Perspektiven Wie Kultur beim Strukturwandel in der Lausitz helfen soll

Die bislang von der Braunkohle-Industrie bestimmten Regionen müssen sich neu erfinden. Der Strukturwandel wird auch die Lausitz verändern: Wie soll das Zusammenleben dort künftig aussehen? Wie kann Abwanderung verhindert werden? Die Kultur soll zum Gelingen der Transformation beitragen. Vorgestellt wurde dazu jetzt ein Kulturplan Lausitz, an dem 146 Kommunen mitarbeiteten. Noch ist er mehr Bestandsaufnahme als Plan.

Umzug der Folkloregruppe in Bautzen
Das Folklorefestival Lausitz lockte 2019 rund 15.000 Besucher und Besucherinnen in die Region. Bildrechte: MDR/Matej Zieschwauck

Nach der launigen Vorstellung des Kulturplanes Lausitz im Cottbuser Staatstheater feierten die etwa 100 Gäste mit Wein, Appetithäppchen und sorbischem Jazz. Schon im Vorjahr hatte die gefragte Münchener Konzeptentwicklerin Martina Taubenberger eine "Kulturstrategie Lausitz 2025" entworfen. Sie führte nun auch wieder beim Kulturplan Lausitz Regie, gemeinsam mit der ebenfalls in München ansässigen actori-Unternehmensberatung. Den Auftrag erteilten die beiden für Kultur zuständigen Ministerien in Brandenburg und Sachsen.

Kulturplan Lausitz: "Stark offensiv"

146 Kommunen und 370 Kultureinrichtungen haben sich an der einjährigen Vorbereitungsphase beteiligt, 60 Interviews wurden geführt. Entspringt dieser Plan der Sorge, Kultur könne bei Bürgern und Politikern von der Dominanz wirtschaftlicher Fragen verdeckt werden? Nein, das sei keine defensive Ausgangsposition, sagt Martina Taubenberger. Der Grundgestus sei sogar "stark offensiv": "Mentalitätswandel war immer an Strukturwandel geknüpft, und der geht nicht ohne Kultur", betont sie.

Joachim Mühle, Sekretär des sächsischen Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien, bestätigt aber die Sorgen der Lausitzer: "Die Menschen haben Angst vor dem, was auf sie zukommt. Und weil der Strukturwandel alternativlos ist, muss er gelingen!" Auch Mühle bekräftigt die wichtige Rolle der Kultur in diesem Prozess.

Was tun gegen Abwanderung aus der Lausitz?

Lebensgefühl und Heimatverbundenheit spielen nun einmal eine wesentliche Rolle in einer Region, die seit der Jahrtausendwende 17 Prozent der Bewohner verloren hat und die fast jeder Zweite unter 30 Jahren verlassen will. Die Identifikation mit der Lausitz wachse aber auch, stellt der Kulturplan fest. Eine Dachmarke Lausitz soll diese Verbundenheit und das Image der Region befördern. Empfohlen wird eine stärkere Vernetzung der Kulturakteure und eine intensivere Zusammenarbeit über die Bundesländergrenzen und die deutschen Staatsgrenzen hinaus.

Dem Zeitgeist folgend, setzt man auf Großevents wie das erst vor zwei Jahren ins Leben gerufene Lausitz-Festival. Der Kulturplan wendet zwar einen umfassenden Kulturbegriff an. Gerade mit Blick auf die Alltagskultur kann man deshalb Aussagen über die weitgehend erloschene dörfliche Kultur und das Verhältnis zu den wenigen urbanen Zentren vermissen.

Drei Personen stehen auf einem Feld, im Hintergrund ist ein Kraftwerk zu sehen.
Beim Lausitz-Festival 2021 war die Theaterinstallation "Euro-Hamlet" zu sehen, die das berühmte Shakespeare-Stück mit dem historischen Kontext der Region verknüpft hat. Bildrechte: Filip Markiewiczi

Gescheiterte Versuche der Vergangenheit

Wie viele vergleichbare Konzepte liefert auch der Kulturplan Lausitz vor allem eine umfassende Bestandsaufnahme. Erst im letzten Drittel wird er konkreter, schlägt zum Beispiel eine schwimmende Seebühne, ein Zentrum für Popularmusik, überhaupt eine zentrale Kultur-Koordinierungsstelle vor. Gar eine europäische Kulturhauptstadtbewerbung der Region 2040 wird erwogen. Die Lausitz braucht Optimismus, aber man darf daran erinnern, dass Projekte zu ihrer Belebung auch schon gescheitert sind.

Theater Görlitz
Einsparszenarien legten Anfang 2021 die Vermutung nahe, das Theater Görlitz müsse schließen. Bildrechte: imago/Torsten Becker

Vor 20 Jahren musste an der Neiße das internationale "Europera"-Projekt mit Musik und Theater aufgeben, 2015 fand am Bärwalder See die letzte "Transnaturale" statt. Mit ihr starb die Vision alternativer Lebensprojekte, verwaist liegt in Boxberg das Landschaftstheater "Ohr". "Es schlummert leider immer noch", muss Bürgermeister Achim Junker feststellen. Pikant, dass noch zu Jahresbeginn die am Lausitzplan beteiligte Kulturberatungsfirma actori mit einem Gutachten heftige Proteste auslöste, das Szenarien einer weiteren Schrumpfung des Theaterangebots durchspielte.

Kritik: Kohle-Milliarden gehen an Kulturförderung vorbei

In Cottbus lobten das "tolle Dokument". Im Vorjahr hatten sich schon die Sorben über die Kulturstrategie gefreut, die ihnen eine einzigartige und verbindende Rolle in der Lausitz bescheinigt. In Hoyerswerda hofft Kulturbürgermeister Mirko Pink auf die Rolle als eine Art Kulturhauptstadt im bisherigen Kohle-Kernland, wenn das Lausitzer Seenland touristisch besser erschlossen wird.

Der Kulturplan Lausitz fordert nun eine Neustrukturierung der Kulturförderung. Zugleich kritisiert er indirekt die Milliardenverteilung nach dem so genannten Strukturstärkungsgesetz. Es werde "schnell deutlich, dass die bestehenden Förderrahmenbedingungen nur bedingt auf die Akteurinnen und Akteure in der Kultur zugeschnitten sind", heißt es wörtlich.

Blick auf eine Förderbrücke, Förderanlagen und Abraumhalden im Braunkohletagebau Welzow Süd der Vattenfall AG in Welzow (Brandenburg). 8 min
Bildrechte: dpa
8 min

Viele Menschen in der Lausitz denken schon nicht mehr über den Kohleausstieg nach, sondern haben ihren eigenen Strukturwandel bereits erlebt und neue Wege gefunden, erklärt Johannes Stämmler, der zur Lausitz forscht.

MDR KULTUR - Das Radio Di 09.11.2021 12:00Uhr 08:15 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Strukturwandel in der Lausitz

Mehr über Kultur in und aus der Lausitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. November 2021 | 06:15 Uhr