Gespräch Werden durch Rückgaben ethnographische Sammlungen geleert?

Die Forderung, unrechtmäßig erworbene Kulturgüter wieder an die Heimatländer zurückzugeben, ist hochaktuell. Léontine Meijer-van Mensch findet die Debatte unumgänglich. Sie leitet die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zu der auch das Grassimuseum für Völkerkunde Leipzig und das Museum für Völkerkunde Dresden gehören – die einige der fraglichen Objekte beherbergen. Die Rückgabediskussion zum kolonialen Erbe müsse stattfinden und das auch gerne in ihren Häusern, so Meijer-van Mensch.

Eine Besucherin des Grassi Museums für Völkerkunde in Leipzig betrachtet 2012 eine sogenannte Minkisi-Skulptur.
Minkisi-Skulptur bei einer Ausstellung im Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Müssen die ethnologischen Sammlungen fürchten, irgendwann nichts mehr ausstellen zu können?

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Die gebürtige Niederländerin Léontine Meijer-van Mensch leitet die Ethnographischen Sammlungen Sachsens Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Léontine Meijer-van Mensch: Die Kollegen aus den Museen in Afrika – was natürlich ein Riesenkontinent ist, Afrika ist kein Land – die wollen gar nicht alle Objekte zurück. Darum geht es auch nicht. Es geht nicht darum, dass wir jetzt Tausende von Easy-Jet-Flugzeugen vollstopfen und die dort landen. Sondern es geht um bestimmte Objekte, bestimmte Objektgruppen, die einfach eine Wahnsinnsbedeutung haben. Oder auch einfach kulturhistorisch wichtig sind – oder sogar monetär wichtig sind. Und ja, diese Debatte müssen wir führen!

Diese Objekte müssen wir auch  zurückgeben, da führt kein Weg vorbei. […] Es geht um eine asymmetrische Macht, um eine Ungleichheit, die wir ausloten müssen. Und die Zahlen, da kann man sich drüber streiten. Aber dass mehr als 80 bis 85 Prozent des afrikanischen Kulturguts in Museen in Europa lagern – weil wir die häufig auch gar nicht ausstellen – das geht nicht. Und das wollen wir auch nicht mehr.

Als neue Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen in Sachsen kommen sie an einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem verwalteten Kunst- und Kulturgut gar nicht mehr herum. 

Die Diskurse, die vor allem in ethnologischen Museen stattfinden, die sind sehr innovativ, sehr kritisch, kritisch reflexiv. Man fragt sich: Wer hat die Deutungsmacht? Was bedeutet Expertise in einem ethnologischen Kontext? Da sind wir generell in der Museumslandschaft sehr dabei, uns zu streiten. Da prallen Weltbilder aufeinander.

Und ich habe da eine sehr kritisch-reflexive Meinung. Und ich finde, Museen sollten sich viel stärker positionieren, Haltung beziehen, sogar aktivistischer sein. Und das bedeutet, dass so ein Grassimuseum ein dialogischer Ort sein möchte.

Der Begriff "Ethnologische Sammlungen" klingt etwas eingestaubt. Wie werden ihre Museen künftig zu modernen Orten der Begegnungen?

Ich möchte einen Ort schaffen, wo wir uns gesellschaftlich stärker positionieren und schneller reagieren. Und das bedeutet eben, dass Dauerausstellungen nicht mehr zeitgemäß sind. Wir müssen stärker in kurzen Essays denken. Ausstellungen machen, die vielleicht drei bis fünf Jahre stehen. Schaudepots, die auch mal 15 Jahre stehen können. Und dass alles zusammen einen Flickenteppich bietet, was hoffentlich für mehrere Zielgruppen auch spannend ist. Und ich kenne es selber auch so, obwohl ich ein Museumsmensch bin, dass, wenn ich eine Dauerausstellung zwei- oder dreimal besucht habe, dann dort nicht mehr hingehe.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Februar 2020 | 11:05 Uhr

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