Buchtipp "Ein Alphabet der Tiere": Generationsübergreifende Buchkunst aus Halle

Gleich mehrere Generationen liegen zwischen Fritz Puschendorf und Helmut Brade. Der eine ist 14 Jahre alt, der andere 82. Gemeinsame Interessen dürften da schwer zu finden sein. Doch tatsächlich haben sich die beiden eine Zeit lang regelmäßig getroffen, um zu zeichnen. Weil Helmut Brade nicht nur Bühnenbildner, sondern vor allem auch Grafikdesigner ist, ist daraus ein kleines Buch entstanden: "Ein Alphabet der Tiere".

Zeichnungen eines Salamanders, Drachens und Leopards 4 min
Bildrechte: Galerie Erik Bausmann

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.03.2021 18:00Uhr 04:08 min

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Was für ein wundersames Büchlein: Draußen auf dem Einband wirbeln Buchstaben wie Schneeflocken durcheinander. Drinnen haben sich diese Buchstaben-Flocken ebenfalls munter verwirbelt auf einzelnen Seiten niedergelassen. Dazu gesellt sich auf jeder Seite ein Tier, dessen Name mit dem jeweiligen Buchstaben beginnt. Ulkige Tiere sind das: Ein mit großen, schönen Augen nachdenklich dreinblickender Löwe, magisch gemusterte Fische und Echsen, ein riesiger Marienkäfer. Gezeichnet mit Feder und Tusche. Immer zwei Vertreter der selben Art tauchen im Buch auf.

Gemeinsames Zeichnen – das gleiche Prinzip wie bei der Hausmusik

Buchcover von "Alphabet der Tiere"
"Ein Alphabet der Tiere" ein Gemeinschaftsprojekt von Fritz Puschendorf und Helmut Brade. Bildrechte: Galerie Erik Bausmann

Erst beim genaueren Hinsehen sind zwei Handschriften erkennbar: Die von Helmut Brade, 82, emeritierter Professor für Kommunikationsdesign an der Burg Giebichenstein in Halle und die von Fritz Puschendorf, 14, Schüler. "In der Familie von Fritz, war es üblich, immer mal sonntags gemeinsam am Tisch zu einem Thema zu zeichnen", erzählt Helmut Brade vom Ursprung dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit. Als Freund der Familie war er bei diesen Treffen manchmal dabei. "a erwies sich, dass sich die Zeichnungen der Erwachsenen und die der Kinder auf eine sehr originelle Weise verbinden,", fügt Brade hinzu. Ein Effekt, der Helmut Brade an die gute alte Hausmusik erinnerte.

Kurzerhand bat der Grafikdesigner und Bühnenbildner daraufhin Fritz, den jüngsten Sohn der befreundeten Familie, zum Weiterzeichnen im Duett. In der daraus entstehenden Harmonie glichen sich die Zeichnungen mit der Zeit einander an. Was zunächst nicht als wöchentlicher Treff gedacht war, sei schnell zum Ritual geworden, erklärt Fritz.

Das Alphabet als Notenspur

Gezeichnet wurden Tiere, das Alphabet diente gewissermaßen als Notenspur. Neben großem Vergnügen barg das auch gewisse Schwierigkeiten: "Wenn man nun einen Buchstaben will und dann hat man das K: Krokodil, Kellerassel, Kuh, Käfer, Kaulquappe, Kolibri, Kohlmeise, Kohlrabe, Kanarienvogel – da muss man sich dann was aussuchen. Aber wie ist es beim X, was gibt es für ein Tier mit X?"

Zeichnungen eines Krokodils und eines Löwen
Auf originelle Weise verbinden sich die Zeichnungen Helmut Brades mit denen von Fritz Puschendorf. Bildrechte: Galerie Erik Bausmann

Anregungen lieferten, neben Bildern aus dem Internet, vor allem enzyklopädische Prachtwerke des 19. Jahrhunderts, wie John James Adubons Foliant "Die Vögel Nordamerikas" oder Friedrich Justin Bertuchs "Bilderbuch für Kinder". Entstanden in der Zeit Goethes, nennt Brade jene Enzyklopädien die schönsten kolorierten Bücher, die er kenne.

Eine naturgetreue Wiedergabe steht nicht im Vordergrund

Blättert man im Internet durch die digitalisierte Fassung des historischen Werkes, so sieht man, dass neben Tieren und Pflanzen auch Fabelwesen und Ungeheuer ihren Platz in der Enzyklopädie für Kinder behaupten. Vielleicht deshalb haben sich im Tieralphabet von Fritz Puschendorf und Helmut Brade auch zwei Drachen eingeschlichen. Die naturgetreue Wiedergabe stand ohnehin nicht im Vordergrund. Fritz kam es vor allem darauf an, dass die Zeichnungen seinem persönlichen Geschmack entsprechen und vielfältig sind: "Wenn alles genauso aussieht wie im Buch, dann ist es ja nichts Einzigartiges." Helmut Brade ergänzt: "Unser Anliegen war es, kleine, sympathische, schön ansehbare Einzelblätter zu machen, die sich im Ganzen zu einer angenehmen Gesellschaft zusammenfinden."

Zeichnungen eines Gürteltiers und eines Steinbocks
Das Alphabet diente den beiden Zeichnern als Notenspur – bei so manchem Buchstaben durchaus eine Herausforderung. Bildrechte: Galerie Erik Bausmann

Tätiges Zusammensein ist was ganz Wunderbares.

Helmut Brade, Professor für Kommunikationsdesign

Diese angenehme Gesellschaft ist auch ausgesprochen schön aufgehoben. Denn das "Alphabet der Tiere" wurde von Helmut Brade von der Fadenheftung bis zur Typografie nach allen Regeln der Buchkunst ausgestattet und im Selbstverlag in einer kleinen Auflage gedruckt. "Tätiges Zusammensein ist was ganz Wunderbares. Wenn man etwas initiieren kann, ist das prinzipiell schön", meint Brade. So kann das Buch vor allem als Anregung gesehen werdem, gemeinsam etwas zu unternehmen. Generationsübergreifend, ohne Berührungsängste und ohne Druck. Der 14-jährige Fritz Puschendorf kann nur jeden dazu ermutigen, selbst Bleistift oder Zeichenfeder in die Hand zu nehmen. Er rät dazu einfach anzufangen, am besten mit Hilfe: "Dann wird das, mit Übung und Zeit."

Und welches ist nun das Tier mit X?

Die Antwort darauf ist im Buch "Ein Alphabet der Tiere" zu finden. Oder besser: zu erraten. Denn auf Gattungsbegriffe haben die beiden Zeichner in ihrem kleinen Bestiarium verzichtet.

Angaben zum Buch "Ein Alphabet der Tiere"
Mit Zeichnungen von Fritz Puschendorf und Helmut Brade sowie zwei Fabeln von Gotthold Ephraim Lessing.

Zu beziehen über die Galerie Erik Bausmann
Martha-Brautzsch-Strasse 13
06108 Halle

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 03. März 2021 | 18:50 Uhr

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