Schmökern im Shutdown Unsere Buchtipps in Corona-Zeiten

Buchhandlungen, Kinos und Kneipen geschlossen, Kulturveranstaltungen abgesagt: Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu bremsen, steht das öffentliche und soziale Leben still. Doch nicht nur Netflix und Co. können eine Ablenkung sein, finden wir - und empfehlen Ihnen: Nehmen Sie sich Zeit für ein gutes Buch! Falls Sie Impressionen suchen: Hier werden Sie fündig.

Eine Frau sitzt auf der Fensterbank im Sonnenschein und liest ein Buch.
Ein gutes Buch könnte zumindest zeitweise von der Krise ablenken. Bildrechte: dpa

Zeitdokument: Paolo Giordano – "In Zeiten der Ansteckung"

Bestsellerautor Paolo Giordano hat sich früh in die Selbstisolation begeben. Als er sein Buch Ende Februar beginnt, ist in Italien erst ein Mensch an Covid-19 gestorben. Die folgende Corona-Katastrophe dokumentiert er sachlich, zugleich liefert er erhellende Reflexionen. Bereits in seinem erfolgreichen Debütroman "Die Einsamkeit der Primzahlen" überzeugte Giordano mit einem geradlinigen Stil. Auch im neuen Essayband ist die Sprache einfach und deutlich. Doch der Autor doziert nicht einfach abstrakt. Immer wieder holt er Kindheitserinnerungen hervor oder beschreibt sein Umfeld. "In Zeiten der Ansteckung" ist auch ein Appell, eine Einladung zum Nachdenken und vor allem zum Handeln.

Roman: Anna Burns – "Milchmann"

2018 wurde die nordirische Autorin Anna Burns zur Überraschungssiegerin in London, als sie mit ihrem Roman "Milchmann" den renommierten Man Booker Preis gewann. Auch ihrem dritten Roman "Milchmann" legt sie eigene Jugenderfahrungen zugrunde: Sie erzählt aus der Perspektive eines achtzehnjährigen Mädchens vom Aufwachsen in einem Belfaster Viertel der 1970er-Jahre, als der Bürgerkrieg in Nordirland am blutigsten tobte und Nachbarn einander mit Attentaten, Autobomben, Geiselnahmen und willkürlichen Morden bekämpften.

Trotz aller Detailgenauigkeit ist "Milchmann" kein polit-historischer Dokumentarroman über die so genannten nordirischen "Troubles". Anna Burns interessiert sich vielmehr für das Modellhafte an der nordirischen Situation – für das, was sich beispielhaft auf jeden anderen zivilen Konfliktherd auf der Welt übertragen lässt. Ihr Thema ist die kollektive soziale Deformation, die selbstzerstörerischen Feindseligkeitsstrukturen. Die Polarisierung in der Gesellschaft wird hier in ihren extremen Konsequenzen exemplarisch vorgeführt.

Krimi: Andrea Camilleri – "Kilometer 123"

Kurz bevor der große italienische Autor Andrea Camilleri im Sommer letzten Jahres starb, erschien in Italien sein Kriminalroman "Kilometer 123". Ausnahmsweise ist es kein Fall für Commissario Montalbano, und auch kein Buch, das in Sizilien spielt, wo Camilleri herstammte. "Kilometer 123" beginnt mit einem Autounfall des Bauunternehmer Giulio Davoli. Nach diesem Anfang legt der Autor ein aus Textnachrichten, Telefonaten, Zeitungsausschnitten, Protokollen und Gesprächen zusammengesetztes kriminalistisches Puzzle. Sein Buch schaffte es prompt wieder auf die italienischen Bestsellerlisten. Vor allem Camilleris großes Talent und Gespür für Dialoge zeigt sich darin wieder einmal. Wer übrigens Camilleris Kommissar Montalbano vermisst: Lange vor seinem Tod hatte der Autor verraten, dass der letzte Band der erfolgreichen Reihe längst geschrieben sei – aber erst nach seinem Ableben veröffentlicht werde. Das große Finale mit Montalbano steht also noch aus.

