Rente muss zum Leben reichen steht auf dem Rücken eines Demonstranten
"Rente muss zum Leben reichen!" – tut sie aber nicht, meint Buchautor und Journalist Alexander Hagelüken. Bildrechte: dpa

Sachbuchkritik "Lasst uns länger arbeiten" – aufrüttelndes Buch über die Zukunft der Rente

Wie sicher ist die Rente? Lauert am Ende des Arbeitslebens die Altersarmut? Alexander Hagelüken warnt in seinem Sachbuch "Lasst uns länger arbeiten" vor dem, was den Arbeitnehmern droht. Besonders gefährdet sind aus seiner Sicht: Frauen, Selbständige, Ostdeutsche, Arbeitslose und Migranten. Und der Autor schlägt konkrete Maßnahmen vor, mit denen sich positiver in die Zukunft blicken lässt. Ein ernstzunehmender und lesenswerter Beitrag zur Rentendebatte, findet unser Kritiker.

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR

Rente muss zum Leben reichen steht auf dem Rücken eines Demonstranten
"Rente muss zum Leben reichen!" – tut sie aber nicht, meint Buchautor und Journalist Alexander Hagelüken. Bildrechte: dpa

Eine "Methusalem-Ballung" befürchtet Alexander Hagelüken: Der Sachbuchautor meint damit Menschen, die hundert Jahre und älter sind. Deren Anzahl sei in Deutschland seit der Wiedervereinigung um das mehr als Siebenfache gestiegen – von 2.000 auf heute 15.000. Und diese Tendenz setze sich fort, prognostiziert Hagelüken. Die Situation sei nun mal, dass die Deutschen immer älter werden würden, "was erst mal schön ist", so Hagelüken.

"Man muss dann vor dem Hintergrund natürlich die Rente finanzieren. Wir werden in weniger als einer Generation 200.000 Menschen haben, die älter als hundert Jahre sind." Da müsse man sich etwas überlegen. Er meint, dass immer weniger Arbeitnehmer auf einen Rentner kämen, den sie finanzieren müssten, "und da brauchen wir eine große Lösung."

Ein wichtiger Debattenbeitrag

Der Autor Alexander Hagelüken. 4 min
Bildrechte: Verlagsgruppe Droemer Knaur/ Catherina Hess

Wie sicher ist die Rente? Lauert am Ende des Arbeitslebens die Altersarmut? Alexander Hagelüken warnt in seinem Sachbuch vor dem, was Arbeitnehmern droht – und macht sehr konkrete Vorschläge für Maßnahmen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 11.07.2019 18:05Uhr 04:24 min

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Eine solche Lösung, oder vielmehr einen ganzen Katalog an Lösungsvorschlägen, bietet Hagelüken in seinem lesenswerten Sachbuch "Lasst uns länger arbeiten!" an. Diese Forderung mag sich für nicht Wenige nach einer ganz und gar schrecklichen Drohung anhören. Bei genauerem Hinsehen aber entpuppt sich Hagelükens Buch als ein sehr ernstzunehmender Debattenbeitrag zur Zukunft der Alterssicherung.

Ausführlich widmet sich der Autor in der ersten Hälfte seines Textes der Problemanalyse. Das Renten-Umlagesystem sieht er vor dem Kollaps, weil schon heute drei Arbeitnehmer die Einkünfte eines Rentners finanzieren müssten. Zudem begreift Hagelüken den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Alterssicherung auch als Kulturfrage und sieht ein Problem darin, dass viele die Rente mit 65 oder die Möglichkeiten des vorgezogenen Ruhestands bei vollen Bezügen wie einen Besitzstand verteidigen.

Ein Verlust des Wertes

Aber Hagelüken hält dagegen, indem er sagt, dass ein Besitzstand nur so viel wert sei, wie er einem wirklich gebe.

Möglichst früh aus dem Beruf herauszugehen, hilft einem wenig, wenn die Rente, die man dann bekommt, relativ gering ausfällt.

Alexander Hagelüken, Autor

Deswegen gäbe es diesen Besitzstand, den wir in Deutschland geschaffen haben, "den wir so als Ziel geschaffen haben, der wird immer weniger wert werden", so Hagelüken.

Von Altersarmut bedroht: Frauen, Selbständige, Ostdeutsche, Arbeitslose und Migranten

Bereits heute befürchteten vier von fünf Arbeitnehmern, dass ihnen ihre künftige Rente zum Leben nicht reichen wird. Von Altersarmut besonders bedroht, sieht der Autor zuvorderst Arbeitslose, Ostdeutsche, Migranten, Selbstständige und generell Frauen. Hagelüken, der seit 20 Jahren Zeitungsartikel zum Thema "Rente" schreibt und heute als leitender Wirtschaftsredakteur der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet, sieht in einer verlängerten Lebensarbeitszeit Vorteile für Arbeitnehmer.

