"Perspektiven" Leipziger Ballett improvisiert im Netz über Corona-Zeit

Balletttänzerin und Balletttänzer auf der Bühne in zwei Glaskästen.
Szene aus der kommenden Ballettproduktion "Solitude" Bildrechte: Oper Leipzig

Die Oper Leipzig und das Leipziger Ballett haben am Donnerstag den Tanzfilm "Perspektiven" auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlicht. Der Film zeigt mehrere Improvisationen der Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles. Bei den meisten Miniaturen handelt es sich um Soli, es wird aber auch ein Duett, ein Trio und eine Ensemblechoreografie gezeigt.

Wie werden wir uns fühlen?

In den Improvisationen setzen sich die Ensemble-Mitglieder zum einen mit den jüngsten Choreografien der Compagnie auseinander, zum anderen reflektieren sie über die Zeit von Corona, Isolation und Ansteckung. "Für unsere Arbeit ist es notwendig, dass wir gemeinsam agieren, dass wir kommunizieren. Das ist uns in den vergangenen Wochen komplett weggebrochen", erinnert sich Chef-Choreograf Mario Schröder. In der Einführung zum Tanzfilm erklärt der Leiter des Balletts: "Es geht um die Frage, wie wir uns vielleicht zukünftig fühlen werden. Ich finde es toll, was dabei herausgekommen ist: Die Tänzer wurden in eine Episodenhaftigkeit hineingetrieben, um so etwas wie 'Flashs' herzustellen, die sehr stark mit Eigenkommunikation zu tun haben, aber auch von dem großen Wunsch handeln, mit anderen zu reden und Fragen stellen zu dürfen."

Unruhe und Sehnsucht

Die Miniaturen sind schlicht gefilmt und konzentrieren sich ganz auf die sich bewegenden Körper: Ein Lichtkreis zeichnet sich auf der Bühne des Leipziger Opernhauses ab. In diesem Rund tanzen die Mitglieder des Ballett-Ensembles ihre Soli und spielen immer wieder mit dieser gut sichtbaren, aber kaum spürbaren Grenze: Jeanne Baudrier springt in den Schatten, sodass nur noch ihre Hand beleuchtet wird. Ronan dos Santos Clemente rollt entlang der Trennlinie von Hell und Dunkel auf dem Boden entlang. Es geht in den Tanz-Miniaturen eindeutig um die Erfahrungen des Eingesperrtseins.

Eine Balletttänzerin anmutig auf der Bühne.
Fang Yi Liu in der "Uwe Scholz Gala" in Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig

Es gibt keinen Auftritt, keinen Abgang in diesem Film – die Tänzerinnen und Tänzer wechseln mithilfe von Überblendungen. Wie alle anderen trägt Ronan dos Santos Clemente ein langärmliges, bläuliches Shirt, das bis zu den Oberschenkeln reicht. Er steht inmitten des Kreises und dreht sich zur Musik Bachs mit kleinen Hüpfern um die eigenen Achse, dann noch mal schneller mit fliegenden Armen. Auf allen Vieren mit raschen, exaltierten Begegnungen huscht er immer wieder zu den Rändern des Lichtkegels. Die Unruhe wird sichtbar, die ihn in der Einsamkeit ergriffen hatte. Francesco Barbuto, Vincenzo Timpa und Vivian Wang schieben sich langsam von außen in den Lichtkreis, bis sie in der Mitte angekommen sind. Dort winden sie sich um- und reiben sich aneinander – der Wunsch nach körperlicher Nähe ist spürbar. Mit vorsichtigen Schritten bewegt sich Fang Yi Liu durch den Kreis und schreckt immer wieder von den Lichträndern zurück. Mit eleganten Wellenbewegungen geht sie zu Boden und fährt mit der ausgestreckten Hand den Boden ab. Sie scheint sich eingezwängt und beengt zu fühlen.

Gemeinsame Körpersprache

Dass die Tänzerinnen und Tänzer in der gleichen Compagnie tanzen, ist erkennbar und so verbinden sich die Miniaturen in vielen Details: Das Zittern, das bei vielen durch den Körper geht, die wellenartigen Bewegungen, das Abtasten des Bodens und der Gegensatz zwischen einem durchgestreckten Rücken mit in die Weite gereckten Armen und einem Zusammenkauern. In allen Szenen werden die Tänzer durch Doppelbelichtung verdoppelt. So scheinen sie mit sich selbst oder einem Traum-Ich in einen Austausch zu treten, aber das Zuschauen wird dadurch nicht immer leicht. Zum Schluss treten sie noch mal zusammen aus: Zu Beginn hat jeder seinen eigenen Bildausschnitt, in dem sie ihre Bewegungen wiederholen. Dann stehen sie gemeinsam auf der Bühne und wiederholen die Sequenz zur Musik von Henryk Gorecki bis sich der Vorhang senkt.

Drei Ballettpaare führen synchron eine Ballettfigur auf der Bühne des Leipziger Balletts aus.
Szene aus der "Uwe Scholz Gala" des Leipziger Balletts Bildrechte: Oper Leipzig

Der gut 30-minütige Film "Perspektiven" bildet den vorläufigen und sehr gelungenen Abschluss des Online-Angebots des Leipziger Balletts. Während des Lockdowns zeigte die Compagnie auf ihren Kanälen kurze Ausschnitte aus älteren sowie aktuellen Choreografien und stellten die Ensemblemitglieder in Porträts vor. In den vergangen zwei Wochen folgten dann längere Mitschnitte von Choreografien in der Reihe "Sommerkino", die nun von den Ensembles der Oper und der musikalischen Komödie fortgesetzt wird.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Juli 2020 | 10:30 Uhr