Schauspieler Christian Friedel
Schauspieler Christian Friedel Bildrechte: MDR/Matthias Schmidt

Porträt Von Hamlet bis Hollywood: Der Schauspieler Christian Friedel

Der gebürtige Magdeburger ist bekannt als Frontmann der Band Woods of Birnam. Im Schauspiel Dresden gab er einen viel gelobten Hamlet, und seinen Durchbruch in Hollywood feierte er mit "Das weiße Band". Jetzt versucht sich Christian Friedel als Regisseur am Theater in Göttingen.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Schauspieler Christian Friedel
Schauspieler Christian Friedel Bildrechte: MDR/Matthias Schmidt

Los Angeles, März 2010: Christian Friedel ist auf dem Weg zur Oscar-Preisverleihung. Gleich seine erste Filmrolle führt ihn direkt ins Herz der Branche: "Das weiße Band" ist für einen Oscar nominiert, und die Filmwelt bestaunt den jungen Mann. Christian Friedel staunt zurück: "Das ist ein unglaubliches Bauchkribbeln. Ich bin sehr aufgeregt. Vor allem bin ich aufgeregt, was uns alles noch erwartet." Bislang hatte er sich die Oscars im Fernsehen angeschaut. Nun ist er selbst in Hollywood: "Plötzlich saß man da bei den Oscars, das war auf jeden Fall absurd. All das, was man sich alles so naiv erträumt hat in der Jugend, ging plötzlich mit einem Film alles so im Schnelldurchlauf."

Friedel wirkt so unverbraucht, spielt so natürlich, dass ein kanadischer Kritiker ihn begeistert "the baby-faced Christian Friedel" nennt. "'Das weiße Band' ist ganz klassisch über ein Casting entstanden und auch wieder über einen glücklichen Zufall, dass ich nämlich kein Videoband hatte und deswegen zum Casting eingeladen wurde", erzählt Friedel. "Und das Band mit der Szene aus dem Film, was ich dann spielen musste, wurde dann Michael Haneke nach Hollywood geschickt. Der hat da gerade 'Funny Games US' geschnitten, dann hat er mich wieder eingeladen, ich musste insgesamt vier Mal hin mit ihm arbeiten. Ich habe nie geglaubt, dass das klappt."

Der junge Dorflehrer (Christian Friedel) macht zum ersten Mal alleine eine Kutschfahrt mit der keuschen Eva (Leonie Bensch).
Christian Friedel in "Das Weiße Band": Der junge Dorflehrer macht zum ersten Mal alleine eine Kutschfahrt mit der keuschen Eva (Leonie Bensch). Bildrechte: MDR/Degeto/BR/X-Filme

Warum Friedels Herz dem Theater gehört

Es klappt. Da ist Friedel gerade 30 Jahre alt und aus Hannover nach Dresden gezogen, um am Staatsschauspiel Theater zu spielen. Dass man plötzlich von ihm als Filmstar spricht, sogar in Übersee, trägt er mit Fassung – und Humor: "Sogar meine Verwandten wollten Autogramme von mir“, sagt er damals. Was folgt, sind neue Rollen. Nominierungen. Preise. Rote Teppiche. Ungewohntes Terrain für einen jungen Mann, der vom Theater kommt."

Diese Roten Teppiche, das ist für mich ein alberner Zirkus eigentlich, mit dem ich nach wie vor nichts anfangen kann.

Christian Friedel, Schauspieler

"Theater ist in der unmittelbaren und in der sofortigen Reaktion, eigentlich etwas, was ich beim Film vermisse", so der Schauspieler. "Du stehst dann vielleicht irgendwie in der Bunten oder bist mal im Fernsehen, und es wird ein Porträt über dich gemacht, aber im Theater musst du dich jeden Abend einem Publikum stellen."

Seine eigentliche Leidenschaft ist das Theater. Rollen spielen, das war schon immer Friedels Traum. Er ist noch keine 40 und hat bald 30. Bühnenjubiläum. Seit er zehn ist, spielt er Theater. "Es war für mich eigentlich nie die Frage, ich wollte mich immer künstlerisch ausdrücken", sagt Friedel. "Ich unterhalte gerne. Und wenn die Verbindung von Musik und Spiel zusammenkommt, ist das eigentlich eine ideale Verbindung. Eigentlich müsste ich zum Musical gehen, wenn es mich nicht so abschrecken würde."