Sachbuch: Stefan Wolle – "Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt"

Ost-Berlin war die Hauptstadt der DDR, geteilt durch eine Mauer von einer Stadt, die ebenfalls Berlin war, jedoch unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang existierte. Der Historiker Stefan Wolle hat nun ein Buch vorgelegt, das die Geschichte von Ost-Berlin, seiner "Heimatstadt", in den Jahren von 1945 bis 1990 erzählt. Es sind Jahre des imposanten Aufbaus eines Zentrums, dessen Fernsehturm heute zum Markenzeichen der ganzen Stadt geworden ist. Es ist aber auch die Geschichte des Eingesperrtseins und des Protestes gegen die SED-Diktatur. Stefan Wolle bleibt auch mit diesem Buch seinem Markenzeichne treu: Auf stilistisch sehr ansprechende Weise verbindet er Alltagsgeschichte mit der Literatur- und Kulturgeschichte

Sachbuch: Helmut Böttiger – "Celans Zerrissenheit"

Zum 50. Todestag des Lyrikers Paul Celan ist ein Buch erschienen, das einen neuen Blick auf den Dichter bringt. Es beleuchtet dessen Verhältnis zu anderen Schriftstellern. So verband ihn mit Günter Grass neben der Literatur auch eine Begeisterung für Calvados, mit Böll endete Celan im Zwist. Erstaunlich mag Celans Kontaktaufnahme zu konservativen Autoren wie dem Schriftsteller Ernst Jünger und dem Philosophen Martin Heidegger erscheinen. Celan war ein Brückenbauer, was jedoch nicht immer gelang. Der Autor des Buches "Celans Zerrissenheit - Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist", Helmut Böttiger, zählt zu den profiliertesten deutschen Literaturkritikern der Gegenwart

Roman: Mariam Kühsel-Hussaini – "Tschudi"

Im Roman "Tschudi" geht es um Kunstgeschichte, genauer gesagt: um den Kampf um die Kunst an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht Hugo von Tschudi. Der umtriebige und innovative Direktor der Nationalgalerie in Berlin hat wirklich gelebt und setzte sich dafür ein, Werke der Maler der Moderne wie Manet, Monet und Renoir, nach Berlin zu holen. Doch damit schaffte er sich auch mächtige Gegner. In ihrem Roman stellt Mariam Kühsel-Hussaini den Direktor als Überfigur dar, der sich gegen die damals tonangebende patriotische Hofmalerei und damit sogar gegen den deutschen Kaiser stellt.

Sachbuch: Eske Bockelmann – "Das Geld"

Geld ist etwas, was wir täglich benutzen und fast immer bei uns tragen – ob als EC-Karte, virtuell in der Banking-App auf dem Smartphone oder als Scheine und Münzen im Portmonnaie. Doch wie konnte Geld zu solch einer Macht gelangen, wie konnte es sich historisch durchsetzen – und werden wir Geld in Zukunft überhaupt noch brauchen? Mit diesen Fragen setzt sich der Philologe Eske Bockelmann auseinander. In seinem neuen Sachbuch "Das Geld" wirft er einen Blick auf das europäische Mittelalter und die damalige Tauschwirtschaft und nähert sich Schritt für Schritt der Gegenwart. Dabei räumt er mit dem Glauben auf, es gebe einen Unterschied zwischen Bargeld und jenen fiktiven Summen an der Börse, die keinen realen Gegenwert mehr zu haben scheinen.

Roman: Isabel Bogdan – "Laufen"

Bestsellerautorin Isabel Bogdan ("Der Pfau") widmet sich in ihrem zweiten Roman dem Thema Trauer: Der Ehemann der namenlosen Protagonistin nimmt sich völlig unerwartet das Leben. Die Frau stürzt in eine tiefe Krise, Schuldgefühle treffen auf Hilflosigkeit und Verzweiflung. Um irgendwie wieder Boden unter den Füßen zu finden, beginnt sie zu laufen. Isabel Bogdan beschreibt prägnant und einfühlsam, wie ihre Protagonistin wieder zu sich selbst findet. Der Roman liest sich auch deshalb so gut, weil die Heldin liebenswert und robust ist, und auch die größte Krise ihren Humor nicht zu ersticken vermag.

