Blick auf einen Bauwagen und einen Waldspielplatz.
Bauwagen im Ökodorf Sieben Linden in der Altmark. Bildrechte: Robin Jüngling

Alternatives Wohnen Leben im Bauwagen: Der Reiz des Einfachen

Für die meisten Menschen ist ein Leben im Bauwagen nur schwer vorstellbar. Wenig Platz, kein fließendes Wasser, Gemeinschaftsduschen. Vielleicht etwas, das man mit Aussteigern, Studenten oder Hippies verbindet. Doch das Klischee trügt! Immer mehr Menschen entschließen sich, den Komfort einer Wohnung aufzugeben und auf Wagenplätze zu ziehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch – mal ehrlich: Wie lebt es sich im Bauwagen oder LKW? Und ist das überhaupt erlaubt?

von Stefanie Becker, MDR KULTUR-Autorin

Blick auf einen Bauwagen und einen Waldspielplatz.
Bauwagen im Ökodorf Sieben Linden in der Altmark. Bildrechte: Robin Jüngling

Florian Teller steht am Tor seines Wagenplatzes im Leipziger Stadtteil Kleinzschocher. Es ist ungemütlich und kalt. Er geht einen Weg parallel einer Eisenbahnlinie entlang – zu einem Platz, auf dem einige Laster und Bauwagen stehen. Die "Scherbelburg". Florian steuert auf einen gelb-blauen Laster zu, öffnet die Tür der Ladefläche und steigt ein.

Hier drinnen heizt der Ofen und man spürt nichts mehr von der Kälte draußen. Als Wagenplatzbewohner muss Florian das Wetter so nehmen, wie es ist. "Da hocke ich im Laster und denke: Oh, es ist schlechtes Wetter draußen [...] Aber wenn ich mich überwunden habe, rauszugehen und die richtigen Sachen anzuziehen, finde ich es gar nicht so schlecht", erzählt er. Vor zehn Jahren hat er sein WG-Zimmer gegen einen Bauwagen getauscht. Seitdem heißt es: Gemeinschaftsduschen, Draußen-Toilette und Wasser aus dem Kanister.

Ich fand es spannend, draußen zu wohnen, den eigenen Wohnraum zu gestalten und mit so vielen Leuten zusammenzuwohnen.

Florian, Bauwagen-Bewohner

Florian hat sich sein eigenes Reich gebaut

Sein Pferdeanhänger, der vor drei Jahren den Bauwagen ersetzt hat, misst gerade mal zweieinhalb mal sechs Meter. Und diese 15 Quadratmeter hat er sich gemütlich - und vor allem praktisch eingerichtet: "Ich habe die Küche selber gebaut." So gibt es einen Wasserkanister, festgeschnallt auf einem kleinen Holzstuhl, damit er beim Fahren nicht runterfällt. An den Wänden hängen Schränke. "Was ich ganz schön finde an diesem Laster, der hat an der Seite so eine Rampe, wo die Pferde früher reingelaufen sind", erzählt Florian, "Da hab ich eine Terassentür eingebaut, wo ganz viel Licht reinkommt."

Die Bücher in den Regalen hat er mit Fahrradschläuchen fixiert, und über dem Ofen hängt eine große Kühlerabdeckung, auf der man im Winter seine Schuhe trocknen kann. Viel hat er nicht, doch Besitz anzuhäufen ist nicht Florians Sache. Er mistet regelmäßig aus, um zu schauen, was und wie viel er tatsächlich zum Leben braucht.

Zum Beispiel sind meine Bücherregale jetzt voll, und ich habe mir schon einen E-Reader zugelegt. Trotzdem kommen immer mehr Bücher dazu, und ich habe überlegt, ob ich alte Bücher, die mir am Herzen liegen, aussortiere um den neuen Platz zu machen.

Florian

Leipzig ist die Wagenplatz-Stadt in Deutschland

Auf der Scherbelburg wohnt Florian mit seinem achtjährigen Sohn, 13 anderen Erwachsenen und einigen Kindern in einer Gemeinschaft in verschiedenen ausgebauten LKW und Bauwagen. Das Gelände haben sie der Deutschen Bahn abgekauft. Das Zusammenleben ist spannend, birgt aber auch Konflikte.

Wenn man sich entscheidet, in einer Gruppe zu wohnen, sollte man schon eine gewisse Kompromissbereitschaft mitbringen, man kann nicht hier einziehen und erwarten, dass man seinen Stiefel durchzieht und alle finden es gut.

Florian

Einfach ist also anders. Dennoch: Leipzig ist die Wagenplatz-Stadt in Deutschland. Mehr als 200 Menschen leben hier auf circa 16 Plätzen über die ganze Stadt verteilt. Doch das Wohnen auf einem Wagenplatz ist nur halblegal. Selbst wenn die Gemeinschaft den Platz nicht besetzt, sondern – wie Florian und die Scherbelburgbewohner - gekauft hat.

Der legalisierte Wagenplatz - ein Modellprojekt?

Das muss auch anders gehen, denken sich Jule Klink und Klaus Schotte. Obwohl die Stadt Leipzig sich recht tolerant zeigt und einigen Wagenplätzen Pachtverträge erteilt hat, setzen sie sich in einer kleinen Arbeitsgruppe für die baurechtliche Legalisierung von Wagenplätzen ein.

Es ist grundsätzlich nicht legal, das ganze Jahr über in einem Wagen zu wohnen. Es sind alte Gesetze, ich glaube, die gehen zurück auf die 30er Jahre noch. Das heißt, sie könnten sich jetzt ein Grundstück kaufen und sich da einen Bauwagen hinstellen und das wäre auch verboten.

Jule Klink, Arbeitsgruppe für die Legalisierung von Wagenplätzen

Es gäbe durchaus Beispiele aus anderen Bundesländern, dass man durch eine Änderung des Flächennutzungs- oder des Bebauungsplanes solche Sachen sehr vernünftig regeln kann, sagt Klaus Schotte. Er ist im Haus- und Wagenrat Ansprechpartner für die Belange alternativer Wohnformen, und Jule Klink wohnt selbst seit vielen Jahren in einem Laster. Beide wünschen sich ein Modellprojekt für Leipzig, einen legalisierten Wagenplatz, der beispielhaft für die vielen anderen sein könnte. Das würde allerdings eine Menge Mut seitens der Stadtpolitik und der Verwaltung erfordern.

"Sie muss erstmal eine Offenheit für solche Fragen entwickeln, weil es auch für die Stadt ein Vorteil ist, solche vielfältigen Flächen zu haben und nicht alles kommerziell durchzuorganisieren", findet Schotte.

Es gibt Leute, die denken, man muss so unsichtbar wie möglich sein. Ich denke eher, dass man mehr Öffentlichkeitsarbeit machen müsste. Man müsste offensiver an die Stadtverwaltung herantreten und die Stadt ermutigen, positiver eingestellt mit Wagenplätzen umzugehen.

Klaus Schotte, Arbeitsgruppe für die Legalisierung von Wagenplätzen

Was sie letztlich von anderen unterscheide, sei nur die Wohnform, sagt Schotte. "Unser Beruf und alles andere bleibt ja trotzdem gleich. Nur, dass wir nicht in einer Wohnung wohnen, sondern auf einem Gefährt mit vier Rädern." Und die bedeuten ihm ein Maximum an Freiheit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR Kultur-Spezial | 28. Februar 2018 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2018, 01:00 Uhr