Porträt Lorenz Just: Hallenser Autor schreibt über Islam und die Wende

Er ist einer der jungen und kritischen Schriftsteller unserer Zeit. Lorenz Just wurde in Halle geboren und hat das Deutsche Literaturinstitut Leipzig besucht. 2014 nahm er mit seiner Erzählung "Kurz vor Schluss" beim MDR-Literaturwettbewerb. Nach vielen Auslandsreisen in den Nahen und Mittleren Osten hat Lorenz Just vor allem mit spektakulären Kurzgeschichten auf sich aufmerksam gemacht. Nun ist sein erster Roman "Am Rand der Dächer" erschienen.

Lorenz Just
Der Autor Lorenz Just Bildrechte: Robert Sievert/Dumont.

Wenn man dieser Tage die Belletristik Neuerscheinungen bei Dumont sichtet, so fällt der Blick schnell auf den Namen Lorenz Just und dessen neuen Romandebüt. "Am Rand der Dächer" ist jedoch nicht die erste Publikation des in Berlin lebenden Schriftstellers beim Kölner Verlag. Bereits 2017 wurde dort "Der böse Mensch" veröffentlicht – ein Erzählband mit introspektiven Geschichten über verschiedene Figuren, die in ganz unterschiedlicher Weise ins Dunkle, ja ins Verborgene abtauchen. Beim Nachspüren dessen, was das menschliche Böse ausmachen kann, offenbaren sich unterschiedliche Charaktere und deren abgründige Gedanken, Wünsche und Taten. Dabei wirkt das Böse unter der Oberfläche als Metasubstanz mal aktiv, mal eher peripher. So erfahren wir zum Beispiel etwas über die Tagträume eines geflüchteten Massenmörders, die antisemitischen Hassgedanken einer Bibliothekarin oder die manischen Akte eines Ehepaares, die ihrem eigenen abgetriebenen toten Kind einen Bittbrief ins Jenseits schreiben.

Buchcover von Lorenz Just
Der Erzählungsband "Der böse Mensch" Bildrechte: Verlag Dumont.

Wichtige Leseerfahrungen

Nun also hat Lorenz Just seinen ersten Roman vorgelegt, an dem er insgesamt vier Jahre gearbeitet hat. Die Faszination für die Literatur und das Schreiben begann schon in frühen Kindheitstagen. Er erinnert sich "Die vierzig Tage des Musa Dagh", in denen Franz Werfel vom Genozid an den Armeniern in der späteren Türkei berichtet. "Das hat mich bis in meine Träume erfüllt, nachdem ich es bis spät in die Nacht gelesen habe". Auch Bram Strokers "Dracula" sei eine unglaublich spannende Lektüre gewesen: "Für die letzten Seiten dieses Buches habe ich mich dann versteckt, damit mich niemand aus der Spannung und aus der Fiktion herausreißt." Wichtige Vorbilder für den jungen, angehenden Schrifsteller waren Max Frisch, Samuel Beckett, Marguerite Duras.

Reisen in den Nahen Osten

Nach dem Abitur in Berlin studiert Lorenz Just Islamwissenschaften an der halleschen Martin-Luther Universität. Dabei lernte er die Länder des Nahen und Mittleren Ostens kennen: Ägypten, Tunesien, Marokko, Iran und Syrien. Die Erinnerungen an seine erste Reise beginnen 2006, als er in den Jemen reist, dass "sicherlich das Fremdeste ist, was man kriegen kann". Im Gespräch beschreibt er, dass die Männer dort Maschinengewehre wie Handtaschen getragen haben: "Das ist ein Statussymbol, das gehört einfach dazu." Nach seiner Abreise begannen dann auch Unruhen. Bei seiner Reise habe er sich jedoch immer sehr sicher gefühlt: "Es ist viel Militärpräsenz auf den Straßen in solchen Diktaturen. Die schaffen unter Umständen auch ein Gefühl von Sicherheit, weil die Staatsmacht ständig präsent ist."

Beirut: Ein Menschen stehen vor einem Gebäude im Hafen, das durch eine Explosion zerstört wurde. Nach den verheerenden Explosionen in Beirut mit mindestens 130 Toten ist Frankreichs Staatschef Macron in der libanesischen Hauptstadt eingetroffen, um die Solidarität Frankreichs gegenüber den Libanesen ausdrücken.
Beirut nach der Explosion im Hafen Bildrechte: dpa

