Buch: "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" Warum sich die Fluchterfahrungen heute und nach dem Zweiten Weltkrieg ähneln

Das Thema Flucht beschäftigt Andreas Kossert in seinem neuen Buch "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte". Der 1970 geborene Berliner Historiker hat zuvor schon Bücher über die Masuren und Ostpreußen geschrieben, mit "Kalte Heimat" über die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 gelang ihm ein Bestseller. MDR KULTUR-Literaturkritiker Holger Heimann hat Kosserts neues Buch gelesen und mit dem Autor gesprochen.

Eine Asylbewerberin trägt ihr kleines Kind
Schon immer waren auch Kinder Leidtragende von Flucht und Vertreibung Bildrechte: dpa

Nicht allein die Bibel berichtet vom Exodus und vom Exil. Geschichten von Flucht und Vertreibung gibt es in vielen Sprachen, Kulturen und Religionen. Die Erfahrung des Heimatverlustes haben Menschen zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt gemacht.

Das 20. Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen markiert einen traurigen Höhepunkt dieser Erzählung von Gewalt und Leid. 60 Millionen Flüchtlinge wurden allein in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gezählt.

Familien auf der Flucht
Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Flucht in Tagebüchern, Gedichten, Romanen

Unsere Gegenwart fügt dem Drama des erzwungenen Exils ein weiteres Kapitel hinzu. Der Historiker Andreas Kossert erzählt die globale Geschichte eines traurigen Kontinuums aus der Perspektive der Betroffenen. Er stützt sich dabei auf Tagebücher, Briefe und Autobiografien. Aber er lässt auch Zitate aus Romanen und Gedichten einfließen, vor allem von Autoren, die selbst über einschlägige biografische Erfahrungen verfügen. Das ist ungewöhnlich für einen Historiker. Kossert weiß das. Er sieht sich als Grenzgänger zwischen den Disziplinen.

Literatur ist wie ein Seismograph, um die Zwischenräume zu beschreiben, in die ich empirisch nicht so ganz reinkomme. Für mich ist eines der besten Beispiele, wenn Christa Wolf Heimweh als Todesursache beschreibt. Das finden Sie in keinem medizinischen Lehrbuch. Und trotzdem kann man an Heimweh sterben.

Andreas Kossert

Kossert konzentriert sich auf Europa und den Nahen Osten. Aber er blickt auch nach Indien und Pakistan, nach Vietnam und Guatemala. Zentral sind für ihn der Zweite Weltkrieg und dessen Folgen, was nicht verwundert, hat Kossert über die Zeit, die so viele Entwurzelte wie keine andere produzierte, doch am längsten geforscht.

Zelte vor der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, 1989
DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft 1989 Bildrechte: dpa

Aus individueller Sicht

Bewusst bündelt er die Fülle der Stimmen, die er gesammelt hat, nicht zu ethnischen oder sozialen Gruppen. Sein Fokus ist radikal auf den Einzelnen gerichtet. Kossert rückt dabei auch historisch und geografisch weit auseinander liegende Schauplätze unmittelbar nebeneinander. Er will und kann zeigen, dass die Leiderfahrungen, die Menschen gemacht haben und die Aufgaben, vor die sie gestellt wurden, sich stets ähneln.

Andreas Kossert
Andreas Kossert Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Die Kontexte und Ursachen verändern sich des Öfteren, aber es gibt diese immer gleichbleibenden Erfahrungen des erzwungenen Heimatverlustes, der Ungewissheit des Weges. Was bedeutet das Ankommen? Wann komme ich an? Und wie geht mein Leben danach weiter? Und wie halte ich letztendlich diese Spannung aus zwischen, den Verlust zu betrauern und im neuen Leben anzukommen?

Andreas Kossert

Manche kommen nie an

Flucht endet häufig nicht mit der physischen Ankunft in einem anderen Land. Manche derer, die sich retten konnten, sind zu einem lebenslangen Lagerleben verurteilt und verharren abgeschirmt von der Welt in einer Art ewigem Warteraum. Andere begegnen oft genug derben Anfeindungen. Als gesichtslose Masse strahlen die Menschen, die alles verloren haben und vom Erlebten gezeichnet sind, etwas Bedrohliches aus und werden für alle erdenklichen Übel verantwortlich gemacht.

Rohingya-Flüchtlinge in einem Camp in Nayapara in Bangladesch
Rohingya-Flüchtlinge in einem Camp in Bangladesch Bildrechte: imago/Rene Traut

Doch Kossert zeigt auch, wie die Ankömmlinge die Ortsansässigen herausfordern: "Mir ging es nie darum, die Vertriebenen auf eine reine, passive Opferrolle zu reduzieren. Das würde ihnen überhaupt nicht entsprechen. Trotz allem sind sie am Anfang in erster Linie Bittsteller. Sie sind diejenigen, die in einer Mehrheitsgesellschaft anklopfen und um Einlass bitten. Aber wenn sie angekommen sind und letztendlich auch dauerhaft bleiben, verändern sie Gesellschaften. Sie brechen verkrustete Strukturen auf, sie hinterfragen alte Zöpfe, alte Hierarchien."

Kossert beklagt, dass es Aufnahmegesellschaften immer wieder an Vorstellungskraft für das Leid der Entwurzelten mangelt, aber er zeigt auch, dass dahinter uneingestandene Verlustängste stehen können. "Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben", zitiert er den österreichischen Autor Jean Amery, der sehr genau wusste, wovon er sprach. Kosserts einfühlsames Buch ist ein großes Plädoyer für Empathie und Mitmenschlichkeit.

Andreas Kossert, Flucht
Cover des Buches "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" von Andreas Kossert Bildrechte: Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Das Buch Andreas Kossert: "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte"
432 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-8275-0091-5
Siedler Verlag

Flucht und Vertreibung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Dezember 2020 | 08:10 Uhr

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