Nach der Wiederwahl Leipzig: Das plant Skadi Jennicke für die Kulturstadt

Leipzig definiert sich als Kulturstadt, mit Bach und Buchmesse, Musentempeln und einer lebendigen freien Szene. Seit 2016 war Skadi Jennicke als Kulturbürgermeisterin dafür verantwortlich. Am 19. April 2023 wurde die Linken-Politikerin für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt. Wie es um die Kultur in der Stadt bestellt ist, in Zeiten multipler Krisen und Herausforderungen und welche Pläne sie für deren Zukunft hat, darüber hat sie mit MDR Kultur gesprochen.

Wiederwahl von Skadi Jennicke zur Leipziger Kulturbürgermeisterin
Seit 2016 ist Skadi Jennicke Kulturbürgermeisterin in Leipzig, am 19. April 2023 wurde sie wiedergewählt. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Skadi Jennicke ist als Leipzigs Kulturbürgermeisterin wiedergewählt. Mit 41 von 58 Stimmen wurde die Linken-Politikerin am Mittwoch für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt. Sie nimmt es als großen Vertrauensbeweis, wie sie im Gespräch mit MDR Kultur erklärt: "Ich habe den Anspruch, Kulturpolitik für die ganze Stadtgesellschaft zu machen und so bedeutet es mir sehr viel, von einer großen Stadtratsmehrheit getragen zu sein." Die AfD gehört nicht dazu, was sie nicht kommentiert.

Leipziger Kultur im Krisenmodus: "Transparent vorgehen, nicht taktieren"

Für Jennicke resultiert die breite Mehrheit durch die anderen Fraktionen auch aus ihrem Bemühen, "Problemlagen, für die man noch keine Lösung hat", gemeinsam anzugehen. "Transparent vorzugehen und nicht zu taktieren, das hat sich ausgezahlt. Darüber freue ich mich." Dazu verweist sie auf den besonderen Stellenwert, den die Kultur in Leipzig besitze, im Stadtrat und in der Stadtgesellschaft: "Das prägt die Atmosphäre und das Lebensgefühl hier." Und das sei auch noch so nach drei Jahren Pandemie, bilanziert Jennicke, wenngleich Corona "mächtig reingehauen" habe in einen bis dahin "steilen Entwicklungspfad". So habe man mit der neu sortierten Musik-Festivallandschaft erst 2022 durchstarten können. Die Wagner-Festtage, bei denen alle 13 vollendeten Bühnenwerke des in Leipzig geborenen Komponisten zu erleben waren, seien dann allerdings ein imposanter Auftakt gewesen: "Für mich war das ein Jahrhundert-Ereignis und der Schlussstein der Ära Schirmer."

Zur Neustruktierung der Festivallandschaft gehört, dass das jährlich stattfindende Bachfest den Plänen zufolge abwechselnd durch thematische Festtage von Oper und Gewandhausorchester begleitet wird, um das Musikstadt-Profil zu stärken. Lortzing und Schostakowitsch werden sie 2025 bzw. 2026 gewidmet sein.

Kulturstadt Leipzig: "Wir sind privilegiert!"

Den städtischen Eigenbetrieben Oper, Gewandhaus, Schauspiel oder Theater der Jungen Welt verschaffte Jennicke steigende Mittel und Planungssicherheit bis 2026. Bei Übernahme der Tariferhöhungen und steigenden Sachkosten bleibe immer noch etwas übrig, um den baulichen Erhalt der Häuser zu sichern. "Also wir sind privilegiert", kommentiert Jennicke, anders als die Kultur im ländlichen Raum. Gearbeitet werde dort für Gehälter, "die einem die Schamesröte ins Gesicht treiben". "Das sollte nicht so bleiben", fordert Jennicke mit Blick auf die neu auszuhandelnde sächsische Kulturraumfinanzierung: "Da brauchen wir gemeinsam mit der sächsischen Staatsregierung und dem sächsischen Landtag tatsächlich einen großen Schub in der nächsten Haushaltsdebatte."

Neue Förderrichtlinien für freie Szene

Mit Stolz konstatiert Jennicke, dass sowohl die Corona- als auch die mit dem Ukraine-Krieg einhergehende Energiekrise bislang "ohne strukturelle Abbrüche" für die Leipziger Kulturinstitutionen gemeistert worden sei. Für die Freie Szene seien dazu Sonderförderprogramme aufgelegt worden. Gleichwohl nehme sie wahr, wie die zunehmenden Herausforderungen auch Kulturschaffende an ihre Grenzen brächten. Das sei insbesondere in der Freien Szene zu spüren: "Und das ist die Aufgabe für die nächsten Jahre, hier auch schützend die Hand darüber zu halten, dass Erholung, Rekreation möglich ist."

Der Etat für die freie Kunst und Kultur in der Stadt liegt Jennicke zufolge inzwischen bei 11 Millionen Euro. Vor ihrer Amtszeit seien es 4 bis 5 Millionen Euro gewesen. Um besser auf die Bedürfnisse freier Kulturschaffender zu reagieren, würden Förderrichtlinien derzeit überarbeitet, so dass künftig beispielsweise auch die Wiederaufnahme von Theaterproduktionen unterstützt werden könne, so Jennicke.

