Gedenken an die Friedliche Revolution Leipziger Einheitsdenkmal: Das Ringen beginnt von vorn

Die Stadt Leipzig wagt einen neuen Anlauf für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal. Dort, wo am 9. Oktober 1989, 70.000 mutige Bürger*innen am "Tag der Entscheidung" den Sieg der Friedlichen Revolution erreichten. Vor zehn Jahren gab es schon einmal Pläne und danach ungeliebte Entwürfe – am Ende wurde alles gecancelt. Jetzt aber heißt es: Auf ein Neues. Ein Bürger*Innen-Rat und ein Expert*Innenrat wurden einberufen und es wird einen neuen Wettbewerb geben. Leipziger*Innen können sich ab sofort mit eigenen Wünschen und Vorstellungen einbringen.

 S-Bahn Station am Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig
Bildrechte: dpa

Déja-vu am Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz. Hier also soll jetzt doch ein Freiheitsdenkmal hin. Als der Bundestag vor 15 Jahren ein Einheitsdenkmal für Berlin beschloss, bekamen die dafür ja doch irgendwie verdienstvollen Leipzigerinnen und Leipziger die Zusage: ja, ihr auch. Aber dann passte es wohl doch nicht so richtig.

Das ist ja in Berlin beschlossen worden. Und die Leipziger beschließen ihre Art zu gedenken lieber selbst.

Bernd-Lutz Lange, Kabarettist und Autor

Das Denkmal dafür sollte alles schaffen: den Mut würdigen und den Tag erinnern, Freiheit und Einheit feiern und die Demokratie preisen. Die beiden ersten Plätze des ersten Wettbewerbs kamen nicht gut an, die Lokalpresse machte Stimmung für den dritten. Der Versuch der Stadt, das unpopuläre Ergebnis mit neuen Auflagen zu drehen, endete als Niederlage vor Gericht. Genug der Querelen, befand der Oberbürgermeister Burkhard Jung, zumal Wahlen anstanden: "Ich weiß nicht, ob Sie mir das glauben, es ging mir nicht um die Wahl. Es ging darum: Denkmäler sind immer sperrig und da gibt's Diskussionen, da gibt's Dafür und Dagegen. Aber hier war so eine große Gegenwehr, bis in den Stadtrat hinein. Dann lieber zu sagen: So, jetzt machen wir einen Cut und setzen noch mal neu an, das war, glaube ich, richtig. Dazu stehe ich, ja."

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) lächelt in die Kamera, er trägt einen blauen Anzug mit weißem Hemd.
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) setzte den Querelen um das Denkmal ein Ende. Bildrechte: SPD Leipzig

Ehemalige Entwürfe für Einheitsdenkmäler in Leipzig und Berlin

Entwurf Einheitsdenkmal 70.000
Entwurf Einheitsdenkmal "70.000 bewegliche Würfel" Bildrechte: Stadt Leipzig
Entwurf Einheitsdenkmal 70.000
Entwurf Einheitsdenkmal "70.000 bewegliche Würfel" Bildrechte: Stadt Leipzig
Entwurf Einheitsdenkmal "Eine Stiftung an die Zukunft"
Entwurf Einheitsdenkmal "Eine Stiftung an die Zukunft" Bildrechte: Stadt Leipzig
Entwurf Einheitsdenkmal "Keine Gewalt -Herbstgarten"
Entwurf Einheitsdenkmal "Keine Gewalt -Herbstgarten" Bildrechte: Stadt Leipzig
Freiheits-und Einheitsdenkmal Deutschlands - Entwurf von Milla und Partner mit Sasha Waltz
Das Freiheits-und Einheitsdenkmal Deutschlands für Berlin wird bereits gebaut (Entwurf von Milla und Partner). Die Wippe soll zum 3. Oktober 2022 fertig werden und in der Nähe des Humboldt-Forums stehen. Bildrechte: IMAGO / Eventpress
Die Haltestelle des Citytunnels am Wilhelm Leuschner Platz in Leipzig mit Deutscher Bank.
Das neue Denkmal soll auf den Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig, dabei hat er kaum einen Bezug zu den Vorgängen von 1989. Bildrechte: imago/Christian Grube
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Wohin mit dem Leipziger Einheitsdenkmal? Bürger*innen sollen mitentscheiden

Für den neuen Anlauf hat die Stadt die Stiftung Friedliche Revolution beauftragt, eine Adresse mit Vertrauensvorschuss. Bürger*Innen- und Expert*Innen-Räte geben Empfehlungen, und wieder sind alle Bürger eingeladen. Gesine Oltmanns von der Stiftung Friedliche Revolution sagt: "Das ist eine Chance, deshalb diese Werkstatt hier, in die man auch einfach reinkommen kann. Wir wollen ein Raum für Dialog sein, also für das, was das Denkmal als Botschaft entwickelt, und das möchten wir gern einsammeln. Wir möchten möglichst viele Kommentare haben auf unserer Homepage, wir wollen auch noch bundesweit agieren."

