Zum 80. Geburtstag am 30. September 2017 Erinnerung an Jurek Becker: Die Tragik im Heiteren aufgelöst

"Der Grund, dass ich nicht ganz dicht im Koppe bin, liegt ja ganz eindeutig auf der Hand", sagte Jurek Becker mal über sich. Klingt, als ob er nicht zu viel Aufhebens machen wolle um das Grauen, in dem sein Leben beginnt. Als wolle er sagen: Die absolute Düsternis überlebst du nur mit Humor - und Fantasie. Am 30. September 2017 wäre er 80 Jahre alt geworden.

Vlastimil Brodsky (li.) als Jakob, Erwin Geschonneck als Kowalski
Vlastimil Brodsky (li.) als Jakob, Erwin Geschonneck als Kowalski in Frank Beyers Verfilmung von "Jakob der Lügner" (1974) Bildrechte: MDR/rbb/DRA/Herbert Kroiß

Als Autor hat Jurek Becker die tragikomische Geschichte von "Jakob dem Lügner" erfunden, der die Juden im Ghetto einer polnischen Kleinstadt am Leben festhalten lässt, indem er behauptet, er habe ein Radio und vom Vorrücken der sowjetischen Armee gehört. Nichts davon ist wahr. Doch schlagartig hören die Selbstmorde im Ghetto auf, manch einer träumt sogar schon vom Leben danach. Um seinen Leuten die Hoffnung zu lassen, wird Jakob zum Lügner, der immer neue Verheißungen vermeldet. Am Ende wird er mit seinen Leuten in die Vernichtung gehen.

Die Tragik im Heiteren auflösen

Jurek Becker
Jurek Becker (1937-1996) Bildrechte: IMAGO

Becker habe immer versucht, das Tragische im Heiteren aufzulösen, es aber dabei ganz und gar nicht vergessen gemacht, so erklärt der Literaturkritiker Helmut Böttiger die Grundhaltung des Autors, der am 30. September 80 Jahre alt geworden wäre: "Die Wurzeln dafür liegen in seiner Kindheit, und er hat immer wieder gesagt, dass es ihm selbst nie ganz klar geworden ist, wie er seine Kindheit verbracht hat." Seine Credo lautete Böttiger zufolge: "Erfindung ist die genaueste Erinnerung".

Als Jerzy Bekker wird er 1937 im polnischen Lódz geboren. Seine früheste Kindheit verbringt er im Ghetto, dass die Nazis in der Stadt einrichten. Mit seiner Mutter kommt er erst ins KZ von Ravensbrück, dann nach Sachsenhausen, wo sie, die alles Essbare für ihren Sohn aufgespart hat, noch im Mai 1945 an Entkräftung stirbt. In einer provisorischen Krankenstation des Lagers wird der Siebenjährige von seinem Vater gefunden.

Ringen um Sprache und Erinnerung

Nach dem Kriegsende gehen beide nach Ost-Berlin. Mit neun Jahren kommt Jurek Becker in die erste Klasse und fühlt sich, da er im Lager nur eine verquere Sprachmischung mitbekommen hat, wie ein Sonderling, der "als einziger nicht richtig reden kann". Er lernt Deutsch wie eine Fremdsprache, "während andere Kinder Maikäfer sammeln", befasst er sich "mit Vokabeln und mit Grammatik und mit Syntax", was ihn später auf Feinheiten achten lässt. Sein Vater, der Auschwitz überlebte, schätzt weder die ersten Versuche seiner Dichtkunst, noch den Roman "Jakob der Lügner", der seinen Sohn berühmt machen wird. Für ihn ist er zu weit weg von der harten Realität.

Mein Vater dachte, die Darstellung von Gräueltaten zum Beispiel löst von ganz allein Erschütterung aus. Bei ihm natürlich – ich sehe keinen Sinn im Sich-Erinnern, wenn man eine Vergangenheit wie ein Insekt betrachtet, das im Bernstein eingeschlossen ist.

Jurek Becker
Bronsteins Kinder, Fernsehfilm nach dem Roman von Jurek Becker Deutschland 1993
Szene aus der Verfilmung von "Bronsteins Kinder" (1993) Bildrechte: IMAGO

Den Sohn wiederum macht "eine bestimmte Literatur über den Krieg, über Ereignisse darin, über Judenverfolgung" im Osten "fuchsig", weil sie "im Grunde keine Literatur ist, sondern immer nur einen Stein auf den anderen, auf ein Monument fügt, das längst dasteht für die Opfer". Und als Opfer fühlen will er sich nicht. Kritiker Helmut Böttiger erklärt die doppelte Abwendung vom Vater so: "Er definiert sein jüdisches Herkommen anders, und er sucht nach Wegen, sich dieses Herkommens auf komische Weise zu bemächtigen." Erst später wird Becker den jüdischen Generationenkonflikt in der DDR in seinen Romanen "Der Boxer" (1976) und "Bronsteins Kinder" (1986) thematisieren, zunächst will er erstmal ankommen in diesem Land.