Wenn man am Schluss sieht, wie glücklich die Menschen sind, ist aller Stress und alle Kraftanstrengung vergessen.

Christian Friedel, Schauspieler

Gerade spielt Friedel in Düsseldorf eine Hauptrolle bei Regie-Weltstar Robert Wilson: "Der Sandmann". Das ist quasi die Theater-Champions-League. Danach sah es anfangs nicht aus. Mehrere Schauspielschulen lehnten ihn ab. "Ich wollte dann teilweise gar nicht mehr Schauspiel studieren, nachdem ich dreimal von der Schauspielschule abgelehnt wurde, und ich dann schon so dachte: dann eben nicht. Da sagte aber ein Regisseur zu mir: Christian, bleib da dran!" Und er bleibt dran. Von 2001 bis 2004 studiert er an der Otto-Falckenberg-Schule in München Schauspiel.

Christian Friedel, 2013
Christian Friedel, 2013 Bildrechte: dpa

Kindheit in Magdeburg

Woods Of Birnam bei MDR KULTUR 24 min
Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Geboren und aufgewachsen ist Friedel in Magdeburg-Olvenstedt. Einer der Lieblingsorte des kleinen Christian war das Kino: "Einmal saß ich in der ersten Reihe und habe 'Matti, der Gänsehirt' gesehen, war aber heimlich im Kino. Das war so eine Spätvorstellung, also 17 Uhr, und ich wusste, dass ich nach Hause musste und habe die ganze Zeit immer nach links und rechts geguckt, ob meine Eltern kommen und mich schimpfend aus dem Kino reißen. Dann bin ich nach Hause gefahren mit der Straßenbahn, und sie haben wirklich schon die Polizei gerufen."

Nach Magdeburg kamen nur die Leute, die Boxer oder Leichtathleten finden wollten. Aber Kino – da musste man selbst in die Welt hinaus.

Christian Friedel, Schauspieler

Deutscher Filmpreis 2015 für Rolle als Hitler-Attentäter

Für die Rolle des Hitler-Attentäters Georg Elser wird Friedel 2015 als bester Schauspieler für den Deutschen Filmpreis nominiert. Er sei, schreibt die Jury, in jeder Nuance überzeugend. "Es war für mich auch eine Grenzerfahrung, ständig kamen Leute und fragten mich: Alles in Ordnung? Und, sollen wir dir eine Decke drunterlegen? Und ich habe gesagt: Nee, nee, alles gut. Und ich hatte dann überall am Körper blaue Flecken, aber ich wollte in dem Moment nicht, ich wollte keine Schonung. Ich wollte nicht so dieses typische 'Mach mal ein Take und dann mach Mittagspause', sondern ich wollte das durchziehen. Das war für mich so der Rolle verpflichtet."

Artur Nebe (Burghart Klaußner) Georg Elser (Christian Friedel) Heinrich Müller (Johann von Bülow) in einer Szene des Films 'Elser'.
Artur Nebe (Burghart Klaußner) Georg Elser (Christian Friedel) Heinrich Müller (Johann von Bülow) in einer Szene des Films 'Elser'. Bildrechte: Bernd Schuller/Berlinale/dpa

Für mich kam die Wende genau zur richtigen Zeit. Aber ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit noch miterlebt habe.

Christian Friedel, Schauspieler

Christian Friedel ist kein Star, der jemanden spielt. Er geht in seinen Rollen auf. In "Zuckersand" ist er ein DDR-Zöllner. "Ich musste immer, als ich Zuckersand gedreht habe, an meinen Opa denken", erzählt Friedel, "der war ja überzeugter Kommunist und hat mit mir immer lange Spaziergänge gemacht. Und dann hat mir mein Opa immer etwas von dem System erzählt. Er wollte halt an die gute Sache glauben. Aber trotzdem natürlich ist es ein System, das leider nicht funktioniert."

