gewissen Gegensatz zur Schwere des Militarismus befindet, zur Schwere der Kriegsahnungen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Tucholsky stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie aus gehobenen Kreisen, sein Vater war Bankdirektor. Er fühlte sich sehr früh schon zur Literatur hingezogen, nicht zuletzt auch durch seine Ausbildung am Französischen Gymnasium in Berlin. Er gilt zwar als Urberliner, aber er hat einen großen Teil seiner Kindheit an der Ostsee verbracht. Er hatte starke norddeutsche Züge, eine gewisse Sehnsucht nach Ruhe, die immer im Kontrast zur Aufgeregtheit der Großstadt stand. Es war die Wilhelminische Vorkriegszeit, also eine Zeit der kulturellen Blüte, gleichzeitig aber auch eine Zeit von ständigen Kriegsdrohungen und Ängsten.

Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wird Tucholsky zu einem pazifistisch orientierten Intellektuellen. Er schreibt unter mehreren Pseudonymen für die linksliberale "Weltbühne". Welche Rolle spielte diese Zeitung und was waren das für Texte, die Tucholsky hier ablieferte?

Das Titelblatt der lange Zeit verschollen geglaubten letzten Ausgabe der Weltbühne vom 14. März 1933
Die Wochenzeitung Weltbühne Bildrechte: dpa

Die "Weltbühne" war eine verhältnismäßig kleine Zeitung, aber sie hatte einen sehr großen Einfluss. Tucholsky schrieb ja auch für sehr große Blätter, aber die "Weltbühne" blieb immer sein Haupt-Publikationsorgan. Über sie hat er den größten Einfluss ausgeübt. Man könnte sagen, die Weltbühne war eine Art politisches Feuilleton. Es ging um die Frage der politischen Morde nach dem Ersten Weltkrieg in den ersten Jahren der Weimarer Republik, um das Versagen der Justiz, es ging später auch um das Wiederaufleben des Militarismus, um die Verabredungen zwischen Reichswehr und der sowjetischen Armee und ähnliche Fragen. Man muss wissen, dass Tucholsky unter anderem ja ausgebildeter Jurist war und deshalb in der Lage, auch sehr profunde juristischer Kommentare abzuliefern. Also, kurz gesagt die "Weltbühne" war das einflussreichste intellektuelle Organ der Weimarer Zeit. Und es gab eigentlich in allen großen deutschen Städten Kreise, in denen man die "Weltbühne" las und diskutierte.

Er hat politische Texte und juristische Texte geschrieben. Ging es auch in eine andere Richtung?

Es war ein politisches Feuilleton, das sich gegen den Zeitgeist einer nur halb bewältigten Vergangenheit des Wilhelminismus auflehnte und die Kompromisse der Republik immer sehr stark im Auge hatte.

Tucholsky konnte aber auch Liebesgeschichten. 1912 publizierte er mit dem "Bilderbuch für Verliebte" eine der schönsten, flimmerndsten Liebesgeschichten dieser Zeit. Von Tucholsky selbst sind auch einige Affären bekannt. Wie können wir uns also den Privatmann Tucholsky vorstellen: ein Ehegatte, der jedes sich bietende außereheliche Abenteuer mitnimmt?

Er war polygam, das kam man mit Sicherheit sagen. Es gibt schon in "Rheinsberg", also einem frühen Buch, die schöne Passage, dass die Liebe etwas ist, was man nie erreicht. Das ist ein Ziel, das man träumt, aber nie erreicht. Vor allen Dingen gibt es immer unterschiedlicher Attraktionspunkte. Wenn man sich seine Frauengeschichten ansieht, sind es immer sehr unterschiedliche Frauentypen, zu denen er sich hingezogen fühlte. Ich denke, in dieser Haltung ist auch eine gewisse Resignation zu vermerken.

Wie war Tucholskys Haltung und seine persönliche Strategie ab 1933 bis zu seinem Tod 1935? Wie reagierte er auf die nationalsozialistische Diktatur?

Zunächst mal hat er schon sehr früh erkannt, in welche Richtung das läuft – und zwar sehr präzise. Er hat im Grunde genommen diese ganze Art und Weise, wie die Machtergreifung stattfand, schon Anfang der 30er-Jahre als Szenario vorausgesehen. Vor allen Dingen aber hat er sich sehr selbstkritisch zur Rolle der Linken in Deutschland Gedanken gemacht und sich darüber geäußert. Er fand den Anteil der Linken an dem Scheitern der Weimarer Republik eine ganz erhebliche Angelegenheit. Die Zeit nach 1933 war eine Zeit, wo es immer um diese Frage kreiste. Und natürlich war es eine Zeit der persönlichen Resignation, schließlich auch der beruflichen Resignation. Denn mit der Bücherverbrennung 1933 und spätestens mit seiner Ausbürgerung war ihm jede Grundlage entzogen, weiterzuarbeiten.

Grab von Kurt Tucholsky mit Rose in Mariefred
Kurt Tucholskys Grab in Mariefred in Schweden Bildrechte: imago/imagebroker

Das Interview führte Rachel Gehlhoff für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 09. Januar 2020 | 18:05 Uhr

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