Gespräch Kabarettistin Lisa Eckhart sieht sich falsch verstanden

Die in Leipzig lebende österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart steht derzeit in der Diskussion, da ihr für einen Auftritt in der WDR-Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen" aus dem Jahr 2018 unter anderem das Bedienen antisemitischer Klischees vorgeworfen wird. Beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg sollte sie aus ihrem Debüt-Roman "Omama" vorlesen, wurde erst ein-, dann ausgeladen – und letztendlich doch wieder eingeladen. Es scheint eine Geschichte voller Missverständnisse zu sein. Im Gespräch bei MDR KULTUR bezieht Eckhart Stellung zu den Vorwürfen und legt ihre Sicht dar.

Lisa Eckhart
Lisa Eckhart, die Anfang der 90er-Jahre in der österreichischen Steiermark geborene Kabarettistin lebt derzeit in Leipzig. Bildrechte: MDR

MDR KULTUR: Nach den Ein- und Ausladungen beim Harbour Front Literaturfestival hätten Sie nun doch wieder teilnehmen können. Per Videoschalte oder an einem anderen Spielort. Warum wollen Sie jetzt nicht mehr?

Lisa Eckhart: Die Onlinelesung war ja der erste Vorschlag. Und da finde ich schon, das ist eine grobe Verkennung meiner Selbst und dessen, was ich mache. Ich hätte mich niemals ins Digitale begeben, wo diese ganze Farce ja ihren Ausgang genommen hat. Und dann wurde das schon zu einer derartig aufgeblasenen Farce, dass ich meinte, es wäre besser, sich da zurückzuhalten. Die Veranstalter wissen auch, warum. Da sind ja auch mehrere Dinge vorgefallen. Ich würde gerne unter diese Sache einen Schlussstrich ziehen, die eine Größe erreicht hat, die dem Ganzen nicht angemessen ist, finde ich.

Haben Sie denn irgendwann schon mal mit Randale zu tun gehabt, flankierend zu Ihren Auftritten?

Nein. Randaliert wird bei mir auf der Bühne und zwar nur durch mich und nicht durch das Publikum.

Und wie ist es mit Shitstorms? Gehören die zu Ihrem Tagesbusiness?

Die gehören zum Tagesbusiness des Internets. Da ich mich dort aber nicht aufhalte, weiß ich zum Glück nichts davon. Das rate ich aber auch jedem, um seiner geistigen Gesundheit willen, sich da nicht rein zu begeben.

Das heißt, wir haben es hier mit einer ganz pur analogen Person zu tun?

Ja. Das wird sich nicht aufhalten lassen, die Digitalisierung, ich stelle sicher nicht den Damm dar. Aber ich persönlich brauche es nicht.

Nach Ihrer Ausladung hat jetzt der Schriftsteller Sascha Reh gesagt, er sieht sich außer Stande, bei einer Veranstaltung zu lesen, die sich nicht unmissverständlich hinter das Recht auf Freiheit in Kunst und Rede stellt. Auch dann, wenn mit Krawall zu rechnen ist. Entspricht das jetzt auch den Reaktionen, die Sie sonst auf diesen ganzen Vorgang bekommen haben?

 Lisa Eckhart bei der Aufzeichnung der WDR-Talkshow "Kölner Treff", 2018
Lisa Eckhart bei der Aufzeichnung der WDR-Talkshow "Kölner Treff", 2018 Bildrechte: imago images/Future Image

Nein, das ist schon recht extraordinär. Dadurch, dass ich eben nicht im Netz bin, hab ich keinen Überblick über eventuellen Zuspruch oder Solidarität. Aber so habe ich es nicht gesehen, wie von ihm, auch mit dieser Einsicht verknüpft, er hat das ja geschrieben, da er sich selbst oftmals in ambivalente Richtungen bewegt, also zumindest seine Kunst. Er sagt, er taucht gerne mal einen Zeh ins politisch Inkorrekte. Dass er weiß um die Gefahr, der man da ausgesetzt ist. Und dass einem jederzeit auch so etwas passieren könnte. Das ist ein Bewusstsein, das ich eigentlich bei jedem voraussetzen sollte. Vor allem jene, die sich gerne an solchen Shitstorms beteiligen, die das scheinbar aber überhaupt nicht reflektieren, dass davor niemand gefeit ist. Und dass sie guten Grund hätten, darauf zu verzichten oder sich zu solidarisieren, weil sie es morgen selbst sein könnten, die da angefeindet werden.

Der Stein des Anstoßens, weshalb man ihren Auftritt in Hamburg so gefürchtet hat, war ein Auftritt in der WDR-Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen" aus dem Jahr 2018. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Das Problem daran ist, dass die Nummer in der Tat sehr brisant ist, aber nicht dahingehend, wie sie dann kritisiert wurde. Und das finde ich an der Sache fast noch bedauerlicher, dass sich jetzt die falschen Leute gekränkt fühlen und scheinbar die, die sich gekränkt fühlen sollten, überhaupt nicht getroffen fühlen.

Also die Nummer war eben 2018, da am Höhepunkt der #MeToo-Debatte, auch wirklich auf dem Höhepunkt dieser digitalen Hetze dieser Figuren, die ich da nenne. Und da war schon Kritik und, wie gesagt, das war provokant – aber beileibe nicht so, wie es jetzt ausgelegt wird.

Ich hätte große Lust gehabt, diese Nummer eigentlich nochmal zu spielen, abgeändert, als vor einigen Monaten einige Autoren Sturm gelaufen sind gegen die Biografie von Woody Allen. Und das sollte eigentlich schon zeigen, worauf diese Nimmer eigentlich abzielt. Weil, das bei Woody Allen fand ich eine Unsäglichkeit.

Und zu diesem Zeitpunkt, muss man sich denken, war auch noch keinerlei Schuldspruch, was Weinstein betrifft. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich so ist, dass die Menschen nicht mehr abstrahieren können, wie die damalige Stimmung war. Dass #MeToo für sie jetzt wieder Jahrzehnte entfernt scheint. Aber das war das Thema dieser Nummer.

Und dass da jetzt sich Menschen gekränkt fühlen und sagen, diese Nummer hätte irgendeine böse Absicht gegenüber Minderheiten! Die sind bestenfalls Statisten, damals, zu der damaligen Zeit, um ein bisschen diesen Furor auch zu vergällen, der getrieben wurde, gegen Menschen, die eigentlich als schützenswerte Minderheiten gelten.

Und ich muss sagen, wenn man einem Text Antisemitismus unterstellt – ich habe noch nie einen antisemitistischen Text gesehen, der selbst das Wort "Antisemitismus" anführt. Und es kommt ja auch drin vor. Es ist ein bisschen schwierig, bei einer Minute Text. Das ist trotzdem beschnitten, wenn ich meine Texte im Fernsehen spiele, exakt auf diese Zeit angelegt. Das sind keine aneinander gereihten Pointen. Da gibt es einen Anfang und es gibt eine Auflösung. Deswegen einzelne Sätze da raus zu nehmen, das kann nur übel enden.

Das Interview hat Julia Hemmerling für MDR KULTUR geführt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. August 2020 | 16:10 Uhr