Nebenrolle in "Babylon Berlin"

In der preisgekrönten ARD-Serie "Babylon Berlin" spielt er einen Polizeifotografen. Friedel ist in der deutschen Film- und Serienlandschaft eine feste Größe. Mit dem Theaterspielen hat Friedel bereits als Schüler in Magdeburg angefangen: "Auf dem Schulhof stand ich immer in der Hofpause ... auf der Bank und habe die Leute unterhalten. Ich habe dann entweder Modern Talking gesungen oder Sandra, was ich da eben gerade gehört habe. Oder ich habe meine Handpuppen mitgebracht, und Puppentheater gespielt oder habe irgendwelche Geschichten erzählt und fand es immer toll, dass die Leute sich so wie eine Traube um mich herum versammelt haben und dass da so eine Reaktion kam. Und das ist eigentlich etwas, was ich genau so jetzt immer noch mache."

Schauspieler Christian Friedel
Schauspieler Christian Friedel Bildrechte: MDR/Matthias Schmidt

Friedels erste große Bühne war das damalige Maxim-Gorki-Theater in Magdeburg. Anfangs war er nur Statist. Mit zehn Jahren spielt er seine erste Sprechrolle. "1990, nach meiner ersten Premiere hier mit 'Ein Volksfeind', da habe ich den Morten gespielt, und dann hat der Bühnenturm gebrannt, kurz vor meiner zweiten Vorstellung, man sah eine Riesenrauchwolke und mein Vater erzählte mir, dass er das gerade im Radio gehört hat. Und ich hatte gerade schon den Traum, jetzt fängt meine Theaterkarriere an, und da habe ich bitterlich geweint. Dann haben sie dort vorne eine Aktion gemacht, so ein Theaterfest, wo sie Geld gesammelt haben, und da habe ich mein ganzes Taschengeld gespendet für die Errichtung des Theaters. Und jetzt sieht man, wo mein Geld hineingeflossen ist."

Friedels viel gelobter "Hamlet" in Dresden - und seine Band Woods of Birnam

Friedels Band, Woods of Birnam, hat Friedel in Dresden kennengelernt. Vorher waren Philipp Makolies, Uwe Pasora, Christian Grochau und Ludwig Bauer als Polarkreis 18 erfolgreich. Seit 2012 stehen sie regelmäßig mit Friedel auf Konzert- und Theaterbühnen. Ihre Musik zur Dresdner Hamlet-Inszenierung ist Shakespeare-Pop, der ins Ohr geht. Mehr als hundert Mal haben die Woods of Birnam damit auf der Bühne des Großen Hauses gestanden - heutzutage eine Theatersensation.

Dieser Hamlet ist für Friedel weit mehr als nur irgendeine eine Rolle: "Ich weiß noch, nach dem Tod meiner Mutter die erste Vorstellung Hamlet zu spielen, wo es ja darum ging, ein Trauerkonzert für den verstorbenen Vater zu spielen, da habe ich gar nicht mehr gespielt, sondern das war. Die Kollegen haben erzählt, das war für sie eine Vorstellung, wie sie sie noch nie erlebt haben, weil plötzlich die Realität sich mit dem, was man spielt, verbunden hat."

Als mein Vater dann gestorben ist, wurde diese Stadt (Magdeburg) plötzlich, die so voller Erinnerungen war an eine schöne Kindheit, an die Wurzeln, die man hat, plötzlich mit Schatten überzogen. Und als meine Mama jetzt dann vor viereinhalb Jahren plötzlich auch gestorben ist, ist diese Stadt noch dunkler geworden. Dieser Tod meiner Eltern hat mich so getroffen – es fühlt sich falsch an, wenn man Ende 30 ist und man hat keine Eltern mehr.

Christian Friedel, Schauspieler

Von 2009 bis 2013 gehört Friedel fest zum Ensemble des Staatsschauspiels Dresden. Danach zieht er weiter, raus in die Welt, die Leute unterhalten. Er arbeitet frei an mehreren Theatern, dreht Filme, macht Musik. Sein Lebensmittelpunkt ist Dresden, so oft es geht, kommt er in die Stadt: zum Tasche aus- und wieder einpacken. Seine Blumen gießen meistens die Nachbarn. Dresden ist für ihn trotzdem Heimat – auch, weil die Elbe ihn an seine Geburtsstadt erinnert: "Ich mag die Elbe als Magdeburger sowieso, ich brauche immer einen Fluss in der Stadt, und die Elbe ist irgendwie mein Fluss."

