Opernkritik: "Die Sache Makropulos" Anhaltisches Theater Dessau überzeugt mit tschechischer Oper

In Dessau hat die Oper "Die Sache Makropulos" ("Věc Makropulos") von Leoš Janáček am Anhaltischen Theater Premiere gefeiert. Janáček gilt heute als einer der berühmtesten tschechischen Komponisten. Seine Opern werden jedoch nicht so oft gespielt, wie es ihnen zu wünschen wäre. Woran das liegt und warum die Aufführung in tschechischer Sprache gefällt, erklärt MDR KULTUR-Redakteurin Bettina Volksdorf.

Iordanka Derilova (Emilia Marty) sitzt auf dem Boden der Opern-Bühne.
Das Bühnenbild ist eine Art verfallenes Thater. Bildrechte: Claudia Heysel

Die Oper "Die Sache Makropulos" ("Věc Makropulos") beruht auf einer Komödie des Schriftstellers Karel Čapek, wobei Janáček das Libretto selbst verfasste. Der Titel bezieht sich auf ein Rezept des Alchemisten Hieronymus Makropulos, der im 16. Jahrhundert für Kaiser Rudolf II. eine Art Unsterblichkeitstrank erfand. Erprobt wurde der zuerst an der Tochter des Alchemisten, Elina Makropulos. Um sie dreht sich die Oper.

Überdrüssige Diva erkennt Sinn des Lebens

Kammersängerin Iordanka Derilova spielt Emilia Marty.
Iordanka Derilova verkörpert Emilia Marty. Bildrechte: Claudia Heysel

Die Handlung setzt im Jahr 1902 ein. Elina heißt jetzt Emilia Marty, sie ist 337 Jahre alt und eine gefeierte Operndiva. Die Männer liegen ihr zu Füssen, aber Emilia ist dessen alles überdrüssig. Sie kann nicht mehr wirklich lieben und braucht vor allem das Rezept ihres Vaters, da ihre Lebensuhr abläuft. Erst ganz am Ende begreift sie, dass der Sinn des Lebens auch darin besteht, die Endlichkeit, den Tod zu akzeptieren.

Kann ein Leben als Endlosschleife Sinn machen?

Jakob Peters-Messer, Regisseur von "Die Sache Makropulos"

Jakob Peters-Messer ist als einfühlsam-agierender Regisseur bekannt. Zusammen mit Bühnenbildner Markus Meyer lässt er die Oper in einer Art zerfallendem Theater spielen – mal aus der Perspektive des Zuschauerraums, mal Backstage und erst am Ende lässt Emilia auf der leer geräumten Bühne gewissermaßen sämtliche Rollen und Masken fallen, steht zu sich, ihrem Alter und dem nahenden Tod.

Chapeau, was das Solisten-Ensemble da leistet.

Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Redakteurin für Musiktheater

Kammersängerin Iordanka Derilova als eiskalte Zynikerin

Mehrere Figuren stehen um Iordanka Derilova (Emilia Marty).
Neben Iordanka Derilova sind die Männer manchmal bloße Staffage. Bildrechte: Claudia Heysel

Die Unsterblichkeit macht aus der blutjungen Elina im Laufe der Zeit die eiskalt-berechnende Zynikerin Emilia. Sie ist völlig unempathisch, ihre Mitmenschen sind ihr egal. Ihr, der kapriziösen Diva, hat sich alles und jeder unterzuordnen. Kammersängerin Iordanka Derilova singt und spielt das souverän, großer Schlussmonolog inklusive. Zudem ist sie eine sehr attraktive Erscheinung und wird am Ende gebührend bejubelt. All die Männer um sie herum sind mehr oder weniger Staffage – das merkt man szenisch vor allem im dritten Akt. Aber auch hier gilt: Chapeau, was das Solisten-Ensemble da leistet.

