Farbiges Raster wird auf den Körper einer Frau projiziert
Welche Rolle wird der Mensch in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt spielen? Bildrechte: imago/Jochen Tack

Interview mit Philosophin Lisa Herzog Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt der Zukunft?

Arbeit hält Gesellschaften zusammen, sie ist etwas fundamental Menschliches. Aber wie sieht die Zukunft unserer Arbeitswelt aus? Welche Rolle wird im Produktionsprozess dem Menschen noch zukommen? Können wir darauf überhaupt Einfluss nehmen oder regelt alles der Markt? Fragen, die die Philosophin und Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Technischen Universität München, Lisa Herzog, beschäftigen. Und auf die sie durchaus Antworten zu geben hat. In ihrem Buch "Die Rettung der Arbeit" beschreibt sie u.a. die Folgen der digitalen Transformation für die Gesellschaft und die einzelnen Menschen. Dazu ist sie mit MDR KULTUR im Gespräch.

Farbiges Raster wird auf den Körper einer Frau projiziert
Welche Rolle wird der Mensch in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt spielen? Bildrechte: imago/Jochen Tack

MDR KULTUR: Sie zitieren in Ihrem Buch "Die Rettung der Arbeit" eine Zahl, nämlich dass etwa 40 Prozent der heutigen Berufsbilder, möglicherweise durch die Digitalisierung gefährdet sind.  Woher kommt diese Zahl und welche Berufe, welche Branchen könnten diese 40 Prozent betreffen?

Lisa Herzog: Das kommt aus einer Studie britischer Wissenschaftler. Allerdings muss man da immer sehr genau hinschauen. Es gibt unterschiedliche Studien dazu, welche Tätigkeiten in Zukunft wie durch digitale Technologien ersetzt oder verändert werden könnten. Ich persönlich glaube nicht daran, dass es zu einer großen Massenarbeitslosigkeit kommen wird. Denn wenn sich Berufe verändern, heißt das ja nicht, dass Leute per se arbeitslos werden. Und es wird auch viele neue Berufsbilder geben.

Ein selbstfahrender Bus
Autonom fahrende Busse werden schon seit längerer Zeit getestet, Busfahrer sind hier nicht nötig. Bildrechte: IMAGO

In einzelnen Bereichen wird es wahrscheinlich auch Berufsbilder geben, die komplett wegfallen. Also, wenn irgendwann mal das autonome Fahren käme, dann bräuchte es keine Lastwagenfahrerinnen und -fahrer mehr. Aber in der Vergangenheit war es eigentlich immer so, dass bei großen technischen Umbrüchen auch wieder neue Jobs entstanden sind.

Aber in solchen Umbruchsphasen stellen sich natürlich große Machtfragen. Es gibt Interessenskonflikte. Wer Profitiert von den Veränderungen? Wer hat eher das Nachsehen? Und das sind dann letztlich politische Fragen, wo eben auch Regulierung gefragt ist und man sich überlegen muss, wie wollen wir als Gesellschaft mit Gewinnern und Verlierern umgehen?

Worin besteht eigentlich die Bedrohung der digitalen Transformation? Was ist schlecht daran, wenn Maschinen, Computer, künstliche Intelligenz im weitesten Sinne dem Menschen die Arbeit erleichtern oder in bestimmten Fällen sogar ganz abnehmen?

Autorin Lisa Maria Herzog auf der Leipziger Buchmesse, 2014.
Die Philosophin Lisa Herzog Bildrechte: imago/Manfred Segerer

So wie Sie es jetzt formuliert haben ist es überhaupt nicht schlecht. Denn jeder von uns würde ja gerne bestimmte Routineaufgaben, die es wahrscheinlich in jedem Beruf gibt, stärker an Maschinen delegieren. Die Frage ist: Wer wird wie betroffen sein? Und welche Arten von Arbeit werden sich wie verändern? Und da gibt es zwei Fragen, die man unterscheiden kann. Das eine ist, was ist technisch möglich? Wie weit sind bestimmte Roboter schon? Was können sie gut ausführen, was nicht so gut?

Und die andere Frage ist dann aber eine sehr menschliche, wenn man so will auch philosophische. Was ist eigentlich der Sinn dieser Arbeit? Geht es nur darum, bestimmte Schritte abzuarbeiten? Was genauso gut ein Roboter machen kann. Oder geht’s möglicherweise um mehr oder um Anderes? Also vielleicht auch um zwischenmenschlichen Kontakt, sei es zum Beispiel in der Pflege oder in der Bildung. Und wie könnte eine gute Zusammenarbeit zwischen Maschinen und Menschen in Zukunft aussehen?

Digitalisierung, das ist kein Schicksal, das in irgendeiner uns völlig fremden Form über uns kommt, sondern eine Aufgabe, die gelöst werden muss, wenn es um die Frage geht, in was für einer Welt wir leben wollen. Was passiert, wenn das Maß an Gerechtigkeit, an Freiheit, an Demokratie, das für uns heute ganz selbstverständlich ist, durch die digitale Transformation eingeschränkt würde? Was für eine Welt würde uns erwarten? Welche Risiken sehen Sie da?

Da gibt es eine ganze Menge Risiken. Eines hat damit zu tun, was mit unserer Privatsphäre passiert. Ob wir das, was wir Intimität zwischen zwei Menschen nennen, weiterhin so leben können, wenn wir das Bewusstsein haben, der Staubsauger könnte uns beobachten und die Handys haben alle Mikrofone und so weiter. Was macht das dann mit uns? Das wissen wir im Moment noch nicht so ganz.

Ein Roboter und ein Junge stehen sich gegenüber.
In manchen Berufen spielt das zwischenmenschliche Vertrauen eine zu starke Rolle, als dass Roboter sie übernehmen könnten Bildrechte: dpa

Ein zweiter Bereich, und den diskutiere ich auch im Buch stärker, der betrifft die soziale Spaltung, oder das Gegenteil, den sozialen Zusammenhalt. Es ist ja so, unsere Gesellschaften sind jetzt schon ziemlich stark gespalten, was die finanzielle Ausstattung der Einzelnen, aber auch die Lebenswelten, die Art der Freizeitgestaltung, all diese Dinge angeht. Und eine Gefahr, die ich sehe, ist, dass sich das durch die digitale Transformation noch verstärkt. Weil nämlich manche Bevölkerungsteile, die jetzt schon ziemlich privilegiert sind, weiter profitieren können. Zum Beispiel, weil sie dann Eigentum an Software haben, die für sie arbeitet. Und andere Bevölkerungsteile eher die negativen Seiten abbekommen und dann wirklich, zum Beispiel durch solche App-gesteuerten Zusatzjobs, sich irgendwie über Wasser halten müssen. Vielleicht gar nicht mehr menschliche Kollegen im klassischen Sinne haben, weil sie eben nur noch vor einem Computer alleine arbeiten.

Insofern, die Verteilung der Möglichkeiten, was man hier an Profitabilitätsgewinnen hat, wie das aussehen wird in der Gesellschaft, das könnte, wenn man nicht aktiv gegensteuert, diese Spaltung weiter verschärfen.

Das Interview führte Katrin Wenzel für MDR KULTUR

Lisa Herzog, Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf
Cover des Buches "Die Rettung der Arbeit" Bildrechte: Hanser Verlag

Angaben zum Buch Lisa Herzog: "Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf"
224 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN 978-3-446-26206-5
Auch im ePUB-Format erhältlich, 16,99 Euro
E-Book: ISBN 978-3-446-26310-9
Hanser Berlin

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. April 2019 | 19:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. April 2019, 04:00 Uhr

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