Vom Ende einer "Institution" Salzwedel: Abschied von der Buchhandlung Weyhe

1840 wurde sie eröffnet, die Buchhandlung Weyhe. Jetzt geht mit der Schließung des Ladens und dem Verkauf des Hauses eine Ära zu Ende. Helga Weyhe, die im Januar 2021 mit 98 Jahren starb, wird von ihrer Kundschaft immer noch als "Institution" bezeichnet: "Sie war die Buchhandlung". Viele nehmen nun Abschied von diesem Ort, der sie inspiriert und geprägt hat.

Buchhandlung H. Weyhe steht über dem kleinen unscheinbaren Laden in der gut befahrenen Straße in der Salzwedeler Innenstadt. Betritt man den mit dunklem Holz getäfelten Laden, möchte man sofort beginnen zu stöbern, doch heute herrscht hier schon ein ungewöhnliches Treiben: Kundinnen und Kunden schleppen noch einmal ganze Bücherberge aus dem Laden: Denn der Laden schließt.

Treue Kundschaft nimmt Abschied

Helga Weyhe
Helga Weyhe Bildrechte: dpa

Vor dem Buchladen steht bereits ein älterer Herr, gekleidet wie zu einer Beerdigung, dem Anlass angemessen, meint er. Er nehme Abschied von dem Buchladen. Und damit auch von einer ganz besonderen Frau: "Die alte Dame, ältere Dame, die immer noch Ratschläge gab für Bücher. Sie hat alle, fast alle, gelesen. Also wusste sie hier genau, was drinsteht. Das war für uns immer das, was man hier so geliebt hat."

Auch Helga Geißler, Keramikerin in München, ist hergekommen, um sich von dem Laden zu verabschieden, zu dem sie jahrzehntelang Verbindung hatte über die Buchhändlerin: "Helga Weyhe war für mich ganz wichtig. Ich bin zwar in Berlin und Bayern aufgewachsen, aber geboren in der Altmark. Die Altmark ist ein Bauernland, und darum war es für mich ganz wunderbar, dass die Helga hier solche Kultur in Salzwedel vertreten hat. Also wenn ich ein tolles Buch gesehen habe, die Helga hat es mir besorgt, und alle meine tollen Bücher sind von Helga Weyhe."

Weyhe liebte Reiseliteratur und Kinderbücher

Buchhandlung Weyhe in Salzwedel
Innenansicht der Buchhandlung Weyhe Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Helga Weyhe wurde 1922 in dem Haus geboren, in dem sie später jahrzehntelang als Buchhändlerin arbeitete. In dieser Zeit las sie sich durch unzählige Regalmeter, bevorzugt Reiseliteratur, weil sie gern reiste, liebte Kinder- und Jugendliteratur, weniger Krimis, aber interessiert hat sie am Ende fast alles. Eine Kundin berichtet:

"Also ich habe sie kennengelernt, weil ich bestimmte Literatur haben wollte, die in anderen Buchhandlungen hier nicht zu haben war. Ich war beim Amtsgericht beschäftigt und brauchte Gesetzestexte, und sie hat das sofort besorgt. Sie hat eigentlich alles gehabt, ob das jetzt alte Literatur war oder neue, und sie kannte sich mit allem aus. Ich hatte das Gefühl, sie hat alle Bücher gelesen, selbst die neueren Sachen kannte sie. Selbst 'Fifty Shades of Grey' kannte sie. Das fand ich faszinierend."

Weyhe fuhr in DDR-Zeiten nach Italien

Blick auf das Wohn- und Geschäftshaus der Buchhandlung von Helga Weyhe in der altmärkischen Hansestadt Salzwedel
Blick auf das Wohn- und Geschäftshaus der Buchhandlung von Helga Weyhe in der altmärkischen Hansestadt Salzwedel Bildrechte: dpa

Ingrid Rosenthal und ihre Schwester sind Helga Weyhes Nichten, sie stehen heute zum Abschied hinter dem Ladentisch. Als Kinder haben sie von ihrer Tante wenig mitbekommen, erzählt Rosenthal. Wenn sie in den Betten lagen, hörten sie vielleicht ab und an, wie ihre Tante Klavier übte. Tante Helga bereiste zudem die Welt, ohne dass ihre Nichten davon etwas wussten. Helga Weyhe fuhr nach Rom, besuchte Florenz. Dort hatte sie einen Onkel aus ihrer in der ganzen Welt verstreuten Familie: "Das war in den 50er-Jahren zu DDR-Zeiten. Aus Amerika hatte Tante Helga Geld bekommen, das durften die Kinder damals nicht wissen."

Helga Weyhe war eine "Institution"

Helga Weyhes Verdienste wurden auch gewürdigt: Seit ihrem 90. Geburtstag war sie Ehrenbürgerin der Hansestadt Salzwedel, 2017 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Sonderpreis für langjährige und herausragende Verdienste um den deutschen Buchhandel ausgezeichnet. Sicher war Helga Weyhe stolz auf diese Preise, doch geliebt hat sie die Welt der Bücher, die Welt der Literatur. Dafür hat sie gelebt. Und das gibt ihr ihre Kundschaft nun zurück: Sie bezeichnet sie als "Denkmal" oder "Institution", als eine Frau, "die zu sich selbst streng war, aber von uns geliebt wurde".

Eine Ära geht zu Ende

Viele Menschen wissen viel über Helga Weyhe zu berichten. Viele werden sie und ihren Buchladen auch vermissen, zumal das Familienhaus, in dem sich der Laden befindet, nun verkauft wird. Die Familie lebt verstreut, niemand kann sich so richtig kümmern. Dass damit die Ära einer Buchhandlung zu Ende geht, die 1840 eröffnete, finden dennoch Etliche nachvollziehbar. Denn Helga Weyhe war nicht nur eine besondere Persönlichkeit: "Sie war die Buchhandlung", so sagt es eine Kundin.

Der Buchladen H. Weyhe schließt für immer, was an seine Stelle kommt, ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass Helga Weyhe, ihr Leben und ihre Geschichte weiterleben. In den Bücherregalen ihrer Kundinnen und Kunden wie auch in den Köpfen und Herzen ihrer Familie und Freunde.

Buchhandlung Weyhe in Salzwedel
So wurde man an der Tür der Buchhandlung Weyhe begrüßt: mit klugen Worten. Bildrechte: IMAGO / Tobias Wölki

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2021 | 08:15 Uhr

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