Schauspieler Christian Friedel als Alwa Schöning in einer Aufführung des Schauspiels Lulu
Schauspieler Christian Friedel als Alwa Schöning in einer Aufführung des Schauspiels Lulu Bildrechte: imago/Rudolf Gigler

Die Jahre am Staatsschauspiel Dresden sind für Friedel prägende, erfolgreiche Jahre. Er spielt sich durch die halbe Weltliteratur und zum Publikumsliebling der Dresdner. 2010 ehren sie ihn mit ihrem Erich-Ponto-Preis für seine "herausragenden Leistungen". Die Kritik jubelt, dieser "vielseitige, freche, großartige, zauberhafte" Schauspieler könne ganze Abende alleine tragen. Mit dem "Don Carlos" wird er zum Theatertreffen eingeladen. Und immer wieder begeistert seine so einzigartig Verbindung von Spiel und Musik.

Friedel als Regisseur am Deutschen Theater Göttingen

Seit kurzem führt Friedel Regie. Wie sagte er? Die Leute mit dem unterhalten, was man kann. Regie kann er auch. Früher hätte man einen wie ihn einen "Tausendsassa" genannt. Seine zweite Inszenierung am Deutschen Theater Göttingen ist ein selbst geschriebenes Stück mit Liedern aus Franz Schuberts "Schwanengesang".

Man muss ja ganz schnell Entscheidungen treffen, und es laufen alle Entscheidungen auf einen zurück. Für mich als Kontrollfreak ist das anstrengend, aber gleichzeitig auch totaler Spaß. Aber als Regisseur muss ich das auch aushalten, wenn es auch schiefgehen kann.

Christian Friedel, Schauspieler

Den anderen beim Spielen zusehen ist neu für Friedel. Es fällt ihm schwer. Er kann nicht anders als – mitmachen. "Ich möchte am Schluss nicht, dass da elf Christian Friedels stehen, aber ich versuche, sie durch mein Bauchgefühl dazu bringen, das zu entdecken und weiterzuführen."

Gastspiel in Dänemark: Auf den Spuren Hamlets

Schon wieder ist die Tasche gepackt. Friedel hat ein Gastspiel im dänischen Helsingoer. Davor war er drehen. Danach gehen die Proben in Göttingen weiter. Die Dreharbeiten für die dritte Staffel von "Babylon Berlin" beginnen bald. Theater spielt er in Dresden, Düsseldorf und Stuttgart. Es ist wie bei Hase und Igel: Friedel ist immer schon da. "Früher sagte man ja, das ist so ein Zigeunerberuf, die ziehen von Stadt zu Stadt", so Friedel, "damals sind, glaube ich, die Schauspieler auch, also lange war das Tradition, dass die auch von Stadt zu Stadt gezogen sind, aber mit einem Stück, mit der gleichen Truppe. Theater zu spielen an verschiedenen Orten, das ist für mich auch neu. Und in der Frequenz auch für die Kondition eine neue Herausforderung." In Helsingör, auf dem Festival "HamletScenen", werden Friedel und seine Band ihr Shakespeare-Programm "Searching for William" spielen. Es ist der Originalschauplatz der Hamlet-Tragödie. In Helsingoer, auf Schloss Kronborg, soll der historische Hamlet gelebt haben.

Schauspieler Christian Friedel
Schauspieler Christian Friedel Bildrechte: MDR/Matthias Schmidt

Es war einmal ein Junge aus Magdeburg. Der zog in die Welt, die Menschen zu unterhalten. Er spielt und singt und zieht immer weiter. Von Magdeburg bis München, von Dresden bis Düsseldorf, von Hamlet bis Hollywood. Friedels Motto: "Immer wenn du etwas Neues beginnst und so schwer es ist oder so schwer es vielleicht scheinen mag, es wird dir mehr Glück bringen, als wenn du dein ganzes Leben immer das Gleiche machst. Machen! Einfach ausprobieren und gucken! Wünsche zu verdrängen, Sachen zu verdrängen, Gefühle zu verdrängen, das ist nicht gut, und da bin ich froh, dass ich so ein Zigeunerleben hab."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 25. Oktober 2018 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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