Gregor Gysi
Gregor Gysi soll am 9. Oktober 2019 in Leipzig zum Gedenken an die Friedliche Revolution 1989 eine Rede halten. Das ist umstritten. Bildrechte: dpa

Gedenken am 9. Oktober in Leipzig Warum es bei der Gysi-Debatte gar nicht um Gysi geht

In Leipzig gibt es im Moment großen Wirbel um einen geplanten Auftritt von Gregor Gysi. Ausgerechnet der letzte SED-Chef soll bei einer Veranstaltung zum Gedenken an die Friedliche Revolution am 9. Oktober sprechen. Das stößt vielen Menschen – darunter zahlreichen Bürgerrechtlern – sauer auf. Dabei geht es gar nicht nur um Gysi.

von Thyra Veyder-Malberg, MDR KULTUR

Gregor Gysi
Gregor Gysi soll am 9. Oktober 2019 in Leipzig zum Gedenken an die Friedliche Revolution 1989 eine Rede halten. Das ist umstritten. Bildrechte: dpa

Es geht eigentlich gar nicht um Gregor Gysi. Dessen Auftritt am 9. Oktober bei einer Veranstaltung der Philharmonie Leipzig ist nur der aktuelle Auslöser einer Debatte, die schon lange geführt wird. "Es geht nicht um die Frage: darf Herr Gysi öffentlich auftreten? Das darf er natürlich und er soll auch auftreten. Hier geht es um die Frage: Wie wollen wir unsere Erinnerungskultur um die friedliche Revolution gestalten? Was ist uns wichtig, an Botschaft weiter zu transportieren?", sagt der Bürgerrechtler Michael Turek, der 1989 Pfarrer an der Nikolaikirche war. Und er schildert, welche Botschaft er am 9. Oktober vermitteln will, von dem Tag, an dem vor 30 Jahren in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße gingen, um gegen die Zustände in der DDR zu protestieren: "Dass uns die Demokratie und Menschenrechte nicht in den Schoß gefallen sind, [...] sondern dass sich eine ganze Reihe von Menschen aufgemacht haben, um dafür zu kämpfen."

Und um an diesem Tag diese Botschaft zu vermitteln, sei Gregor Gysi, seines Zeichens letzter Vorsitzender der SED, nun einmal ein denkbar ungeeigneter Kandidat, findet Turek. Daher hat auch er den offenen Brief mit unterzeichnet, mit dem zahlreiche Bürger und Bürgerrechtler derzeit gegen den Auftritt Gysis protestieren. Der Verein Philharmonie Leipzig e.V. hält dagegen an seiner Einladung an Gysi fest – und verweist in einer Pressemeldung auf die Vielfalt der Sichtweisen auf die friedliche Revolution.

Historiker sieht Gysis Auftritt unproblematisch

Der Historiker Hanno Hochmuth vom Leibnitz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam sieht in der Debatte einige klassische Muster der erinnerungspolitischen Diskussion: "Auf der einen Seite stehen die Bürgerrechtler, die einen starken Wert darauf legen, was ihr eigener Anteil an der friedlichen Revolution gewesen ist. Bürgerrechtler, die die Rolle der SED und auch der reformorientierten Reformer praktisch um Gregor Gysi sehr kritisch betrachten. Und auf der anderen Seite ist da aber auch eine Gesellschaft, die sich in einem ganz starken Maße verändert hat gegenüber der unmittelbaren Nachwendezeit. Wo die PDS, die spätere Linkspartei auch einen Anteil hatte, am Transformationsprozess, einen Anteil hatte daran, dass die alten gesellschaftlichen Eliten in die freiheitlich-demokratische Grundordnung überführt worden sind."

Daher hält der Historiker Gysi als Redner zum 9. Oktober für unproblematisch, auch wenn er – genau wie Turek – findet, dass es hier nicht um Personen gehen sollte. Die Idee einer einheitlichen Botschaft zum Gedenken an die friedliche Revolution, sieht er indes kritisch. Die demokratische Gesellschaft müsse offen sein, müsse den Streit aushalten.

Genau dafür sind die Bürgerrechtler 1989 selbst auf die Straße gegangen – dass es eben nicht das eine Narrativ, das eine Geschichtsbild gibt, sondern sie sind eigentlich für Pluralität, für Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. Das heißt Diskussionen, wie wir sie führen über den Einschluss oder Ausschluss von Personen oder ein richtiges Gedenken oder ein falsches Gedenken, die führen eigentlich an den Zielen vorbei, die damals erreicht worden sind.

Hanno Hochmuth, Historiker

Bei Erinnerung sollte auch über Enttäuschungen gesprochen werden

Nun wollen auch die Bürgerrechtler keine Debatte verhindern, ganz im Gegenteil, sie halten die Debatte für wichtig, betont Bürgerrechtler Turek. Zumal auch er weiß, dass Zeitzeugen sehr unterschiedliche Perspektiven haben können. Nicht umsonst sei die Frage 'wie sollte der 9. Oktober hier in Leipzig begangen werden' eine hochspannungsreiche und wurde von den Medien oft aufgegriffen. Sie sei auch notwendig, so Turek. "Ich finde nur, es ist hilfreich, das nicht an Personen festzumachen, sondern das als Sachfrage zu verstehen."

Der Historiker Hochmuth plädiert indes dafür, die Debatte weiter aufzuspannen, und auch über die Enttäuschungen nach der Wiedervereinigung zu sprechen. "Was haben 30 Jahre deutsche Einheit, was hat die Aufarbeitung der SED-Diktatur gebracht und was haben wir eigentlich an Lehren daraus gezogen für die Stabilität unserer Demokratie?" Es ist eine komplizierte Debatte zwischen Geschichtsschreibung und Erinnerungspolitik, die hier geführt werden muss – und zwar nicht nur von Zeitzeugen und Historikern, sondern von der gesamten Gesellschaft. Nur eines ist sicher: Es geht nicht um Gregor Gysi.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Juli 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2019, 13:28 Uhr

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