Bei der Uraufführung von "Věc Makropulos" war Leoš Janáček bereits 70 Jahre alt. Je älter er wurde, desto mehr ging es ihm darum, "einfach" und nah am tschechischen Volk, an dessen Sprache und Empfindungen zu komponieren. Deshalb wurden Janáčeks Motive immer kürzer. Zuweilen dominiert in der Oper auch ein zugegebenermaßen etwas anstrengender Konversationston. Zudem gibt es in der Oper kaum lyrisch-ausschweifende Melodien.

Tschechische Sprache als Hindernis?

Tilmann Unger (Albert Gregor) hält Iordanka Derilova (Emilia Marty).
Tilmann Unger (Albert Gregor) hält Kammersängerin Iordanka Derilova (Emilia Marty). Bildrechte: Claudia Heysel

Warum die Oper eher selten gespielt wird, hängt einerseits mit der komplexen, etwas verworrenen, fiktionalen Story zusammen. Im Kern geht es um den uralten Wunsch, die eigene Sterblichkeit zu überwinden. Außerdem wäre da die Spezifik der Komposition: Janáček hat einen ganz eigenen Stil entwickelt, komponierte gewissermaßen durchgehend im Konversationston. Das heißt, er schrieb keine großen Arien, sondern entwickelte seine Motive und Melodien vielmehr aus der tschechischen Sprache heraus.

Für Nicht-Tschechen ist das eine immense Herausforderung und ich ziehe den Hut vor der Leistung des Dessauer Ensembles.

Bettina Volksdorf, Rezensentin

Am besten funktionieren Janáčeks Opern in der Originalsprache – auch wenn es bereits zu Lebzeiten des Komponisten eine erste deutsche Übersetzung von Max Brod gab. In Dessau wird die Oper auf Tschechisch mit deutschen Übertiteln aufgeführt. Glücklicherweise hat ein Teil der Sänger schon etwas Übung, da vergangene Spielzeit Antonín Dvořáks Oper "Katja und der Teufel" ebenfalls in Originalsprache gespielt wurde.

Fazit

Vom Orchester (einschließlich der Bühnenmusik am Anfang) verlangt Janáček ein Höchstmaß an Präzision, Flexibilität und solistischer Qualität in beinahe allen Stimmgruppen, denn er hat diese Musik rhythmisch und klanglich extrem ausdifferenziert. Wenn bei der Premiere der insgesamt sehr gut disponierten Anhaltischen Philharmonie Dessau unter der Leitung von Chefdirigent Markus L. Frank zuweilen etwas gefehlt hat, dann in Bezug auf Feinheiten des Zusammenspiels und der klanglichen Raffinesse. Denn Janáčeks Musik braucht suggestive Momente – dann kann sich diese im Kern zutiefst humanistisch-konzipierte Musik auch voll entfalten. Unterm Strich gilt: Gratulation zu dieser Ensembleleistung, auch zu dem Mut so etwas zu wagen.

Informationen zu "Die Sache Makropulos"

Oper in drei Akten
Musik von Leoš Janáček, Libretto vom Komponisten nach der gleichnamigen Komödie von Karel Čapek
In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Regie: Jakob Peters-Messer
Musikalische Leitung: Markus L. Frank, Wolfgang Kluge (27. März, 9. Mai 2020)
Bühne und Kostüme: Markus Meyer und Sven Bindseil

Aufführungstermine:
Sonntag, 2. Februar 2020, 16:00 Uhr
Samstag, 8. Februar 2020, 17:00 Uhr
Sonntag, 1. März 2020, 17:00 Uhr
Freitag, 27. März 2020, 19:30 Uhr
Sonntag, 19. April 2020, 17:00 Uhr
Mittwoch, 29. April 2020, 19:30 Uhr (Schweinfurt)
Donnerstag, 30. April 2020, 19:30 Uhr (Schweinfurt)
Samstag, 9. Mai 2020, 17:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2019 | 09:40 Uhr

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