Party in der Pandemie Die Leere im Club - Wie geht es weiter mit Konzertclubs und Discos?

Hunderte Menschen, die eng beieinander tanzen und schwitzen - das ist in der derzeitigen Lage undenkbar. Die Konzertclubs und Diskotheken sind die ersten, die Mitte März dicht machen mussten und werden wohl die letzten sein, die wieder öffnen. Was passiert jetzt mit diesen Orten?

Im Conne Island in Leipzig findet eine Benefizdisco statt
Im Conne Island in Leipzig findet eine Benefizdisco statt - live im Netz Bildrechte: MDR/Eva Morlang

Wo sonst Menschen in der Schlange stehen, Eintritt zahlen und einen Stempel auf die Hand gedrückt bekommen, lehnt jetzt nur ein Fahrrad an der Wand. Es riecht noch nach Rauch im Conne Island, aber nach Rauch von vor mehreren Wochen. Der Saal ist vollgestellt mit gestapelten Bierbänken und Podesten. Die Discokugel hängt an ihrem Platz, aber bekommt kein Licht ab. Nur ganz vorne leuchtet etwas: ein DJ-Pult, dahinter eine Leinwand, zwei Kameras, zwei Laptops. Eine Gruppe von DJs überträgt an diesem Abend eine Benefizdisco live im Netz.

Positive und emotionale Resonanz auf die Conne Island-Benefizdisco

Eine von ihnen ist Nado, die als Bookerin im Conne Island arbeitet. "Auf jeden Fall ist es was Besonderes", sagt sie zu dieser Aktion. Vor Corona sei sie drei bis vier Tage in der Woche im Conne Island gewesen, jetzt sei sie nur noch ein Mal in der Woche vor Ort, um zuzuschließen. "Deswegen fühlt sich das schon ganz gut an!"

Bellawina legt im Conne Island auf
Bellawina legt im Conne Island auf Bildrechte: MDR/Eva Morlang

Es ist das zweite Mal, dass sie vor Kameras im Island auflegen. Mit dabei ist auch eine ehrenamtliche Kollegin, die sagt: "Ich glaube, bei unserem ersten Streaming war es ein sehr erleichternder Moment, endlich mal wieder so einem Raum aufzulegen und Musik laut zu hören." Zuhause erlebe man diese Stimmung nicht, daher seien die Reaktionen am ersten Abend sehr positiv gewesen: "Komplett überschwänglich erfreut bis hin zu komplett überfordert, weil man das ewig nicht mehr hatte und gar nicht mehr wusste, wie das so geht mit diesem Feiern." Aber es geht der Gruppe nicht nur ums Feiern: Das Island ist als Soziokulturelles Zentrum viel mehr als eine Disco.

Ich glaube, für viele Menschen ist auch der aktive Austausch, den so ein Haus mit sich bringt, weggebrochen. Man hat weniger Möglichkeit, sich persönlich zu treffen, sich gerade eben über zeitpolitische Themen oder auch die Krise im Allgemeinen auszutauschen und Gedanken zu teilen - das macht den Ort hier einfach aus.

Ehrenamtliche im Conne Island
Das Conne Island in Leipzig von außen
Eingang zum Conne Island Bildrechte: MDR/Eva Morlang

Nach und nach füllt sich das Außengelände wieder mit Leben: Skateboards rollen, Basketbälle fliegen. Eine Lesekreis trifft sich per Videochat und könnte bald auch unter freiem Himmel stattfinden. Die monatliche Benefizdisco zu streamen, heißt Kontinuität für das Team wie auch das Publikum. Die Spenden gehen an diesem Abend an den Leipziger Verein Rosalinde. Solidarität mit anderen in Zeiten, in denen natürlich auch das Island selbst finanzielle Einbußen hat. Eine Grundsicherung hat das Zentrum über eine institutionelle Förderung. Für die involvierten Menschen ist die Lage aber teils prekär, zum Beispiel für Tontechniker, die im Club Kontext sowieso schon hart am Existenzminimum arbeiten. "Meiner Meinung nach braucht es eine Förderung für einen längeren Zeitraum", meint Nado.

Mit Hygiene-Auflagen kann das UT Connewitz ein Viertel der Sitzplätze nutzen

Im UT Connewitz, wenige hundert Meter weiter, sieht man erst mal gar nichts, wenn man rein kommt. Es ist stockduster und kühl im Flur. Als Sebastian Gebeler das Arbeitslicht anschaltet, erstrahlt die säulenartige Umrahmung der einstigen Kinoleinwand in ungewohnten Farben. In diesem nüchternen Licht bekommt das Publikum den Saal sonst nie zu sehen. Auf einigen Sitzlehnen klebt pinkes Tape, übrig geblieben vom Test, wie viele Menschen mit den aktuellen Auflagen in den Saal passen würde: 27 sagt Gebeler, ein Viertel der normalen Sitzplätze.

Im Büro haben die Vereinsmitglieder und Mitarbeiter nach wie vor viel zu tun:

Am Anfang war es so, dass Veranstaltungen quasi in den Herbst verschoben wurden. Jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir ins Frühjahr verschieben. Das ist viel Unsicherheit, gerade was die Planung angeht, und das ist immer in Bewegung.

Sebastian Gebeler, Booker UT Connewitz

Auch das UT hat seit diesem Jahr eine institutionelle Förderung, dennoch fehlen die Einnahmen, die in den letzten Monaten weggebrochen sind. Um das abzufedern, hat der Verein eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Live-Streams aus dem UT gibt es bisher nicht - eine bewusste Entscheidung, sagt Gebeler: "Was in der Leipziger Szene passiert ist ein gutes Angebot, und auch deutschlandweit und international passiert da viel Aufregendes. Wir haben jetzt gar nicht das Gefühl gehabt, da noch wirklich wesentlich Neues beitragen zu können und überlegen jetzt eher, wie wir auch das Live-Event retten können. Weil das ist, glaub ich schon, eine Sache, die jetzt in diesen Streams gar nicht transportiert werden kann." Sie überlegen etwa, für künftige Konzerte eine Bühnenbilderin einzubinden, die den Saal mit den Hygieneregelungen kreativ inszeniert.

UT Connewitz in Leipzig von innen
Das leere UT Connewitz Bildrechte: MDR/Eva Morlang

Wer rettet die Musik? Die Zukunftswerkstatt bei MDR KULTUR Wie und unter welchen Auflagen bald wieder Live-Konzerte an Orten wie dem UT Connewitz und dem Conne Island möglich sind, das ist auch Thema in der zweiten Zukunftswerkstatt von MDR KULTUR am 2. Juni, 18:00 Uhr. Nach der Ausgabe zur Theaterszene geht es in diesem zweiten Talk um die Zukunft von Musikclubs, Festivals und Konzertveranstaltern.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2020 | 16:10 Uhr