Dieses Gefühl von Sicherheit wirkt in der Konfrontation mit den derzeitigen Bildern urbaner Kraterlandschaften in Beirut wie eine Fata Morgana, eine Wahrnehmungstäuschung. Verwüstete Hafenviertel, eingerissene Hochhäuser sowie skeletthafte Industrie- und Wohnanlagen mit verletzten oder getöteten Menschen sprechen eine andere Sprache. Bereits 2008 ist Beirut eine Stadt der Gegensätze.  "Als ich dort war, jährte sich das Attentat auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq al Hariri. Da gab es riesige Demonstrationen und da wurde viel geschossen. Ich glaube, da gab es auch schon Clashes, wie das immer hieß." Erneut ereignete sich der große Zwischenfall nach der Abreise von Lorenz Just. Diesmal besetzte die schiitische Miliz der Hisbollah den Flughafen. "Diese jüngste Explosion im Hafen wird vor allem als absolutes staatliches Versagen gedeutet. Das gibt den Demonstrierenden Aufwind. Wir werden sehen, wie die machthabenden politischen Eliten damit umgehen, wenn ihnen die Macht genommen werden soll", analysiert Just die aktuelle Lage.

Blick in die Vergangenheit

Die Erfahrungen und Eindrücke der verschiedenen Reisen fließen in das literarische Schaffen ein. 2015 erscheint das Buch "Mohammed. Das unbekannte Leben des Propheten". In diesem wagt der Autor den Versuch, eine Geschichte über die Entstehung des Islam und dessen Gründer zu schreiben, die jedoch frei von politischen, ja dogmatischen Schwerpunkten sein soll. Lorenz Justs neuer Roman "Am Rand der Dächer" nun ist die Erfüllung eines schon lange bestehenden Wunsches, sich über das Schreiben der Themata Kindheit und Jugend anzunähern. "Ich glaube ich wollte das schon immer machen, und irgendwann war die Zeit reif dafür", erzählt der Autor. "Ich hätte gedacht, dass ich es immer schade fand, dass meine Eltern keine Bücher geschrieben haben, weil sie eben wenig erzählen von früher und ich gerne wissen würde, wie sie aufgewachsen sind – ein bisschen detaillierter, als man sich das mündlich erzählt."

"Am Rand der Dächer"

Im Mittelpunkt des Buches steht der achtjährige Andrej, der mit seinem Freund Simon die ruinösen Altbauviertel im Berlin der 80er- und 90er-Jahre erkundet. Dabei wird der Stadtraum zwischen Oranienburger und kleiner Hamburger Straße zum Spiegel eines Traumlandes. In diesem erkundet Andrej alte Hinterhöfe, Spielplätze und besetzte Häuser, führt Guerillakämpfe mit Softair-Waffen oder bricht in geheimnisvolle Dachgeschosswohnungen ein. Dazu erscheinen dann elementare Jugendszenen. In diesen versucht das lyrische Ich mit vorpubertärer Energie nach allen Mitteln der Kunst irgendwie cool, irgendwie anders zu sein, eben nur nicht mehr jungenhaft. Dabei ist gerade das Spielen mit Grenzüberschreitungen ein wunderbarerer Bestandteil des beginnenden Endes der Kindheit. Zum Glück versteht man das zu diesem Zeitpunkt noch nicht so genau. Man ahnt es im besten Fall: beim Schule schwänzen, Zigaretten rauchen, Streetball spielen, beim Skateboard fahren oder Hiphop hören. Nicht zuletzt vergisst man das alles spätestens dann wieder, wenn die erste Liebe alle Sinne erfasst.

Für mich ist er ein Erzähler, mit dem ich mir die Zeit wieder vergegenwärtigt habe. Seine Wahrnehmungsmuster ähneln vielleicht meinen. Das ist ein bisschen sein Problem: Er nimmt viel wahr, aber er reflektiert es zeitlich versetzt. Das verbindet uns vielleicht. 

Andrejs Geschichte ist durch die Patina einer besonderen Zeit gefärbt. Die Implementierung der Romanhandlung in die Phase der antagonistischen Wendejahre zeugt von einzigartigen instabilen Konturen der Vergänglichkeit. Dabei ist Berlin mit seiner maroden Bausubstanz und Kargheit nicht nur ein Ort persönlicher Kindheitserinnerungen. Die Stadt symbolisiert in ihrem Wandel vielmehr noch den Nukleus eines politischen Verfalls-Prozesses, an dessen Ende ein ganzes Gesellschaftssystem kollabiert ist.

Literarisch gesehen wird Lorenz Just weiteres Neuland schaffen. Neben der Fertigstellung eines neuen Theaterstücks möchte er im Herbst wieder mit dem Schreiben von Prosa beginnen. Spätestens dann also, wenn er mit seinem Debüt auf Lesereise sein wird. 

Mehr zum Buch Lorenz Just: "Am Rand der Dächer"
Verlag Dumont, 272 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-8321-8111-6

Literatur aus Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. September 2020 | 18:05 Uhr