Sachbuch: James Lovelock – "Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz""

Der 100-jährige Brite James Lovelock ist Autor und Wissenschaftler. Mit seinem Buch "Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz" skizziert er eine Welt, in der die Menschheit nach und nach von Cyborgs ersetzt wird. Von Wesen also, die mit einer künstlichen Intelligenz ausgestattet sind und ihre Energie nicht mehr in biologische Reproduktion umwandeln, sondern in Information – in Bits. Dabei handelt es sich für ihn jedoch nicht um eine dystopische Vorstellung, sondern eher um eine Entwicklung, die die Erde retten könnte.

Sachbuch: Jens Mühling – "Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer"

Jens Mühlings Reportagen und Essays über Osteuropa wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter sein erstes Buch "Mein russisches Abenteuer" oder "Schwarze Erde – eine Reise durch die Ukraine". Nun wagt er sich noch weiter. Für sein Sachbuch "Schwere See" ist er rund ums Schwarze Meer gereist, per Taxi, Anhalter, Bus und Schiff, durch sechs Länder und zu zahllosen Menschen. Poetisch und humorvoll erzählt er ihre Geschichten.

Roman: Jean Stafford – "Die Berglöwin"

In diesem Klassiker erzählt Jean Stafford (1915–1979) eine ungewöhnliche Geschwister-Geschichte: Die achtjährige Molly Fawcett und ihr zwei Jahre älterer Bruders Ralph wachsen Ende der 1920er-Jahre zusammen mit zwei älteren Schwestern im Los Angeles County behütet auf ... doch dann ändert sich ihr Leben radikal. Ein brillanter Coming-of-Age-Roman mit furiosem, verblüffendem Schluss. Höchste Zeit, ihn wiederzuentdecken.

Roman: Tom Kummer - "Von schlechten Eltern"

Tom Kummer ist vielleicht so etwas wie der böse Bube des deutschen Pop-Journalismus. In den 90er-Jahren wurde er durch seine Interviews, unter anderem mit Sharon Stone, Charles Bronson oder Brad Pitt, berühmt. Diese Interviews aber waren an vielen Stellen gefälscht oder wiederum aus anderen Interviews abgeschrieben. Ein Riesenskandal, der Kummer bis heute anhängt – den man aber vielleicht ausblenden sollte, wenn man nun den Schriftsteller Tom Kummer und seinen neuen Roman "Von schlechten Eltern" liest.

Darin nimmt der Autor wieder auf, worüber er schon in seinem 2017 erschienenen Roman "Nina & Tom" geschrieben hat: Er versucht, den Tod seiner Frau Nina im September 2014 zu bewältigen. Offensichtlich war sie für ihn in jeder Hinsicht genau das passende Gegenstück zu seiner eigenen Existenz. Die nach ihrem Tod empfundene übergroße, lähmende Trauer macht das Buch zu einem berührenden Leseerlebnis.

Roman: Verena Güntner - "Power"

Power ist verschwunden, der Hund von Frau Hitschke. Und Kerze, das wahrscheinlich selbstbewussteste elfjährige Mädchen der jüngeren deutschsprachigen Literatur, beschließt, auf die Suche zu gehen.

"Power" ist eine bittere Parabel über eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht ernstnimmt. Dass die Geschichte in einem brüllheißen Dürresommer spielt, weckt Assoziationen an Bewegungen wie Fridays for Future. Der Roman war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert.

Roman: George Eliot - "Middlemarch"

Wo, um alles in der Welt, liegt Middlemarch? Irgendwo mitten in England, und es bringt die Widersprüche der angelsächsischen Gesellschaft um 1830 so glänzend auf den Punkt, wie dies nur ein erfundenes Provinzstädtchen tun kann. Es gibt tumbe Adlige, dreiste Pferdehändler, schwärmerische Frauen, junge Männer mit Spielschulden, andere, die idealistisch ihrem Beruf nachgehen, verknöcherte Gelehrte, kluge Mütter, skrupellose Aufsteiger, gewiefte Bösewichter, fortschrittliche Gutsbesitzer und lebenslustige Pfarrer.

