10. bis zum 18. Oktober Landesliteraturtage setzen sich für Dichter in Corona-Not ein

Bei den Landesliteraturtagen Sachsen-Anhalt wird vom 10. bis zum 18. Oktober an vielen verschiedenen Orten gelesen oder über Poesie gesprochen. Das Motto in diesem Jahr lautet "Begegnungen", was in Coronazeiten eher unzeitgemäß. Im Gespräch mit MDR KULTUR erläutert die Organisatorin Ute Pott, wie es zu dem Motto kam, warum sich die Literaturtage für den in Vergessenheit geratenen Dichter Franz Richard Behrens starkmachen und weshalb es in diesem Jahr genau 30 Veranstaltungsorte sein mussten.

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Die Landesliteraturtage Sachsen-Anhalt finden seit 1992 statt. Bildrechte: Colourbox.de

MDR KULTUR: Was hat es mit dem Motto der Literaturtage "Begegnungen" auf sich?

Ute Pott: Das Motto "Begegnungen" haben wir uns überlegt als Thema vor dem Hintergrund: 30 Jahre Deutsche Einheit, 30 Jahre Sachsen-Anhalt. Und im Zuge der Vorbereitung – der Antrag war ja schon im letzten Jahr gestellt – hat natürlich dieser Begriff "Begegnungen" durch Corona nochmal eine ganz andere Dimension bekommen. Wir hatten von Anfang an gesagt, dass es uns nicht nur um das deutsch-deutsche Thema gehen wird (das spielt auch eine Rolle) sondern dass Begegnungen sehr weit gefasst werden. Und wir wissen auch jetzt schon, dass viele auf die Erfahrungen der letzten Monate auch Bezug nehmen werden.

Geht es tatsächlich um Begegnungen im physischen Raum?

Zum Glück! Das war natürlich für uns lange Zeit nicht klar. Im Januar war die Ausschreibung, im März die Entscheidung. Dann kam Corona. Und wir haben wirklich gehofft. Und es scheint ja auch, dass das so klappen kann, dass wir wirkliche Begegnungen erleben. Dass die Autorinnen und Autoren sich treffen.

Es gibt hier viele Duo-Lesungen. Aber es war auch gewollt und gewünscht, dass schon das Ganze von Autorenseite her dialogisch angelegt ist – und das eben im Gespräch mit dem Publikum.

Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses
Ute Pott, Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Gleimhauses in Halberstadt Bildrechte: dpa

Literaturtage von landesweiter Bedeutung sollen es sein. Inwieweit lässt sich das in einer Region wie Sachsen-Anhalt verwirklichen? Lässt sich das Land flächendeckend bespielen?

Es ist zu zweiten Mal, dass wir das landesweit machen. 2019 war das auch schon mal. Und nun ist  wirklich die Altmark dabei, es sind Orte dabei, die man sonst als literarische Orte kaum kennt: die Gedenkstätte Deutsche Teilung, Weferlingen, Gernrode, Harzgerode, Merseburg, Eichstätt, Stendal. Die Städte natürlich auch: also Magdeburg, Halle, Halberstadt und so weiter. Das ist wirklich breit bis tief in den ländlichen Raum und auch entlang des Grünen Bandes.

Wie viele Veranstaltungen sind es?

30 Jahre Deutsche Einheit: also 30 Veranstaltungen!

Bei der Eröffnung gibt es eine Wiederbegegnung mit Franz Richard Behrens, der 1895 in Brachwitz, nördlich von Halle geboren wurde. Warum bekommt er bei Ihnen in diesem Jahr diese Prominenz?

Der war uns schon vorher wichtig. Wir haben schon mal eine Lesung zu Franz Richard Behrens gemacht und haben einfach gemerkt, das ist ein Autor, den wir einfach bekannter machen wollen. Er ist, wie sein Herausgeber sagte, nicht nur einer der bedeutendsten Dichter der ersten Jahrhunderthälfte, er ist zugleich einer der am meisten missachteten und vergessenen. Und er ist wirklich sehr radikal in seinen Texten, in der Nutzung des Fragments, in auch der Lautlichkeit seiner Texte. Also, wenn man die liest, ist man völlig überrascht, wenn man dann sieht: 1915. Das ist unglaublich modern, was dieser Mann zu bieten hat. Und wir geben so einen kleinen Einblick in die Breite seines Schaffens bis hin – kurios – zum Sportgedicht.

Worin liegt diese Modernität?

Es ist einfach die radikale Einfachheit in seinem Ausdruck, bis hin auch zum Lautmalerischen. Also eigentlich ein bisschen sozusagen der Vorläufer Ernst Jandls, wenn man sich die Antikriegsgedichte ansieht.

Blick in die Räume des so genannten Freundschaftstempels des Gleimhauses in Halberstadt
Auch im Gleimhaus, dem Literaturmuseum in Halberstadt finden Veranstaltungen statt Bildrechte: dpa

Die Landesliteraturtage sollen vor allem denjenigen Autoren und Autorinnen etwas nützen, die gerade eher am Rand der Aufmerksamkeit stehen, die vom Lockdown besonders gebeutelten sollen unterstützt werden. Was ist da die Idee?

Die Idee war,als dann die Ausschreibung raus waren im Januar und wir im März alle Beiträge hatten und dann schon wussten, wir konnten uns ja gar nicht mehr treffen in der Jury: Was machen wir jetzt? Wenn wir die Literaturtage wirklich stattfinden lassen können, dass dann in erster Linie die auftreten, die gute Beiträge vorgeschlagen haben und die dringend auf Auftritte angewiesen sind.

Also diejenigen, die jetzt nicht anderweitig in Beschäftigung gekommen sind, sondern angewiesen sind auf die Bühne für Literatur?

Genau! Und was auch sehr schön war, auch einige Autoren haben ihrerseits dann, im Bewusstsein dieser Situation, ihrer Bewerbung sogar zurückgezogen. Sie haben gesagt: wir sind jetzt nicht dran, es sind die dran, die dringend den Kontakt mit dem Publikum brauchen. Die einfach diese Auftrittsmöglichkeit benötigen.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Das Festival Landesliteraturtage Sachsen-Anhalt
Motto: Begegnungen
10. bis 18. Oktober 2020
Die Veranstaltungen sind eintrittsfrei

Literatur und Lesen

Katrin Schumacher
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Oktober 2020 | 16:10 Uhr