Transformation auch im Kulturbetrieb

Änderungen seien dringend nötig, denn wie andere Bereiche der Gesellschaft befinde sich auch der Kulturbetrieb in einem Transformationsprozess und sei darüber hinaus von Fachkräftemangel betroffen: "Die Bereitschaft, die berühmte Selbstausbeutung in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, lässt nach. Dafür haben Gewerkschaften seit Generationen gekämpft. Das ist völlig in Ordnung, aber das kostet Geld. Der Aufwand besteht darin, neue Strukturen erstmal zu finden", so ordnet Jennicke auch den Konflikt am Schauspiel Leipzig ins große Ganze ein.

Die Bereitschaft, die berühmte Selbstausbeutung in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, lässt nach.

Skadi Jennicke Kulturbürgermeisterin Leipzig

Centraltheater Leipzig
Das Schauspiel Leipzig ist für Skadi Jennicke einer von vielen Kulturorten der Stadt, der sich in der Transformation befindet. Bildrechte: dpa

Kultur als Baustelle: Einheitsdenkmal, Buchstadt Leipzig, Naturkundemuseum

Auf der Agenda bis 2030 stehen für Jennicke Projekte der Erinnerungskultur, etwa das lange umstrittene Freiheits- und Einheitsdenkmal, das bis zum 35. Jubiläum der Friedlichen Revolution 2024 nicht mehr zustande kommen wird, wie sie klar stellt. Fest steht, dass die Stadt Leipzig ab 2024 im Zwei-Jahres-Rhythmus den Robert-Blum-Demokratiepreis vergeben wird. Vorstellen kann sich Jennicke, dass zu der bisher nur einen weiblichen Ehrenbürgerin der Stadt Leipzig weitere hinzukommen.

Im Reigen der Themenjahre, die sich bisher Clara Schumann oder der Industriekultur widmeten, soll 2025 die Buchstadt Leipzig in den Mittelpunkt gerückt werden. "Im Bejammern der Verluste, was nicht mehr ist, wird oft übersehen, was Neues gewachsen ist", führt Jennicke dazu aus und nennt den unabhängigen Leipziger Verlag Spector Books, der inzwischen international beachtet werde, als Beispiel: "Wir merken gar nicht, was wir hier für Potenziale haben und das ist schade." Zu sprechen sei über "die Wunde Buchstadt" ebenso wie über die digitale Zukunft des Buches, auch in dieser Diskussion müsse Leipzig perspektivisch eine Rolle spielen.

Bis 2030 soll das Naturkundemuseum im umgebauten ehemaligen Bowlingtreff wiedereröffnen. Zudem wünsche sie sich, so Jennicke, dass der Neubau einer integrierten Musikschule-Volkshochschule über einer Markthalle ebenfalls auf dem Leuschnerplatz gelinge.

Dringendstes Problem: Schwindender Freiraum für Kreative

Als eins der dringendsten Probleme sieht sie den schwindenden Freiraum für die kreative Szene in der Stadt. Auf die Fragen, die mit der zunehmenden Verdichtung durch Zuzug und Neubauten einhergingen, gebe es vielleicht nicht die eine Antwort. Aber dass so der "Spirit unserer Stadt" zerstört werde, das dürfe nicht passieren. Die Konflikte nicht wegzudrücken, aber zu minimieren, sei nicht nur eine kultur-, sondern gesamtpolitische Aufgabe, betont Jennicke im Gespräch mit MDR Kultur.

Wiederwahl von Skadi Jennicke zur Leipziger Kulturbürgermeisterin 37 min
Bildrechte: Kirsten Nijhof

Vom Theater in die Politik: Engagiert für eine zweite Amtszeit bis 2030

Im Juni 2016 war Skadi Jennicke erstmals für sieben Jahre ins Amt der Beigeordneten für Kultur gewählt worden. Seit 2019 ist sie außerdem Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages. Jennicke wurde 1977 in Leipzig geboren. Sie studierte an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" und promovierte an der Martin-Luther-Universität Halle. Sie arbeitete als Dramaturgin an den Stadttheatern in Dresden, Halle und Leipzig. Nach der Geburt ihres ersten Kindes entschied sie sich, in die Politik zu gehen. 2009 begann sie diese Laufbahn als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Abgeordneten der Linken im Sächsischen Landtag.

Dr. Skadi Jennicke und OBM Burkhard Jung nach ihrer Wahl zur zweiten Amtszeit als Beigeordnete für Kultur
Glücklich nach der Wiederwahl am 19. April 2023: Die alte und neue Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig mit OB Burkhard Jung Bildrechte: Stadt Leipzig/sf

Mit 71 Prozent der Stimmen wurde Skadi Jennicke am 19. April 2023 wiedergewählt. Die Findungskommission unter Vorsitz von OB Burkhard Jung hatte sie als einzige Kandidatin ins Rennen geschickt.

Quelle: MDR Kultur, Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt

Kultur in Leipzig erleben

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2023 | 18:00 Uhr