Was hat der Wilhelm-Leuschner-Platz mit der Friedlichen Revolution zu tun?

Sechseinhalb Millionen Euro von Bund und Land sollten beim ersten Versuch auch die brache Fläche des Wilhelm-Leuschner-Platzes gestalten. Die Umbenennung in "Platz der Friedlichen Revolution" wurde nach Abbruch der Pläne wieder kassiert, nur die S-Bahn wäre für die künftige Um-Um-Benennung schon vorbereitet. Die Kritik ist bekannt: Es ist der falsche Platz.

"Das ist wirklich eine Bizarrerie", sagt Arnold Bartetzky, Kunsthistoriker und Architekturkritiker: "Das ist einer der wenigen Orte am Leipziger Ring, die mit der Friedlichen Revolution so gut wie gar nichts zu tun haben." Und weiter: "Ich finde, dass der Beiname 'Platz der Friedlichen Revolution' schon etwas von einer Desinformationskampagne hat."

Arnold Bartetzky trägt eine Brille und ein schwarzes T-Shirt und lächelt.
Kunsthistoriker und Architekturkritiker Arnold Bartetzky Bildrechte: © MDR/Bartetzky

Das ist an Absurdität nicht zu überbieten. Ich komme also dort als Tourist an: Aha, hier haben sich also damals die Menschen getroffen zur Demonstration, fragen die einen Leipziger: Nee, das war nicht hier, das war da vorne, auf dem Karl-Marx-Platz, der jetzt Augustusplatz … Verwirrender geht's nicht.

Bernd-Lutz Lange, Kabarettist und Autor

Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange. Er hat graues Haar, trägt Brille und Anzug.
Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange Bildrechte: dpa

Erinnert Leipzig ausreichend an die Friedlichen Revolution?

Weiteres Hauptargument: Dort, wo bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche alles begann, steht mit der Säule – aus der Kirche hinausgetreten – ein akzeptiertes Denkmal. Es gibt eine Lichtinstallation (derzeit defekt) und einen Brunnen als Metapher für das Fass, das überläuft – für die Massen, die vom Nikolaikirchhof auf den Ring zogen. "Authentischer und besser als das, was da auf dem Nikolaikirchhof passiert, kann ich mir kaum etwas vorstellen", sagt Bernd-Lutz Lange.

Dann gibt es ja auch noch das hintersinnige goldene Ei für Revolution und Demokratie auf dem Augustusplatz. An etlichen Stationen vom Herbst '89 stehen außerdem Foto-Stelen und informieren Besucher der Stadt. Es ist also nicht unbedingt so, dass da ein Erinnerungs-Manko bestünde, das mit einem Denkmal behoben werden muss.

Denkmal in Form einer Säule auf dem Platz vor der Nikolaikirche in Leipzig.
Die Säule vor der Nikolaikirche Leipzig ist als Denkmal akzeptiert. Bildrechte: Olaf Parusel/MDR

Ein Denkmal für die Freiheit ist auch heute aktuell

Doch wenn Berlin demnächst ein solches Denkmal hat, MUSS nicht Leipzig mithalten? Und ist die Freiheit nicht wieder akut bedroht? Es ist scheinbar noch reichlich Überzeugungsarbeit zu leisten. Der Oberbürgermeister musste sogar im Stadtrat, nennen wir es mal: dringend um passendes Abstimmungsverhalten bitten. Er antwortet: "Na, das muss der OB ja ein bisschen, oder? Also, er leitet ja nicht nur die Sitzungen, sondern hat ja bestimmte politische demokratische Überzeugungen. Wenn wir ein Denkmal wirklich auf die Reise bringen wollen, dann gilt es jetzt Ja, und deutlich Ja zu sagen. Und ich glaube, das hat schon überzeugt. Wir wollen nicht eine historische Chance verspielen." Und Arnold Bartetzky ergänzt: "Ich finde, ein Denkmal zu errichten wegen ein paar Millionen, ohne dass es dafür wirklich eine starke Initiative aus der Bürgerschaft gibt, ist irgendwie unwürdig."

Man hat das Gefühl: Uns steht das Geld zu, es ist angelegt, wir müssen es jetzt auch machen. Und ich meine, nach der Peinlichkeit dieser ersten Situation, wie das ausgegangen ist, kann man jetzt sicher sein, es wird jetzt kommen, egal wie.

Bernd-Lutz-Lange, Kabarettist und Autor

Der Beschluss ist gefasst, der neue Wettbewerb wird vorbereitet. Politischer Wille der repräsentativen Demokratie darf voranpreschen – manchmal bestätigt ihn die Zukunft.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 14. Juli 2022 | 22:05 Uhr

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