Landtagswahl 2021 Wie steht es um die Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt?

Am Sonntag wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Zeit für eine Bestandsaufnahme der Kulturpolitik in den letzten fünf Jahren. Wie hat sich die Kultur in dieser Zeit entwickelt, war die Ansiedelung der Kultur direkt bei der Staatskanzlei gewinnbringend oder hinderlich? Welche Prioritäten wurden gesetzt? Wie ist das Verhältnis der Förderung von Leuchttürmen wie dem Bauhaus, subventionierten Theatern und der freien Szene? Unsere Landeskorrespondentin Sandra Meyer zieht Bilanz.

Szenenbild aus "Der Zigeunerbaron" Theater Magdeburg
Szenenbild aus "Der Zigeunerbaron" Theater Magdeburg Bildrechte: Nilz Böhme

MDR KULTUR: Wie hat sich die Kultur in Sachsen-Anhalt in den letzten fünf Jahren entwickelt?

Sandra Meyer: Die größte Veränderung 2016 war, dass die Kultur nicht mehr gemeinsam mit der Bildung im Kultusministerium angesiedelt war, sondern direkt an der Staatskanzlei. Das war Neuland, Rainer Robra, vorher dort zuständig für Europa und Medienangelegenheiten, wurde nun zusätzlich Kulturminister. Also sehr viel Arbeit und als Jurist war er erstmal fachfremd, aber mit großem Interesse. Er hat sich schnell reingekniet – und ich glaube, ich habe noch keinen Minister bei so vielen unterschiedlichen Kulturveranstaltungen überall im Land gesehen! Und er hat sich dann auch sehr schnell um die damals noch wogende Theaterkrise gekümmert.

Stimmt, wenn man sich erinnert: Es gab unter Robras Vorgänger erst riesigen Knatsch um die Bauhaus-Leitung und dann sehr umstrittene Theaterkürzungen. Konnte Robra denn da was richten?

Rainer Robra steht im Schiffshebewerk Rothensee.
Staatsminister Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei und Minister für Kultur
Bildrechte: dpa

Mehr als gedacht, denn es gab erst schon die Befürchtung, die Kultur würde als Anhängsel der Staatskanzlei degradiert werden. Aber es war eher das Gegenteil: Robra konnte aus der Staatskanzlei mit dem Ministerpräsidenten als Rückhalt stärker auftreten. Die Kultur hat auch politisch eine bessere Lobby bekommen und dementsprechend wurde der Kulturetat auch erhöht, beziehungsweise angepasst. Tarifsteigerungen etc. spielen da auch eine Rolle und das Bauhaus-Jubiläum natürlich.

Aber das kam auch den Theatern zugute. Und es gab immer wieder mit allen Kulturschaffenden einen intensiven Austausch! Und so sind die Theaterverträge auch zu aller Zufriedenheit verlängert worden. Und in Eisleben konnte man so überhaupt als echtes Theater bestehen.

Es war gut für das subventionierte Theater, höre ich da raus – wie sieht es bei den Freien aus?

Ein großes Thema, weil die freie Szene und die Soziokultur nicht subventioniert, sondern meist nur projektbezogen gefördert wird. Das ist aufwändig, mit viel Bürokratie und von Soloselbständigen kaum zu leisten. Und in diesem Sinn kritisieren auch manche die Loslösung des Kulturministeriums vom Bildungsministerium. Denn gerade was die kulturelle Bildung anbelangt, wäre die Zusammenarbeit unbedingt sinnvoll. Und das passiert offenbar nicht mehr.

Immerhin gibt es etliche Verbände, die sich für die freie Szene einsetzen und offensichtlich auch Gehör fanden bei den Kulturkonferenzen?

Ja, das wird auch goutiert: so freut sich zum Beispiel das Landeszentrum freies Theater über gemeinsam entwickelte Förderinstrumente und damit über einen höheren Etat. Der allerdings auch überfällig war, denn bisher, sagte mir deren Chefin, könnten lediglich ein Sechstel der zu befürwortenden Projekte realisiert werden. Da gab es einfach ein großes Defizit.

