Schatten von zwei Spaziergängern.
Homosexualität zwischen Frauen wurde in der DDR abseits der Öffentlichkeit ausgelebt. Bildrechte: Colourbox.de

Gesellschaft Das Lila Archiv: Erinnerungen an lesbische Frauen in der DDR

Lesbische Beziehungen waren in der DDR nicht grundsätzlich verboten, wurden aber geradezu totgeschwiegen. Die Kulturhistorikerin Ursula Sillge nennt sie “unsichtbare Frauen” – und meint damit auch sich selbst. Wie hat es sich gelebt in dieser Unsichtbarkeit und was hat Sillge getan, um gesehen zu werden? Um daran zu erinnern, hat sie das "Lila Archiv" gegründet. Ein Besuch von MDR KULTUR-Autorin Felicitas Förster.

Schatten von zwei Spaziergängern.
Homosexualität zwischen Frauen wurde in der DDR abseits der Öffentlichkeit ausgelebt. Bildrechte: Colourbox.de

Wer Ursula Sillge in ihrem Haus in Meiningen besucht, dem öffnet sie die Tür erst nur einen Spalt weit und warnt lachend: "Vorsicht, Sie werden gefressen." Lotte, das schwarze Hündchen, sieht aber nicht gerade hungrig aus. Und auch Ursula Sillge dürfte es manchmal satt haben: Jahrzehntelang hat sie für die Gleichstellung homosexueller Frauen gekämpft. Jetzt trottet die 72-jährige in ihr Büro, lässt sich in einen Stuhl fallen und legt die Beine auf einen zweiten. Ihr Kampf ist noch lange nicht vorbei.

Vorurteile aktiv bekämpfen

Sie sagt, es gebe immer noch Leute mit erbittertem Widerstand und enormen Vorurteilen. Eine Person habe zu ihr gesagt: "Solche wir ihr waren bei Adolf ganz woanders."

Da muss man - muss frau sich dann zur Wehr setzen.

Ursula Sillge, Kulturhistorikerin
Ursula Sillge mit dem Buch 'Un-Sichtbare Frauen', 1992
Ursula Sillge veröffentlichte im Jahr 1992 ein Buch zu dem Thema. Bildrechte: dpa

Ursula Sillge streichelt den Hund auf ihrem Schoß. Zur Wehr zu setzen, begann sie sich als junge Frau, als sie sich in eine andere Frau verliebt hatte. Sie wollte wissen, was mit ihr los war. Doch Informationen über ihr Begehren fand sie so gut wie gar nicht. Das sei in der DDR sehr schwierig gewesen, erzählt sie. "Das ist auch heute nicht unbedingt leicht, aber heute gibt's das Internet." Zu DDR-Zeiten habe es hingegen das Standardwerk von Siegfried Schnabel "Mann und Frau intim" gegeben, in dem ein Kapitel dazu zu finden war.

Widerstand und Argwohn aus der Gesellschaft

Ein Kapitel – zwar aufklärerisch und keineswegs diskriminierend. Aber Ursula Sillge wollte mehr. Also forschte sie nach weiteren Büchern und stieß vor allem auf Misstrauen, wie bei einer Dame des Bibliotheksverbands mit ihren bohrenden Fragen, als diese wissen wollte, wer hinter Sillge stehe. "Ich drehte mich um, ich sag: 'Hinter mir ist die Wand'", erinnert sich die 72-Jährige. Da sei die Frau ärgerlich geworden und fragte konkret, von wem sie den Auftrag habe.

'Ich habe mir den Auftrag selber gegeben.' Das war nicht üblich in der DDR.

Ursula Sillge, Kulturhistorikerin

Ursula Sillges Haar ist weiß und raspelkurz. Damals als Studentin – mit schulterlangen Haaren und Hornbrille – hatte sie in Berlin den Sonntagsclub initiiert, ein Treffen homosexueller Menschen mit ganz harmlosen Wünschen: Raus aus der Isolation, andere Schwule und Lesben kennenlernen, Liebe finden. Daraufhin habe sie in der Abteilung Inneres beim Magistrat Gespräche gehabt, wo es darum ging, was sie eigentlich will, da sie doch alles tun könne.

Sillges Antwort damals: "Das können wir eben nicht. Wir wollen unseren Fasching separat feiern, weil, wenn ich zu einer normalen Tanzveranstaltung gehe, von hundert Frauen sind vielleicht zwei lesbisch. Soll ich die jetzt alle fragen? Ist doch Quatsch." Aber die Partei hatte kein Einsehen, erinnert sie sich.

Das Lila Archiv

Zwei lila Luftballons mit dem Zeichen der Weiblichkeit aufgedruckt.
Seit Jahrzehnten setzt sich Sillges für die Rechte homosexueller Frauen ein. Bildrechte: dpa

Das Ende der Unsichtbarkeit beginnt für Ursula Sillge mit Information. Seit 1991 sammelt sie Dokumente über die Frauenbewegung – gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Ingeborg Buck. Buck schiebt eine Plane beiseite. Darunter Obstkisten voller Bücher, Fotos, Zeitungsausschnitte – das Lila Archiv. Noch fehlt ihm ein geeignetes Magazin. Von seiner Notwendigkeit ist Ingeborg Buck überzeugt, denn Archive über berühmte Männer gäbe es ja zuhauf. "Frauen müssen schon sehr berühmt sein, dass sie da überhaupt auftauchen", erklärt sie. Daher verstehen sie sich selbst als "Ergänzung zu den Archiven und Bibliotheken der öffentlichen Hand."

Die politische und persönliche Wende

Hinter Ursula Sillge waren einst mehr als ein Dutzend Stasi-Spitzel her. Mit der Wende fielen die staatlichen Repressionen weg und auch in der Gesellschaft erlebt die Lesben-Aktivistin eine neue Toleranz. Sie denke schon, dass die Leute nun ein weniger entspannter an die Sache herangehen würden. "Wenn jetzt zum Beispiel eine Regelung kommt, wie Ehe für alle und die Leute hören: 'Ach naja, da dürfen zwei Frauen heiraten oder zwei Männer, kann das ja so schlimm nicht sein.'"

Wer die Frau an ihrer Seite ist, und das schon seit über dreißig Jahren, will Ursula Sillge trotzdem nicht verraten. Es könnte sich ja irgendjemand abgeschreckt fühlen. Wehmütig schaut sie zu ihrem Hund Lotte. So weit seien wir eben doch nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. September 2018 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2018, 04:00 Uhr

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