Lebensfreund Manfred Krug

Becker wird 1955 Kandidat der SED, dann Partei-Mitglied, er meldet sich freiwillig zur kasernierten Volkspolizei. Er will DDR-Bürger sein. Doch seine Geschichte bewahrt ihn davor, zum Ideologen zu werden. Er behält den Außenseiterblick. 1957 beginnt er an der Humboldt-Universität Philosophie zu studieren und er sucht den spielerischen Umgang mit der Gegenwart: Auf Einladung schreibt er ab 1959 für das Ost-Berliner Kabarett "Die Distel". Im "Klub junger Künstler" hat er da bereits Manfred Krug kennengelernt, der sich gerade im Jazzgesang übt. Er wird sein Lebensfreund, dem er später nach seinem Weggang aus der DDR die Rolle des Anwalts in der ARD-Serie "Liebling Kreuzberg" auf den Leib schneidert, die wird bei Kritik und Publikum zum Erfolg, weil Becker darin große Probleme verhandelt - mit Humor, ohne gefällig zu sein.

Becker will nie ideologisch verkrampfen, doch nach dem Amtsantritt Honeckers wird das kulturpolitische Klima in den 70er-Jahren in der DDR immer unerträglicher. In seinem Roman "Irreführung der Behörden", der 1973 erscheint, schreibt Becker über einen Autor, den sein Erfolg zum Opportunisten zu machen droht - und blickt damit auf seine privilegierten Schriftsteller-Kollegen und auf sich selbst. Im Roman "Schlaflose Tage", der in der DDR nicht erscheinen wird, erzählt er von einem Lehrer, der erschüttert ist von der Gleichgültigkeit seiner Schüler und lässt ihn sagen: "Ich selbst, sagte er sich, habe meinen traurigen Anteil daran, denn ich habe sie zielstrebig erzogen, sich vor jeder Beunruhigung zu verschließen."

Becker will redlich bleiben. Seine Stellungnahmen gegen den Auschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband der DDR oder gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 - sind eindeutig. Auch sein Austritt aus der Partei Anfang 1977.

In der letzten Zeit, die ich in der DDR lebte, kam ich mir vor wie vor ner Weiche: Autor zu sein oder so ne Art von Widerstandskämpfer zu werden. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich für eine dieser zwei Karrieren entscheiden. (...) Es ist etwas verlorengegangen in den Texten, was ich für ein ganz wesentlichen Ingredienz von Literatur halte, ein Geheimnis.

Jurek Becker

Im Dezember 1977 reist Jurek Becker mit einem Zweijahresvisum aus der DDR aus, danach wird es um zehn Jahre verlängert - bis zum Jahr 1989. Die Staatsbürgerschaft der DDR wird ihm bis zum Schluss nicht aufgekündigt, und darauf legt er auch Wert, will er doch weiter über das Land schreiben. Für Becker bleibt die DDR scheinbar allgegenwärtig, egal, wo er ist. So schreibt er seinem Freund Manfred Krug im April 1980 aus Kanada:

Kanada macht auf mich irgendwie den Eindruck, als wäre eine DDR-Firma beauftragt worden, USA-Verhältnisse hier einzuführen. Das macht es mir leicht, mich gut zu fühlen.

Jurek Becker auf einer Postkarte an die Krugs aus Kanada, 18.04.1980

Bis zum Ende steht er zwischen Ost und West. Becker stemmt sich bei seinen öffentlichen Auftritten gegen die Verunglimpfung seines alten Landes nun als Hort einer neuen braunen Gefahr genauso wie gegen Verklärung. Nüchtern erklärt er damals:

Wenn Literatur überhaupt etwas Tröstliches haben kann, dann für meine Begriffe das, dass sie mir hilft, die Situation, in der ich stecke, besser zu begreifen. 

Jurek Becker

1992 erscheint mit "Amanda herzlos" sein letzter Roman. Am 14. März 1997 stirbt Jurek Becker 59-jährig im schleswig-holsteinischen Sieseby an Krebs.

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR auch im: Feature | MDR KULTUR - Das Radio | 27.09.2017 | 22:00 Uhr
Erfindung ist die genaueste Erinnerung: Jurek Becker

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