Die Schauspieler Michael Magel, Michael Günther und Susanne Bard proben in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) für die 24. Auflage des Boulevardtheaters «Olvenstedt probiert's».
Auch die freien Kammerspiele Magdeburg bereichern als freies Theater die Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt Bildrechte: dpa

Also ja, die Kulturschaffenden werden gehört, aber nicht immer mit der richtigen Konsequenz. Auch jetzt, zu Pandemiezeiten, habe ich etlichen dieser Konferenzen beigewohnt: Da spricht vor allem der Minister – und weil die Akteure ja letztlich doch am Finanztropf hängen, trauen sich die Wenigsten wirklich Kritik zu üben. Und auf konkrete Nachfragen wird gerne auch mal die Verantwortung verschoben – dann hängt es an Verwaltungsstrukturen oder die Verantwortung wird gleich in die Hände der Freien und Selbständigen übertragen!

Oder in die Hände der Kommunen – den Eindruck hat man ja auch.

Das mit der Verantwortung ist ja eh schwierig. Das muss bei Land und Kommune immer neu ausgehandelt werden – und auch da ist das Land den Kommunen schon entgegengekommen und zahlt mehr! Aber was hilft das, solange Kultur eine freiwillige Leistung ist und die Kommunen gar kein Geld dafür übrig haben?

Wie gerade bei der Finanzierung der Feininger-Galerie in Quedlinburg öffentlich wurde?

Richtig, allerdings muss man konstatieren: Die Feininger-Galerie hat immerhin eine große Lobby – und ist sogar Teil der Kulturstiftung des Landes. Da gibt es eh schon mehr Geld. Es geht da je immer um die Gegenfinanzierung.

Außenansicht der Lyonel-Feininger Galerie in Quedlinburg
Die Feininger-Galerie in Quedlinburg Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Noch schlimmer ist es bei den kleinen Museen auf dem Land: Die bekommen teilweise einen minimalen Etat von 5.000 Euro! Und jedes Projekt muss von der Kommune gegenfinanziert werden. Und da heißt es teilweise noch: kümmert euch um die Digitalisierung – und man hat nicht mal Netz! Das ist gerade im ländlichen Raum richtig absurd, da kann ich zig Beispiele erzählen, auch über Musikschulen.

Da fehlt in Sachsen-Anhalt so etwas wie das Kulturraumgesetz in Sachsen: eine tatsächliche Verpflichtung der Kommunen zur Kultur.

Stichwort Musikschulen und Musik: Sachen Anhalt nennt sich doch Musikland, da gibt es doch ein reges Interesse seitens der Landes?

Vor allem wenn man nach Außen glänzen kann! Es gibt gute Festivals – Händel, Weill, Bach in Köthen – doch ein Festival für Neue Musik, "Impuls", wurde unlängst schlicht nicht weiter gefördert. Es hat sich über zehn Jahre etabliert und wird nun offensichtlich ersetzt. Da wurde gegen etliche Stimmen aus der Kultur und dem Landtag von der Staatskanzlei regelrecht reinregiert. Und das ist sicher für die eigentlich so eingeforderte Außenwahrnehmung nicht besonders gut.

Aber das Bauhaus-Jubiläum war ein Erfolg, da ist auch viel Geld reingeflossen. Und Naumburg hat den Welterbestatus bekommen!

Ja, Bauhaus, da wurde wieder mal sehr viel investiert - für manche zu viel - und man hat ja auch internationale Aufmerksamkeit bekommen. Aber man merkt schon, die Welterben sind mittlerweile die Steckenpferde der Kulturpolitik. Das sind eben die Leuchttürme, die bringen Prestige und teils finanzielle Unterstützung.

Aber: man kann daran auch ablesen, wie stark Kultur und Tourismus hier in Sachsen-Anhalt gerade unter diesem Kulturministerium zusammengedacht wurde. Ich habe nun schon munkeln hören, dass die Kultur womöglich mit dem Ministerium für Tourismus zusammengelegt werden soll – eine nicht ungefährliche Verbindung, wie ich finde! Denn Kunst und Kultur sollte nicht nur auf Baudenkmale und zurück in die Geschichte blicken, sondern zeitgenössisches Voranbringen – also auch Experimentierfeld sein und nicht nur Event. Heißt auch, gerade jetzt nach der Pandemie muss die kulturelle Bildung und auch die so gebeutelte freie Szene stärker in den Fokus rücken. Schau'n wir mal!

Das Interview für MDR KULTUR führte Carsten Tesch.

Kunst und Kultur in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Mai 2021 | 07:10 Uhr

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