Atelierbesuch Leipziger Künstler Jörg Herold: Vom Verschwinden der Kulturen

Der Leipziger Künstler Jörg Herold forscht seit Jahren zu den indigenen Völkern des Mekong-Gebietes und hat dabei beobachtet: Wo die gelebte Kultur verschwindet, wird sie zur Folklore – und kann dann manchmal nur noch im Völkermuseum besichtigt werden. Seine Zeitreise der "beschleunigten Folklore" musste er Anfang des Jahres wegen Corona unterbrechen, seine Ausstellung zum Thema wurde verschoben. Mit seiner Kunst will Herold zeigen, wie sich Land und Leute durch Umbrüche verändern.

Gleich hinter der Autobahn, wo das Funknetz endet, blüht Mecklenburg-Vorpommern so richtig auf. Man kann hier gut arbeiten. In der Nähe von Teterow wohnte viele Jahre der Leipziger Künstler Jörg Herold, ein Riese unter den Menschen. Er zog wieder nach Sachsen, arbeitet oft aber hier, und manchmal geht er auf Reisen – nach Asien zum Beispiel. Dort wollte er vor zehn Jahren wissen, wie die bald 100 kleinen indigenen Völker des Mekong-Gebietes die Umbrüche nach den brutalen Kriegen überstehen und die Dynamik des neuen asiatischen Jahrhunderts. Dieses Projekt verlangte dann eine Fortsetzung.

Jörg Herold erklärt: "Zehn Jahre lang besuche ich dieselben Orte, und denjenigen, denen ich begegne und die Hand gebe, an welchem Ort auch immer, dafür werde ich sozusagen einen kleinen Moment, ein kleines Zeitfenster öffnen, den positioniere ich an eine bestimmte Stelle vor der Kamera. Und dann reise ich zehn Jahre später an dieselbe Stelle, und dann müssen wir eben gucken, was vor Ort passiert ist, und ob auch die Person noch einmal auffindbar ist. Ich würde sagen, das ist eine Art von Rechercheprojekt mit offenem Ausgang."

Verschwundene Kulturen im Menschenzoo

Künstler Jörg Herold
Der Künstler Jörg Herold Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vieles war inzwischen abgesperrt und umgebaut. Mit den GPS-Daten der Filme von 2010 reiste Herold an den gleichen Ort. Allein Vietnam hat 53 ethnische Minderheiten. Die Kleinen werden zerrieben, die Größeren sind Konkurrenten. Und wo die gelebte Kultur verschwindet, wird sie zur Folklore und kann besichtigt werden. Herold hat die Umbrüche bei den Minderheiten in diesem Vielvölkergebiet dokumentiert: von Bewahrung über Umsiedlung bis zum Völkermuseum, fast wie früher im Menschenzoo.

Als Touristen kommen wir und dürfen im Museum genau das dörfliche Leben, genau die Folklore bestaunen, deren Völker und gelebte Kulturen in den Schmelztiegeln der Region verschwinden. Ob Thailand oder Vietnam: Der sprichwörtliche asiatische Tiger war schon 2010 "auf dem Sprung", er hat beschleunigt. China baut nicht nur gerade in Myanmar einen riesigen Hafen, es dominiert auch die Mekong-Staaten. Der "Dokumentar-Archäologe" Herold hält Indizien fest.

Ich würde sagen, das ist eine neue Form des Kolonialismus.

Jörg Herold, Künstler

Jörg Herold: "Ich würde sagen, das ist eine neue Form des Kolonialismus. Die Infrastruktur, die ausgebaut wird, mit Geldmitteln aus China, die drückt in bestimmten Regionen die Einwohner in die Defensive. Und das ist in den zehn Jahren Abstand 2010 bis 2020 eklatant bemerkbarer."

Archäologie des Alltäglichen

Ein chinesischer Mann in einem Geschäft.
Momentaufnahme während Jörg Herolds Reise Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herold sucht nicht die Klischees, weder der Prestigebauten noch der Jahrtausende alten Architektur in dieser Region. Seine "Archäologie" widmet sich den Spuren im Alltäglichen. Das können auch Zufälligkeiten sein, so Herold: "Also schön wär's, wenn es Nebenbilder sind, die sich dann zu Ikonen entwickeln, dass man sie sofort wiedererkennt. Für mich sind es schon Nebensächlichkeiten. Die entdeckt man natürlich – das ist wie am Beginn der Fotografie, dass man auf der Fotografie mehr entdeckt als auf dem Original – aus der Erinnerung heraus. Also dieses Detail auf dem Bild ist manchmal offensiver als das Detail vor Ort."

Künstlerische Produkte im Wortsinne macht Herold auch, versteht sich jedoch eher als Künstler-Forscher. Die neu sortierten Gebeine in der Mitte im neuen Khmer-Tempel fallen nur auf den zweiten Blick auf. Bekanntlich haben erst jüngst vergangene Kriege und Terrorsysteme diese Region verwüstet und erschüttert. Herolds Dokumentation, wie der Völkermord der Roten Khmer heute viel aktiver dargestellt wird als 2010, hat auch ein eigenes, deutsches Interesse. Seit jeher hat sich Jörg Herold als "Zeitzeuge" verstanden, und sein eigenes "Fremd-Sein in der Welt" gibt ihm Fragen als Künstler auf. Die Video-Projektion, die er plant, wird die Filme kombinieren, die Bewertung aber dem Dritten im Bunde, dem Publikum, überlassen.

Ich werde gerne gefragt, ob ich ein politischer Künstler bin. Einerseits sage ich ja, selbstverständlich. Andererseits scheue ich mich auch davor, zu sagen, ich bin politisch.

Jörg Herold, Künstler ud Dokumentar-Archäologe

Ich würde mich schon als Biograf meiner eigenen Biografie bezeichnen, und das setze ich immer ins Verhältnis zur Gesellschaft. Ich glaube, es wird eine größere Dynamik, wenn noch jemand Drittes dazukommt."

Zeitreise der "beschleunigten Folklore" geht weiter

Auch wenn manches gleich bleibt, erstaunt der Blick nach Asien schon mehr durch die Dynamik als mit exotischer Kultur. Macht nicht der Umstand, dass man dort den GPS-Daten bereits von 2010 problemlos nachreisen kann, sprachlos? Herold erklärt: "Ich dachte, wenn ich nach Südostasien in den Dschungel fahre oder ganz weit, sagen wir, tief ins Landesinnere, kann ich gar kein Kontakt haben zum GPS oder was auch immer halt, verdeckt durch Berge, Wälder. Weil hier in Mecklenburg, wo ich mein Atelier habe, habe ich bis heute keinen Handyempfang, also sehr wenig, eigentlich gar nicht."

Jetzt wird erst einmal gesichtet und geordnet. Die Epidemie hat ihn ausgebremst, einige Regionen durfte Herold nicht besuchen. Die Zeitreise der "beschleunigten Folklore" wird aber fortgesetzt werden. Bis dahin: In Mecklenburg kann man arbeiten, aber noch besser ausspannen.

Künstler Jörg Herold
Jörg Herold in seinem Atelier Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 25. Juni 2020 | 22:05 Uhr