In dem ab 1871 in Fortsetzungen erschienenen 1.200-seitigen Wälzer gelingt George Eliot ein fesselndes Epochenbild. Nicht zuletzt ist die Verfasserin, die eine erfolgreiche Journalistin war und ein erstaunlich selbstbestimmtes Leben führte, äußerst humorvoll. In England und den USA ist "Middlemarch" ein Klassiker. Jetzt kann man den Roman in der beeindruckenden Neuübersetzung von Melanie Walz auch auf Deutsch entdecken.

Roman: Fran Ross - "Oreo"

Außen schwarz, innen weiß - auf den Cremekeks spielt Christines Spitzname Oreo an. Die 15-jährige Protagonistin in Fran Ross' Roman hat eine schwarze Mutter und einen jüdischen Vater, so wie die Autorin. In einer überdrehten Abenteuergeschichte erzählt sie, wie das Mädchen nach New York aufbricht, um ihren Erzeuger zu suchen. Ross' Debüt kam 1974 in den USA heraus, wurde aber kaum beachtet. Sie war wohl zu früh dran, als multiethnische Autorin einer köstlich politisch-inkorrekten Satire.

Sachbuch: Greta Taubert - "Guten Morgen, du Schöner"

Wer ist der ostdeutsche Mann? Das hat sich die Journalistin Greta Taubert gefragt, nachdem sie in Medienberichten über den Osten vor allem auf sächselnde Wutbürger gestoßen ist. Um hinter dieses Klischee zu schauen, hat sich Taubert selbst auf die Suche nach dem Ostmann gemacht. Entstanden ist ein Interviewband, der an den Klassiker von Maxie Wander angelehnt ist. Hier heißt es nicht: "Guten Morgen, du Schöne", sondern "Guten Morgen, du Schöner". Dabei gelingt es der Autorin, die männliche Ostidentität in ungeahnt vielen Facetten aufzuzeigen.

Sachbuch: László F. Földényi - "Lob der Melancholie"

László F. Földényis "Lob der Melancholie" ist eine Sammlung luzider Essays, die keine Definitionen liefert, keine Gewissheiten vermittelt, sondern sich mit genauer Beobachtungsgabe ihrem Gegenstand nähert. Für diese große Studie wurde der ungarische Kunsthistoriker und Essayist mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Die Jury hat sich, liest man ihre Begründung, verzaubern lassen von Földényis Wissen und von der Art und Weise, wie er verschiedene künstlerische Phänomene feinsinnig miteinander in Beziehung zu setzen versteht.

Sachbuch: Kristen R. Ghodsee - "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben"

"Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben" - allein der Titel ist eine Provokation: Denn er fragt nicht ob, sondern behauptet, dass es so ist. Und stellt damit einen Zusammenhang her, der sich nicht so ohne Weiteres erschließt: zwischen dem wirtschaftlichen und politischem System und dem eigenen Sexualleben.

Doch der ist durchaus da, wie Kristen Ghodsee nachweist, und der Untertitel des Buches: "Und andere Argumente für wirtschaftliche Unabhängigkeit", gibt einen ersten Hinweis, worin dieser besteht. Ghodsee analysiert sozialistische Systeme, um so die heutige Gesellschaft zu verbessern. Lesenswert!

Sachbuch: Matthias Henke - "Akkord der Welt"

Joseph Haydn schrieb über hundert Sinfonien, Beethoven nur neun. Aber die hatten es in sich: Es sind die meistgespielten Sinfonien der Welt. Der Mensch hinter dieser bewunderten Musik hat gelitten. Er verliebte sich immer wieder und blieb allein. Mit 28 Jahren begann sein Hörverlust, bis zur vollständigen Taubheit. Passend zum Beethoven-Jahr 2020 ist eine neue Beethoven-Biografie erschienen. Geschrieben hat sie der Musikwissenschaftler Matthias Henke.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2020 | 09:05 Uhr

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