Ehemalige Baumwollspinnerei in Leipzig. Backsteingebäudekomplex. Parkende Autos und ehemalige Gleise.
Blick in das Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Debatte um Politik und Kunst Absage der Jahresausstellung: Welches Signal sendet die Leipziger Kunstszene?

Ein Kulturkampf um die Meinungs-und Kunstfreiheit ist in Leipzig entbrannt. Die von einem Verein organisierte Jahresausstellung liefert seit mehr als 25 Jahren einen Überblick über die aktuelle Szene. Doch nun ist eine politisch aufgeladene Debatte um die Teilnahme des AfD-nahen Künstlers Axel Krause entbrannt, die letztlich zur Absage der ganzen Veranstaltung führte.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Ehemalige Baumwollspinnerei in Leipzig. Backsteingebäudekomplex. Parkende Autos und ehemalige Gleise.
Blick in das Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

"Gerade diese Ausstellung ist für mich eine sehr wichtige und geliebte Ausstellung, weil sie eben verschiedene Positionen zusammenbringt, verschiedenste künstlerische Auffassungen", sagt die Leipziger Malerin Yvette Kießling. "Nun wird das Ganze nicht mehr stattfinden – mich schmerzt das sehr. Und es macht mir eben auch gesellschaftlich Angst, dass diese Möglichkeit des Austausches so nicht mehr gegeben sein wird." Die Leipziger Malerin Yvette Kießling ist eine von über 30 Künstlerinnen und Künstlern, die bei der 26. Leipziger Jahresausstellung dabei sein sollte. Doch nun hat der Vorstand die Schau abgesagt.

Wie es zur Debatte kam

Auslöser ist ein Streit um den AfD-nahen Künstler Axel Krause, dessen durchaus qualitätvolle Malerei von niemandem in Frage gestellt wird, wohl aber seine AfD-nahen Aktivitäten und seine Pöbeleien im Internet. Wegen des politischen Engagements trennte sich die Galerie Kleindienst auf dem Gelände der Baumwollspinnerei 2018 von Axel Krause. Nun sollte der Maler im Rahmen der Jahresausstellung in die Baumwollspinnerei zurückkehren, was den Unmut einiger, ansässiger Galerien erregte, darunter auch die ASPN-Galeristin Arne Linde sowie Galerist Jochen Hempel. Er räumte inzwischen ein, dem Vorstand der Jahresausstellung sowohl den Rücktritt als auch die Absage der Schau nahe gelegt zu haben.

Im Vorfeld verfassten zudem zehn Künstler der Jahresausstellung einen anonymen Brief, in dem sie den Vorstand in Bezug auf die Position Krauses unter Druck setzten. Schließlich meldeten sich gar Aktivisten aus Berlin, etwa das "Forum für demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst" – eine Institution, die bei der linksaktivistischen Antonio-Amadeo-Stiftung angesiedelt ist. Einer der Mitbegründer des Forums, Fabian Bechtle, formuliert: "Ich glaube, das ist auch ein bisschen das Problem mit der Meinungsfreiheit. Es gehört zur Meinungsfreiheit, nicht nur die gesamte Pluralität abzubilden, sondern es gehört auch dazu, mal zu sagen 'Das wollen wir nicht!', weil das etwas ist, was die Meinungsfreiheit in der Konsequenz gefährdet – und das ist der springende Punkt. Und das ist etwas, was der Verein nicht richtig versteht und worauf wir ihn gerne hinweisen wollen."

Absage aus Angst, in rechte Ecke gestellt zu werden?

Der Vorstand der Jahresausstellung dagegen berief sich darauf, dass die AfD eine demokratisch gewählte Partei ist als auch auf das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit, beugte sich aber am Wochenende dem Druck, lud Axel Krause aus, trat zurück und sagte die Ausstellung ab, auch aus Angst vor Ausschreitungen bei der Vernissage. Rainer Schade, zurückgetretener Vorsitzender der Jahresausstellung, will das Feuer nicht weiter schüren und verliest nur eine Presseerklärung. Darin heißt es: "Der komplett ehrenamtlich arbeitende Verein sieht sich nicht in der Lage, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten, zudem ist Vereinsmitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die insbesondere in den letzten beiden Tagen stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten."

Das eigentliche Signal, das der Leipziger Kunst-Kosmos jedoch dieser Tage aussendet, scheint die Angst zu sein, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Allein schon durch  Meinungen, die auf das Recht auf Meinungsfreiheit pochen. Das darf nicht sein, sagt Sabine Elsner, lange Jahre im Vorstand der Leipziger Jahresausstellung e. V.. Sie plädiert für einen Ausschluss von Axel Krause, jedoch dafür, die Schau stattfinden zu lassen

Es ist furchtbar, wie auch der Verein 'Leipziger Jahresausstellung e. V.' Spielball wurde von unterschiedlichen politischen Ansichten und wie die Stimmung aufgeheizt ist – unter diesen Umständen ist es natürlich schwierig, eine Ausstellung zu machen, vor allem, wenn sich auch Angst breit macht.

Sabine Elsner, éhem. Vorstand der Leipziger Jahresausstellung e. V.

Geht es noch um die Kunst?

Entsetzt über die politischen Auseinandersetzungen in der Kunstwelt ist die Leipziger Künstlerin Nicole Kegel, die ebenfalls an der Schau teilnehmen sollte. Die Malerin wird von keiner Galerie der Baumwollspinnerei vertreten und sah die Ausstellung als Chance, ihre Kunst zu präsentieren.

Ich habe momentan das Gefühl, dass es derzeit nach dem Motto geht 'Wer nicht für uns ist, ist gegen uns' und damit kann man keine Demokratie am Laufen halten. Leider geht es auch gar nicht um die Kunst, kein einziger hat über die Qualität der Kunstwerke gesprochen.

Nicole Kegel, Leipziger Künstlerin

Der Eklat um die diesjährige Leipziger Jahresausstellung zeigt, dass die aufgeheizte politische Lage im Land immer mehr auf vermeintlich geschützte Räume übergreift – auch auf den 'Raum der Kunst'. Legitime Meinungsverschiedenheiten eskalieren und werden mit Angst besetzt. Und so besteht die Gefahr, dass die Meinungs-und Kunstfreiheit auf der Strecke bleibt. Das zeigt sich schon allein in der Weigerung vieler Künstler und Galeristen, mit MDR KULTUR über den Vorfall zu sprechen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2019, 08:54 Uhr

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