Der Rentner Heinz Riemenschneider arbeitet 2008 bei einer Software-Firma als Hausmeister.
Hagelüken plädiert für eine längere Arbeitslebenszeit. Bildrechte: imago/epd

Denn wenn man länger arbeite, habe man mehr Geld zur Verfügung. "Das Zweite ist, man bleibt beispielsweise geistig fitter, wenn man so eine Aufgabe hat. Das ist für Viele auch eine Sinnstiftung in einer Zeit, wo sie älter werden und Freunde verlieren." Außerdem erhalte man soziale Kontakte, die man in einer Firma habe. Und er weist auf den harten Wechsel von "100 auf 0" hin, der mit 65 auf einen Schlag komme, "und dann im Garten sitzen und nicht wissen, wie der Tag rumgeht. Das ist definitiv gesundheitlich schlecht."

Früh- und Mütterrente abschaffen

"Ruhestands-Depression" oder "Ruhe-Schlaff" nennt Hagelüken diesen Zustand nach dem abrupten Ende eines Berufslebens. Dabei weiß auch der Autor, dass allein mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit das Rentenproblem nicht gelöst werden wird. Deswegen diskutiert er im zweiten Teil seines Buches einen vielschichtigen Reformkatalog. Darin fordert er, die Wahlgeschenke Frührente ab 63 und die "Mütterrente" abzuschaffen, Besserverdiener höher zu besteuern und noch mehr.

Er verlangt eine faire Verteilung zwischen Alt und Jung. In seinen Augen sollten nicht einfach die Jungen einseitig für die Rente zahlen.

Ich glaube, wir müssen Privilegien abbauen, die heute beispielsweise Beamte genießen.

Alexander Hagelüken, Autor

Er plädiert dafür, mehr Beschäftigungschancen für Mütter zu schaffen. "Wir müssen höhere Löhne für Geringverdiener schaffen, damit die im Alter nicht arm werden, und wir müssen zum Beispiel daran denken, dass es so ist, dass wir das Riestersystem der Vorsorge reparieren müssen, weil das funktioniert heute nicht." Nach Hagelüken profitieren zuvorderst Versicherungskonzerne von der Riester-Rente und deutlich weniger die künftigen Riester-Rentner.

Ein neoliberales Ausbeutungsprogramm?

Das Charmante an seinem Buch besteht darin, dass Hagelüken die zahlreichen Einwände gegen sein Programm gleich selbst aufruft und diskutiert. So entgegnet er auf überzeugende Weise dem naheliegenden Vorwurf, bei seiner Agenda handle es sich um ein neoliberales Ausbeutungsprogramm. Er selbst kommt auf stark belastete Arbeitnehmer zu sprechen, etwa auf dem Bau oder in Krankenhäusern, und bietet gleichzeitig Lösungen für diese Schwerarbeiter an.

Fazit: Alexander Hagelüken begreift das Thema "Zukunft der Rente" als Gemeinschaftsaufgabe: Unternehmen sind gefragt, genauso wie Gewerkschaften, nicht zuletzt der Gesetzgeber und eben auch Menschen, die heute in die Rentenkassen einzahlen. Die müssten, wenn es nach Hagelüken geht, länger arbeiten. Und nach der Lektüre seines Buches hört sich diese Forderung auch gar nicht mehr ganz so schrecklich an.

Cover des Buches "Lasst uns länger arbeiten" von Alexander Hagelüken.
Bildrechte: Verlagsgruppe Droemer Knaur

Informationen zum Buch "Lasst uns länger arbeiten!"
von Alexander Hagelüken
Verlag Droemer, 2019
224 Seiten, broschiert
Preis: 16,99 Euro
ISBN: 978-3-426-27778-2

Handwerk Belgrad 8 min
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Was müsste sich ändern, wenn zunehmend ältere Menschen arbeiten sollen? Margaret Heckel hat dazu ein Buch geschrieben, der Titel "Aus Erfahrung gut. Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern".

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sportliche Rentnerin auf einer Bank 9 min
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Die Autorin Margaret Heckel hat das Buch "Aus Erfahrung gut. Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern" geschrieben. Sie ist im Gespräch zu Altersbildern älterer Menschen. Stimmen die Klischees überhaupt?

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juli 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2019, 04:00 Uhr

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